Auf dem Campus der Princeton University nennt man sie ehrfurchtsvoll "die weißen Wale der Wissenschaft" – mächtig, geheimnisvoll und für Normalsterbliche kaum jemals sichtbar. "Und versucht man sie zu fangen", erklärt einer der Princeton-Studenten, "dann geht das ganze Boot unter." Sie, das sind die großen Genies der Physik, die Ausnahmedenker, die – wie der weiße Wal in Melvilles Roman Moby Dick – von einem mystischen Nimbus umgeben sind; Theoretiker wie Stephen Hawking oder Edward Witten, der Vordenker der geheimnisvollen Stringtheorie, die in ihren ganz eigenen Denkwelten unterwegs sind.

An der Oberfläche des üblichen Forschungsbetriebs werden sie nur selten gesichtet. Tauchen sie doch einmal auf einer wissenschaftlichen Tagung auf, begegnen ihnen Fachkollegen mit Hochachtung. Für uns Journalisten gelten andere Gesetze: Wir sollen ihnen in Interviews mit kritischen Fragen zu Leibe rücken, dürfen uns dabei dumm stellen und – alles im Dienste des Lesers! – die Meister des theoretischen Denkens darum bitten, hochkomplexe Sachverhalte ganz einfach zu erklären.

Das kann zu erhellenden Einsichten führen. Solche Begegnungen können allerdings auch das eigene Selbstwertgefühl nachhaltig in Schräglage bringen.

Mein Besuch bei Edward Witten ist so ein Beispiel. Der Theoretiker aus Princeton gilt vielen als neuer Einstein. Manche meinen gar, seit Newtons Zeiten habe es keinen Physiker mit vergleichbaren mathematischen Fähigkeiten gegeben. Leider gibt der Großdenker äußerst ungern Interviews. Nur mit staatlicher Hilfe gelingt es mir Ende der neunziger Jahre, doch einen Gesprächstermin bei ihm einzufädeln. Zu der Zeit bin ich auf Einladung der United States Information Agency in den USA unterwegs, und die Informationsbehörde öffnet mir Türen, die sonst verschlossen bleiben würden.

"Was für ein Glücksfall!", denke ich, als ich von New York aus hinausfahre nach Princeton. Ahnungslos wie der junge Ismael in Melvilles Roman steuere ich auf das Institute of Advanced Study am "Einstein Drive Nr. 1" zu. Hier, in der klösterlichen Ruhe einer Parkanlage, haben schon Albert Einstein, Kurt Gödel oder Robert Oppenheimer über physikalische Grundsatzfragen nachgedacht. Heute versucht hier Edward Witten, das Theoriegebäude der modernen Physik zum Abschluss zu bringen.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

In seinem Büro empfangen mich einsame Papierstapel auf dem Schreibtisch und ein paar bunte Kinderzeichnungen an der Wand – Witten aber ist nicht zu sehen. Erst zwanzig Minuten nach der vereinbarten Zeit kommt der groß gewachsene Mann hereingestürmt – um entschuldigend zu erklären, dass er schnell wieder losmüsse. Ein wichtiges Kolloquium, das er ganz vergessen habe, sorry. Was ich denn wissen wolle?

Ich stammle eine Frage und versuche, Witten mit der Kritik an seiner Stringtheorie zu provozieren. Einigen Wissenschaftlern gilt sie als "theory of everything", als alles erklärende Theorie, während andere bemängeln, sie sei "esoterische Physik" – so abstrakt, dass sie nie nachgeprüft werden könne. Wie er, Witten, dazu stehe?

Es trifft mich ein Blick voll mitleidiger Verachtung, der mir wortlos zu verstehen gibt, welch abgrundtiefe Ahnungslosigkeit aus meiner Frage spricht. Dann sagt Witten in mildem Ton, wie zu einem Kind: "Wenn eine Theorie fantastisch schön und physikalisch ist, dann finde ich es nicht plausibel, dass sie falsch ist." Es folgt ein kurzer Verweis auf Einsteins nichtlineare Feldgleichungen und die noch fehlende Brücke zwischen Quanten- und Relativitätstheorie, dann ein Exkurs in jenen mathematischen Formelapparat, der nach Wittens Meinung diese Brücke bildet.

