In Byumba leben die Kinder in einer Pflegefamilie und gehen zur Schule

Vestine hat nie gern von sich erzählt. Nicht vom Guten, das sie erlebt hat in ihren 32 Jahren, und schon gar nicht vom Schrecklichen. Wir treffen Vestine Mukamurenzi in ihrem großen neuen Haus auf einem grünen Hügel östlich von Kigali. Vestine hat sich hübsch gemacht: knallroter Lippenstift, elegantes Kostüm. Sie könnte viel erzählen, ausführlich, von ihrem Wirtschaftsstudium, ihrer gut bezahlten Stelle in der Bank, von der Geburt ihrer Tochter und der Hochzeit mit Venuste, der in derselben Bank arbeitet. Und doch: Ich frage. Sie antwortet. Noch eine Frage. Stille. Dann die Antwort: leise, lakonisch, nur das Nötigste. Manchmal bloß Ja, manchmal Nein. Oder sie sagt: "Das kann ich nicht erklären."

Es liegt nicht an der Sprache. Vestine spricht hervorragend Englisch. Nein, es steht etwas zwischen Vestine und den Menschen. Zwischen ihr und dem Leben.

"Ist es noch immer da?", frage ich.

"Ja", sagt Vestine. "Es ist wegen meiner Hand. Sie erinnert mich immer daran. Ich stoße jeden Tag an meine Grenzen. Auch in der Bank. Auch mit meiner Tochter."

An ihrem linken Unterarm trägt Vestine eine Prothese. Die echte Hand hat ihr ein Mann abgehackt, der ihr Nachbar war. Bis zum April 1994, dem großen Schlachten, als im winzigen Ruanda in 90 Tagen über 800.000 Menschen sterben mussten. Auch Vestines Eltern starben, ihr Bruder, eine ihrer Schwestern. Nur Claudine überlebte schwer verletzt, die damals Fünfjährige. Und Vestine selbst. Die Mörder hatten sie wohl für tot gehalten.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Tausende verletzte, verwaiste und verwirrte Kinder gab es in jenem Sommer 1994 in Ruanda. Kinder wie Vestine und Claudine, die den Völkermord an den Tutsi überlebt hatten. Aber ebenso Hutu-Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, als diese vor der Rache der Tutsi in die Nachbarländer geflohen waren.

Die Welt war erschüttert. Auch über ihr eigenes Stillhalten und das der UN-Truppen, die schon in Ruanda stationiert gewesen waren, aber nicht eingreifen durften.

Weihnachten 1996, ein Aufruf im ZEITmagazin: Bitte um Hilfe für die Kinder von Ruanda. Die Hilfsorganisation SOS-Kinderdorf plante, zusätzlich zu den Kinderdörfern in Kigali und Gikongoro, den Bau eines weiteren in Byumba, im Norden von Ruanda: Fünfzehn Familienhäuser, eine Grundschule, ein Kindergarten, ein kleines Gesundheitszentrum.

Die Hilfsbereitschaft der ZEIT-Leser war überwältigend: In weniger als drei Wochen gingen 330.000 Mark beim SOS-Kinderdorf ein, schließlich wuchs die Summe auf eine Million. Davon wurden drei der fünfzehn Familienhäuser in Byumba finanziert, und in jedes zogen 1997 bis zu zwölf Waisenkinder mit ihrer Kinderdorfmutter.

Im November 1997 habe ich Vestine zum ersten Mal dort gesehen. Ihre SOS-Mutter hieß Providence Muteteli, ihre neuen Geschwister waren Jean Pierre, Uwambajimana, Ingabire, Fisi, Kamuhanda, Dominic, Kabebe. Und natürlich Claudine, denn leibliche Geschwister blieben auf jeden Fall zusammen. Ein Vermächtnis des Gründers, des Österreichers Hermann Gmeiner. Er hatte als Kind erleben müssen, wie seine Familie nach dem Tod der Mutter zerfiel.

Immer wieder habe ich in der ZEIT über die Kinder von Byumba berichtet. Auch jetzt – zum 70. Geburtstag – fahre ich wieder nach Ruanda, zum fünften Mal. Ich will Providence wiedertreffen, die Kinderdorfmutter, aber auch die anderen einheimischen Mitarbeiter. Und ich will wissen, was aus den ZEIT-Schützlingen wurde.

Zum Beispiel aus Vestine. "Vestine versucht zu lächeln", schrieb ich in einer Reportage von 1997, "aber ihre Augen lächeln nicht mit. Vestine ist erst vierzehn. Aber ihr Blick ist der einer erwachsenen Frau, die niemandem mehr traut." Jetzt, nach dem Besuch in ihrem neuen Haus, schaue ich mir die Fotos an, die aktuell entstanden sind. Es ist noch immer der gleiche Blick.

Dabei gehören Vestine und ihr Mann zu denen, die es geschafft haben. Sie profitieren von einer gewaltigen wirtschaftlichen Entwicklung. Ihr Arbeitsplatz liegt mitten im neuen Bankenviertel von Kigali mit seinen Glasfronten und Wolkenkratzern. Kigali wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten zur sichersten, saubersten und wohl auch reichsten Millionenstadt Afrikas. Und doch ist in Vestines Blick noch immer diese unsägliche Trauer.

Vestine hat es geschafft: Sie hat ein eigenes Haus, einen Job, einen Mann

Wie in den Augen von Kamuhanda. Er war auf dem Titel des ZEITmagazins vom 26. Dezember 1997: ein Achtjähriger, der verloren in einer Schulbank sitzt. Sein Blick in die Kamera verrät, dass er vom Geschehen an der Tafel nichts versteht. Er weiß nicht, was die Kreidezeichen da mit seinem Leben zu tun haben sollen. Ein Dorf für Kamuhanda war die Überschrift.

Kamuhandas Leben begann in einer gottverlassenen Gegend an der ugandischen Grenze. In den ersten Jahren hatte er noch Mutter, Vater und Geschwister. Dann, 1994, mussten seine Eltern nach Tansania fliehen. Weil er selbst krank war und die Flucht nicht überlebt hätte, ließen sie ihn zurück. So wuchs er bei Nonnen, dann im Kinderdorf auf, quälte sich durch die Schule und wusste nichts von einst. "Ich war überzeugt: Ich bin allein auf der Welt", erzählt er. Als er 17 war, passierte "das Wunder". SOS-Sozialarbeiter fanden mit detektivischem Spürsinn heraus, dass Kamuhandas Mutter nach Ruanda zurückgekehrt war. Kamuhanda zog zu ihr, zu seinen Geschwistern, zu seiner Großmutter. Und obwohl er – nun nicht mehr verlassen – plötzlich ein hervorragender Schüler wurde, obwohl er die Aufnahmeprüfung für die Universität geschafft hätte: Er entschied sich, Bauer zu werden. Bauer in einer entlegenen Gegend an der ugandischen Grenze, wo der neue Wohlstand Ruandas nur in Form von dünnen Wellblechdächern für die Hütten ankommt, von ein paar Stromanschlüssen, von Kühen, die der Staat den Allerärmsten schenkt. Von wo es aber zwei, drei Stunden bis zum nächsten Arzt sind, über unbefestigte Straßen, die in der Regenzeit oft unpassierbar sind.