Es war im Mai vergangenen Jahres zwischen Fehmarn und Leipzig, ihr Freund fuhr, sie saß auf dem Beifahrersitz, als Nadine Maria Schmidt ihr schwarzes Notizbuch aus ihrer Handtasche kramte und auf die karierten Seiten kritzelte.

"Das nächste Boot geht zu dir, mein Kind, das nächste Boot geht zu dir." Zuerst war da nur dieser eine Satz, dann noch einer. "Nun steh ich am Hafen und warte." Dann eine ganze Strophe. Es war das erste Mal, dass die Sängerin Nadine Maria Schmidt einen Text schrieb, bevor sie eine Melodie im Ohr hatte.

Zwei Artikel aus der ZEIT hatten sie inspiriert. Der eine berichtete von Menschen, die vor Lampedusa ertrunken waren, davon, dass die große Politik versagt hatte. Der andere erzählte von Harald Höppner aus Brandenburg, der sich einen Kutter gekauft hatte, um damit Flüchtlinge zu retten. "Vom kleinen Mann, der einfach mal was macht", sagt sie.

Auch sie wollte einfach machen, und so schrieb sie Aluna. Ein Song über eine Afrikanerin, die sie Aluna nennt und die es nach Europa geschafft hat. Alunas Mutter aber ist noch in der Heimat, sie verspricht der Tochter, nachzukommen. Beim Versuch ertrinkt die Mutter. "Sie schrieben damals, es sei kein Platz hier. Doch der Himmel, der nehme alle auf."

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Nadine Maria Schmidt ist erst 35 Jahre alt, war aber schon vieles in ihren Leben: Rechtsanwaltsgehilfin, Diätassistentin, Animateurin. Die Sache mit der Musik kam eher zufällig. Mit 23 bringt sie sich selbst das Gitarrespielen bei. Eigentlich wollte sie damit einen Mann beeindrucken, aber das sagt sie nicht so gern. 2007 der erste Auftritt, 2013 beendet sie ihr Studium, Literaturwissenschaften und Deutsch. Ein Jobangebot aus Kairo lehnt sie ab, sie will es als Sängerin versuchen. "Die Musik fühlte sich richtig an."

Im Juni dieses Jahres erscheint ihr drittes Album, mit Crowdfunding finanziert. Der Bonustrack darauf ist Aluna. Sie hat den Song auf größeren Konzerten mit 500 Menschen gespielt und auf kleinen mit 20. Immer nur sie und ihr Instrument, ohne Band, ein wenig zittrig. Immer kurz vor der Pause, weil sie danach eine braucht. Das Publikum werde ganz still bei dem Lied. "Der Song hat sich unter meine Haut gebrannt", sagte ihr mal eine Frau.

Nicht immer gelingt das Nadine Maria Schmidt mit ihren Liedern, die selten von Liebe und häufig von Schicksalen handeln. Aluna ist anders. Politischer. Das gefällt nicht jedem. Einen "unverbesserlichen Gutmenschen" haben die Freundlicheren sie auf Facebook genannt. Hin und wieder diskutiert sie mit den Kommentatoren. Und manchmal löschen sie daraufhin ihre Kommentare. "Musik machen hat sich noch nie so sinnvoll angefühlt", sagt sie. In ein paar Tagen auf einem Konzert, kurz vor der Pause, wird sie den Song wieder spielen.