All das trägt Witten in einem aberwitzigen Tempo vor, mit einer hohen, weichen Stimme, die fast körperlos klingt – so als bemühe er sich, seine dahinschießenden Gedanken in Luftschwingungen zu übersetzen. Nicht umsonst haben ihn seine Studenten den "Marsianer" getauft; tatsächlich scheint der Mann in einer außerirdischen Gedankenwelt zu leben, in der die Hirnprozesse extrem beschleunigt ablaufen. Bei Normalmenschen (selbst wenn sie, wie ich, Physik studiert haben) macht sich da binnen kürzester Zeit das peinliche Gefühl breit, unsäglich begriffsstutzig zu sein.

Tapfer versuche ich einige Gegenfragen und zitiere andere berühmte Physiker, die Zweifel an Wittens Theorie äußerten – was der Meister mit einer wegwerfenden Handbewegung und ein paar vernichtenden Sätzen abtut. Dann drückt er mir einen formelgespickten Fachartikel in die Hand – "Hier können Sie alles nachlesen" – und schleicht sich zur Tür hinaus. Leider müsse er los, in einer Stunde sei er wieder da.

Vernichtet bleibe ich zurück, voller Zweifel an meiner Eignung als Journalist. Nicht nur, dass das "Interview" eine einzige Gesprächsverweigerung war; zudem habe ich von dem Gesagten nur die Hälfte mitbekommen und allenfalls ein Viertel verstanden. Natürlich kann man nun tapfer sitzen bleiben, sich durch den Artikel kämpfen und das unwillige Genie nach einer Stunde mit weiteren Fragen nerven (was ich auch tue) – doch am Ende ist die Einsicht unausweichlich: Aus solchen Begegnungen lernt man vor allem, dass man aus solchen Begegnungen nichts lernt. Ein Gespräch mit einem echten Außerirdischen wäre ergiebiger gewesen.

Bei Stephen Hawking liegt die Sache anders. Zwar ist auch er ein weißer Wal, doch als ich ihn vor einigen Jahren an seinem Lehrstuhl im britischen Cambridge besuchte, war nicht die fehlende Gesprächslust das Problem. Stephen Hawking ist ein Popularisierer, der selbst schwierigste physikalische Themen scheinbar leichthin zu erklären vermag.

Bei ihm stellt sich die Frage, wie man mit einem fast vollständig gelähmten Menschen kommuniziert. Hawking leidet an der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS), einer Nervenerkrankung, die ihm die Kontrolle über seine Muskeln und die Stimme geraubt hat. Der wohl berühmteste lebende Physiker ist nur noch zu kleinsten Bewegungen der Finger-, Mund- oder Augenmuskulatur fähig. Dadurch scheint dieser Mann in noch weiter entfernten Räumen der physikalischen Theorie zu leben als Edward Witten.

Wer mit Stephen Hawking reden will, braucht einen langen Vorlauf. Zuerst gilt es, eine ganze Riege schützender Frauen – Sekretärin, Ehefrau, Krankenschwester – von der Notwendigkeit eines Gesprächs zu überzeugen. Hat man tatsächlich einen Audienztermin erhalten, muss man Tage zuvor die vorformulierten Fragen in Hawkings Sekretariat einreichen. Nur so ist es dem Gelähmten möglich, mithilfe eines Sprachcomputers seine minimalen Muskelbewegungen in Buchstaben und Worte zu übersetzen und auf diese Weise mühsam die Antworten vorzubereiten, die er dann im "Gespräch" aus dem Computer holt. Spontane Nachfragen sind dadurch so gut wie unmöglich – es sei denn, man bringt die Geduld mit (und Hawking die Bereitschaft auf), sich minutenlang für jeden einzelnen Satz Zeit zu lassen.

