Wer dabei war, wird es kaum vergessen haben. Ich jedenfalls erinnere mich an diesen Abend sehr genau und frage mich: War es ein spontaner Wutausbruch? Oder eine kalkulierte Provokation? Hatte der Gast den Moment, in dem er abrupt aufstehen würde, vorab in der Fantasie durchgespielt? Und vor allem: Warum hatte er sich erst 48 Stunden zuvor auf die Gästeliste gedrängelt, um in Hamburg dabei zu sein?

Alles rätselhaft. Würde man ihn heute fragen, man erhielte als Antwort allenfalls sein berühmtes schmales Lächeln. Jenes Lächeln, das er aufsetzt, wenn er die Olympischen Spiele eröffnet oder wenn er beim Gespräch mit Angela Merkel seinen schwarzen Labrador von der Leine lässt.

Aber von Anfang an.

Seit anno 1356 wird in Hamburg, von Ausnahmen abgesehen, im Februar das Matthiae-Mahl gefeiert. 400 Gäste. Gesellschaftlicher Höhepunkt der Senats- und Kaufmannswelt, benannt nach einem ziemlich unbekannten Heiligen. Der Senat lässt sich nicht lumpen, poliert das Ratssilber, serviert Damwildfilet auf Tellern mit Goldrand, schenkt in langstielige Gläser Große Gewächse ein, aus dem Rheingau.

So ist das, jedes Mal.

Ganz anders aber war es am 25. Februar 1994. Mitten in der Rede des estnischen Präsidenten Lennart Meri schiebt ein Gast voller Wut den Stuhl zurück. Er pfeffert die Damastserviette neben den Weinpokal, dass die Kerzen nur so flackern. Verlässt mit durchgedrückten Knien den Saal, jeder Schritt begleitet vom Knarzen des Eichenparketts. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins – wumms. Da donnert die Flügeltür ins Schloss. Man nennt so etwas wohl einen Eklat.

Zurück bleibt hektisches Tuscheln. Wer war denn das? Was hat der wohl?

Tischauf, tischab, schneller, als ein Löffel von der Steinpilzterrine heruntergeschluckt wird, ist der Name durchgereicht: Das war Wladimir Putin, stellvertretender Oberbürgermeister von St. Petersburg, Hamburgs Partnerstadt.

Übel stieß dem Gast aus Russland wohl auf, dass Meri mit dramatischen Worten, ja beinahe wie ein Ertrinkender, die Festgäste um Hilfe bat. Dass er die große Angst seiner Landsleute vor dem imperialistischen Appetit des russischen Nachbarn schilderte. In den Ohren von Genosse Putin handelte es sich bei solcherlei Äußerungen um eine gewaltige Unverschämtheit, die er nicht ohne Weiteres mit einem Schluck 1990er Kiedricher Kabinett Riesling, Erzeugerabfüllung Robert Weil, herunterspülen wollte.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Genauer: 22 Jahre. Und doch erscheint mir die politische Konstellation dieses Abends seltsam aktuell.

Bei einem Matthiae-Mahl wurde Putin nie wieder gesehen, obwohl man sich damals beeilte, der Reporterin mitzuteilen, "selbstverständlich" habe der Zwischenfall keine nachhaltige Verstimmung verursacht.

In Deutschland und in deutschen Medien war Wladimir Putin damals noch ein Unbekannter. Wenn der russische Präsident heute im Fernsehen auftaucht, wenn er beim Händeschütteln mit Obama demonstrativ zur Seite blickt, wenn er das syrische Regime mit Waffen und durch Luftangriffe stabilisiert, wenn man den Eindruck hat, dass dieser Moment des friedlichen Miteinanders in Europa nach dem Ende des Kalten Krieges ziemlich kurz ausfiel, dann fürchte ich: Ja, so hat das damals angefangen, als der Mann die Tür zuknallte, im Kaisersaal, am 25. Februar 1994.

Anna von Münchhausen ist die Textchefin der ZEIT