Einmal habe ich John Berger besucht. Er ist Maler und Kunstkritiker und war schon damals, in diesem eisigen Februar 2007, ein alter Mann. Eine Kultfigur, verehrt von denen, die in der Kunst etwas suchen, was das Leben nicht gern hergibt: eine Antwort auf die Frage, wie das Wesentliche zu erkennen ist. Berger wohnt in einem Dorf in den französischen Savoyen. Als ich mit meinem geliehenen Kleinwagen, von Genf aus kommend, die Terpentinen hochkurvte, wusste ich noch nicht, dass mich eine Begegnung erwartete, die zu den schönsten in meinem Journalistenleben gehören würde. Heute, da ich es weiß, bin ich dankbar für diese Erfahrung, die mir typisch erscheint für etwas, was wohl so nur bei dieser Zeitung möglich ist – Zeit zu haben, sich in ein Thema zu versenken, und die Dinge kommen zu lassen.

Als ich in Bergers Dorf eintraf, war er nicht da. Plötzliche Abreise nach Paris, zur Beerdigung eines Freundes. John werde in zwei, drei Tagen zurückerwartet, hieß es begütigend. Dies war offenkundig keine Welt, in der Celebrity-Interviews in Zwanzig-Minuten-Modulen getaktet werden, während man unentwegt über die Beschleunigung der Moderne jammert. Ich nistete mich in einem Gasthof ein. Ich las noch einmal in meinen John Bergers – der Studie zu Rembrandt, den Überlegungen zur Gestaltung der Körper bei Modigliani, dem Roman aus der Perspektive eines Hundes, stöberte in den Reisefeuilletons.

Ich hockte Stunden bei Bergers Frau in der riesigen, vom Alter dunkelbraun patinierten Küche des Hofes, in dem die Bergers wohnen, und Beverly fütterte mich mit Wurstscheiben, die sie von einer fetten Salami abschnitt. Bergers Sohn Yves zeigte mir die Kuhställe und seine wilden Gemälde. Am zweiten Tag wurde Schnaps gebrannt. Ein kleiner Lieferwagen war auf den Dorfplatz gefahren. Bald sumsten und rumsten die Kupferfässer auf der Ladefläche. Zum Mittag wurden Brühwürste im Obstler gegart.

Am dritten Tag war John wieder da.

Einen ganzen Tag lang verbrachten wir in einem kargen Zimmer unter dem gewaltigen Dach des Hofes und rangen miteinander. Etwa so: John, entdecken wir etwas in der Kunst, was wir hineinlesen, oder zeigt sie uns, was wir nur begreifen, weil sie es offenbart? Hmmmm. Berger sagt, es gehe immer um den Prozess des Sehens. "Was Sehen ausmacht, ist, dass es uns in direkten Kontakt mit dem Sein bringt."

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

In einem seiner schönsten Texte denkt Berger die Kunst und die Natur und uns Menschen zusammen, er beschreibt, wie er in den Höhlen von Lascaux mit dem Finger eine Linie nachzeichnet, mit der einer der ersten Künstler der Gattung Mensch vor 17.000 Jahren die Flanke eines Hirsches malte unter Ausnutzung einer Wölbung des Felsens, den die Natur hervorgebracht hatte, etwa 89 Millionen Jahre ist es her.Berger ist ein Intellektueller, frei von jener gespreizten Überheblichkeit, mit der so viele seines Standes ihre Bedeutung unterstreichen. Ein Mann wie ein alter Vogel. Das weiße Haar zerrupft, die Nase ein scharf geschnittener Bogen und rechts und links daneben diese leuchtend blauen Augen.

Wie haben Sie, John, dieses Geheimnis entdeckt, das sich in der Kunst offenbart? Hmmm. Lange Pause. Berger sagt: "Wenn Sie sich anschauen, was uns auf natürliche Weise umgibt – nicht nur das Menschengemachte –, sind Sie im Reich des Unendlichen. Deshalb zeichne ich. Und habe immer gezeichnet. Bäume. Landschaften, Körper, Fische. Zeichnend beginnt man, die unendliche Komplexität zu sehen, sodass der Prozess des Zeichnens – ohne dass etwas ausgesprochen würde – eine Art des Gebetes ist."

Genug geredet. Das Motorrad wurde aus dem Stall geschoben. Was dann passierte, beschrieb ich in meinem Artikel: "Ein Aufbrüllen. Die Häuser stieben rechts und links davon. Uns entgegen fliegt die Straße und rollt sich gleichzeitig weg, die Geschwindigkeit greift unter uns und setzt uns auf eine Flugbahn, die mit den Wellen der Abhänge schwingt. Die erste Serpentine. Fahlgraue Felswände, nach rechts abstürzend ..."

Wie heißt es in Bergers Essay über die Stillleben Morandis? "Man muss sich die Welt als ein Blatt Papier vorstellen, und die Hand eines Schöpfers zeichnet und probiert Dinge aus, die noch nicht existieren."

Ich schrieb: "Es wäre vermessen, zu vermuten, jemand hätte mehr als 65 Millionen Jahre daran gearbeitet, dass an einem Tag im Februar 2007 für jemanden die Zeit stillsteht in der Empfindung, wie Bewegung mit Landschaft verschmilzt. Aber es fühlt sich so an." Es war ein ewiger Moment, Virginia Woolf spricht vom "moment of being". Ein Augenblick, in dem sich uns etwas zu erkennen gibt. Sich dem zu nähern ist letztlich auch der Grund aller Recherche.

Susanne Mayer ist Kulturreporterin; ihre Geschichte über John Berger stand in der ZEIT Nr. 10/07