Jeden Donnerstag trifft sich die Redaktion zur Blattkritik. Hier am 11. Februar im 6. Stock des Helmut-Schmidt-Hauses. Das Berliner Büro ist per Video zugeschaltet.

Liebe Leserin, lieber Leser der ZEIT!

Gibt es diesen einen Moment, in dem der Beruf wie eine Berufung über einen hereinbricht? Für mich gab es ihn, als ich am zweiten Tag meines Schülerpraktikums bei einer Lokalzeitung in Hannover, das ich eher aus Verlegenheit denn aus Überzeugung angetreten hatte, meinen ersten Artikel schreiben durfte. Alle bis dahin gehegten Berufswünsche waren plötzlich zerstoben. Es war die Mischung aus einer Begegnung – in meinem Fall mit einem Sänger, den ich bewunderte –, dem Erlebnis, ihn porträtieren zu dürfen, und der sofort sichtbaren Umsetzung in Form eines Artikels, über dem auch noch mein Name stand. Und dann die unmittelbare Wirkung: Ich wurde von Freunden und Kollegen angesprochen, auch von Menschen, die ich kaum kannte, die den Artikel aber gelesen hatten!

Bereits viele Jahre vorher, als ich noch gar nicht wusste, was ein Journalist eigentlich tut, hatte ich eine Vorahnung. Auf dem Nachttisch meines Vaters lag ein Buch von Oriana Fallaci. Die italienische Reporterin war vor allem wegen ihrer atemberaubend furchtlosen Interviews mit den Mächtigen dieser Welt berühmt geworden. In ihrem Buch Wir, Engel und Bestien schilderte sie, wie amerikanische Soldaten im Vietnamkrieg nach einem sinnlosen Befehl eine Stellung halten mussten und dabei dezimiert wurden. Ich durfte dieses Buch nicht lesen, weil meine Eltern es für zu brutal hielten. Ich tat es trotzdem, und es war das erste Mal, dass ich etwas vom Krieg verstanden habe, weil die Reporterin ihn so anschaulich und so grausam geschildert hatte. Das war auch das erste Mal, dass ich als Leser eine Vorstellung von der größten Stärke des Journalismus bekam: Wirksamkeit.

Diese Erfahrung ist geblieben. Guter Journalismus beschreibt und bewertet nicht nur das Zeitgeschehen, er kann auch etwas verändern. Und – in einer Jubiläumswoche darf man das pathetische Wort mal benutzen – die Welt auch ein bisschen erträglicher machen. Vielleicht muss man gerade in diesen Zeiten daran erinnern, in denen sich über den Journalismus der Schatten des Misstrauens gelegt hat und der Verdacht, die Medien würden von finsteren Mächten gelenkt. Die Wahrheit ist: Der lebenslange Traum jedes Journalisten ist es, wenigstens einmal einen mächtigen Menschen zu dekuvrieren.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Seit 70 Jahren gibt es nun die ZEIT, der ich beruflich so viel verdanke: Als 22-Jähriger hatte ich die Lebensgeschichte eines jungen rechten Terroristen aufgeschrieben, mit dem ich in Hannover zur Schule gegangen war. Die ZEIT druckte meinen Artikel gleich als Dossier, aber vorher hatte mich einer ihrer Redakteure angerufen, mit dem ich später noch öfter zu tun haben sollte – Josef Joffe. Es war nicht weniger als die Stimme der ZEIT, die ich da am Telefon hatte, und sie hörte sich an wie ein Ruf des Jüngsten Gerichts: "Spannende Geschichte, aber woher sollen wir wissen, dass Sie uns nicht bescheißen?" Im Nachhinein muss ich sagen: eine wirklich gute Frage! Die vermeintlichen Hitler-Tagebücher waren damals noch nicht veröffentlicht worden. Ich hörte mich sagen: "Geben Sie mir nur eine Stunde – und ich werde Sie überzeugen!" Ich nahm ein paar Tage darauf den Nachtzug von München nach Hamburg, und aus der Stunde wurde ein ganzer Tag und schließlich eine ziemlich krisenerprobte Freundschaft. Mein Artikel weitete sich später zu einem Buch aus, auf das Buch folgte eine Einladung als Gast zu einer Jugendsendung des Fernsehens, die ich als Moderator verließ.

Als ich zu Beginn des neuen Jahrtausends zur ZEIT wechseln sollte, wurde ich erst in einer kleinen Runde, dann vor der gesamten Konferenz examiniert. Es war, als legte man an einem Tag die Fahrprüfung und das Abitur ab und würde dazu noch konfirmiert. Einige der Fragen, die ich damals beantworten sollte, haben sich mir ins Gedächtnis eingebrannt. Eine Kollegin stellte mir am Rande der kleinen Runde die an Körperverletzung grenzende Frage, warum ich eigentlich immer noch nicht verheiratet sei. Ein anderer Kollege meldete sich vor versammelter Mannschaft mit einem Ansinnen, das ich offenbar mit links beantworten sollte: "Wie halten Sie es mit dem Kapitalismus, wie mit Europa?"