Dennoch ist ein Treffen mit dem gelähmten Genie zutiefst beeindruckend. In einem Elektrorollstuhl kommt einem ein abgemagerter, verkrümmter Körper entgegen, der kaum noch Leben zu enthalten scheint. Hilflos fällt Hawkings Kopf zur Seite, die gelähmten Gliedmaßen sind vom Muskelschwund ausgezehrt, und trotz der schlabbrigen Hose und des zurechtgezupften Hemds ahnt man den "Körper eines Holocaust-Opfers", wie ihn seine erste Frau Jane einmal beschrieb. Hawking wiegt nicht mehr als ein Kind und scheint hilfloser als ein Baby.

Dass dieser Mensch, dem Ärzte schon 1965 den baldigen Tod prophezeiten, überhaupt noch lebt, ist ein medizinisches Wunder; dass er dazu noch eine bewundernswerte Forscherkarriere machte und zum Bestsellerautor avancierte, ist geradezu märchenhaft; und dass er bei alldem noch zwei Ehen führte, mehrere Kinder und Enkelkinder bekam, grenzt ans Sagenhafte.

Und auch wenn die Kommunikation extrem mühsam ist, merkt man schnell, dass dieser gezeichnete Körper einen blitzwachen Geist beherbergt. Als ich ihn etwa frage, ob er glaube, dass wir je das Universum verstehen könnten, verzieht sich Hawkings Mundwinkel zu der Andeutung eines Lächelns. Dann sucht er mühsam mit dem Cursor seines Sprachcomputers die Antwort zusammen. "Vor 20 Jahren dachte ich, wir würden bis zum Ende des 20. Jahrhunderts eine allumfassende Theorie finden. Doch obwohl wir viele Fortschritte gemacht haben, scheint unser endgültiges Ziel immer noch genauso weit von uns entfernt", schallt die blecherne Stimme aus dem Synthesizer. Kurze Pause, während der Cursor weiterwandert. Dann: "Ich denke immer noch, wir haben eine gute Chance, eine solche Theorie bis zum Ende des Jahrhunderts zu finden – nur meine ich jetzt das 21. Jahrhundert."

Zu langen Erklärungen ist Hawkings nicht in der Lage, dafür erfreut er seine Gesprächspartner gerne mit ironischen Bemerkungen: "Sie sagen, ich sitze hier auf Newtons Lehrstuhl, aber dieser Stuhl hat sich offensichtlich stark verändert", sagt er über sein Leben im Rollstuhl. Oder er erklärt, dass man seine Lebenszeit zwar nach den Formeln der Relativitätstheorie dadurch verlängern könne, dass man stets entgegen der Erdrotation nach Westen fliege – um danach hinzuzufügen, der kleine Zeitgewinn werde leider "mehr als wettgemacht durch den Verzehr der Fertigmenüs, die die Fluggesellschaften servieren".

Natürlich versteht man auch am Ende dieses Gesprächs von Hawkings Gedankenwelt ähnlich wenig wie von der Theorie des Marsianers Edward Witten. Dennoch hinterlässt die Begegnung mit Hawkings ähnlich tiefe Spuren wie der Besuch in Princeton. Während ich bei Witten am eigenen Verstand zu zweifeln begonnen habe, fühle ich mich bei Hawking in Cambridge auf Zwergen-Format verkleinert. Angesichts von seinem Lebensmut und Geisteswitz, der sich auch von schwierigsten Umständen nicht unterkriegen lässt, erscheinen plötzlich die alltäglichen eigenen Probleme banal.

Ähnlich geht es vermutlich Astronauten, die vom Weltall aus zum ersten Mal die Erdkugel betrachten und dabei erschrocken feststellen, wie klein und unbedeutend doch die eigene Existenz ist. In Princeton und Cambridge wurde mir klar, dass man dazu die Erde nicht einmal verlassen muss.

Anm. d. Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes stand, dass man sich entgegen der Erdrotation nach Osten bewegt. Entgegen der Erdrotation bewegt man sich jedoch stets nach Westen, nicht nach Osten. Wir haben das korrigiert.