Mit einer Jubiläumsausgabe feiern wir den 70. Geburtstag der ZEIT. Wir begehen ihn in einem Haus, in dessen Grundstein die nationalsozialistischen Bauherren einst eine Ausgabe von Mein Kampf legten. 1946 wurde das Gebäude der Arbeitsplatz von Journalisten, die nach der Katastrophe der Diktatur und vielen auch persönlichen Irrungen und Wirrungen mithelfen wollten, das Land wieder zu zivilisieren – durch Aufklärung über die Geschichte, Kritik am Zeitgeist und an Regierungen und der großen Freude an der öffentlichen Debatte. Auch die Kollegen vom Spiegel, vom stern und von der Hamburger Morgenpost saßen zeitweilig im Backsteingebäude am Speersort 1, das seit dem 7. Januar 2016 Helmut-Schmidt-Haus heißt – nach jenem Mann, der für uns in 32 Jahren eine Vaterfigur geworden war.

"Für DIE ZEIT zu arbeiten ist eine besondere Herausforderung, die wir gerne annehmen."

Zu Fehleinschätzungen kommt es häufig, wenn wir uns ganz besonders sicher sind

Für unsere Jubiläumsausgabe haben wir 73 Kolleginnen und Kollegen, jung wie alt, gefragt, was die Geschichte ihres Lebens ist: Was war die für sie wichtigste Begegnung, wo haben sie erlebt, dass die Welt aus den Fugen geriet, womit am meisten bewirkt? So ist über viele persönliche Erfahrungen ein schillerndes Spiegelbild von 70 Jahren Zeitgeschichte entstanden. Zwischen dem Wissen-Redakteur Fritz Habekuß, 26, dessen erster Kontakt mit der ZEIT nach drei Tassen Beruhigungstee stattfand und der kurz danach in Italien Särge einer historischen Gruft öffnete, und Ted Sommer, 85, der dem Haus seit 58 Jahren verbunden ist und von den Anfängen erzählt, in denen die ZEIT nur acht Seiten hatte, liegen mehrere Generationen. Und so berichten sie einander gelegentlich aus unterschiedlichen Welten, nicht selten kommt es darüber auch zum Disput. Uns alle eint aber der große Wunsch, dass wir den Leserinnen und Lesern weiter die Informationen und die Meinungen an die Hand geben mögen, mit deren Hilfe sie sich ihr eigenes Urteil über das Weltgeschehen bilden können. Das war das viel zitierte Credo unserer ehemaligen Chefredakteurin und Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, einer der eindrucksvollen Gründerfiguren der ZEIT, die unser Blatt groß gemacht haben.

Was meine Kollegen Sabine Rückert, die stellvertretende Chefredakteurin, und Stefan Willeke, der Chefreporter der ZEIT, die unsere Jubiläumsausgabe verantworten, in monatelanger Arbeit zusammengetragen haben, ist – Sie werden das schnell merken – nicht nur eine Sammlung von journalistischen Glanzleistungen: Die ZEIT hat im Laufe der Jahrzehnte auch Fehler gemacht, unter jedem der bislang zehn Chefredakteure, den amtierenden selbstverständlich eingeschlossen. Sie kommen unter anderem in einem Streitgespräch zwischen Charlotte Parnack, der jungen Leiterin unserer Hamburg-Seiten, und Ted Sommer, der fast 20 Jahre lang der Chefredakteur war, zur Sprache. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Fehleinschätzungen sich häufig dann ergeben, wenn man sich im Urteil besonders sicher wähnt. Das schöne Wort des stern-Gründers Henri Nannen, "Ich will nach einer Geschichte wissen, wem man ins Gesicht spucken soll", verführt eben auch dazu, den eigenen Blickwinkel bei der Recherche zu verengen. Für die Süddeutsche Zeitung habe ich mal die Geschichte eines jungen Paares erzählt, das ich als Opfer eines Brandanschlages mit fremdenfeindlichem Hintergrund wähnte. Das passte gut in jene Zeit Anfang der neunziger Jahre, als brennende Asylunterkünfte und Anschläge auf Wohnhäuser zum traurigen Alltag geworden waren. Die Polizisten, die ich befragte, beteuerten aber, nichts deute auf einen solchen Hintergrund hin, im Gegenteil. Ich nahm das als Beleg für das Bedürfnis nach Verharmlosung. Heute würde ich den Fall mit deutlich größerer Skepsis recherchieren.

Ein anderes Mal drehte ich einen Film über eine Straßengang in Berlin, die vorwiegend aus Migrantenkindern bestand. Sie waren sehr geschickt und geübt darin, ihre Taten als Reaktion auf gesellschaftliche Missstände und eigene Diskriminierung zu verkaufen. Mir gefiel diese Deutung. Das Kriminelle aber kam in meinem Bericht zu kurz. Gerade in der jetzigen, von der Diskussion über Wahrheit und Lüge in den Medien so aufgeheizten Zeit darf es eine Leitlinie nie geben: dass nicht sein darf, was nicht sein soll.

Ich wünsche mir, dass Ihnen unsere Geburtstagsausgabe Freude bereitet und vor allem Einblicke in unsere Arbeit gibt, die Sie mit so viel Anteilnahme und kritischer Sympathie begleiten. Es gibt wundervolle Beschreibungen und berührende Momente, meine Lieblingsstelle stammt aus einem Gespräch mit den Empfangsdamen im dritten Stock unseres ZEIT-Gebäudes. Auf die Frage, ob es eine Bürde sei, für die ZEIT zu arbeiten, antwortet eine der Kolleginnen: "Es ist jeden Tag eine besondere Herausforderung, die wir gern annehmen. Wir sind gewissermaßen die Stellvertreter für diese besondere Zeitung."

Liebe Leserinnen, liebe Leser, im Namen aller Kolleginnen und Kollegen bei der ZEIT habe ich Dank zu sagen: Wie schön, dass es Sie gibt!

Herzlich

Ihr Giovanni di Lorenzo

Chefredakteur