Die dort unten, mit den Nullen und Einsen.

Die Lieblingsbeschäftigung aller Nostalgiker ist es, von vergangenen, wilden Zeiten zu erzählen. Die liegen in einem nicht näher bestimmten Früher, verhangen unter Nebel, was jedoch nicht schlimm ist, solange in ihnen mit Veteranenstolz geschwelgt wird. Auch im Online-Journalismus, dem oft unterstellt wird, er kenne bloß das Jetzt, gibt es ein Früher, wenn es auch nicht allzu lang zurückliegt.

Bei ZEIT ONLINE spielte es sich im zweiten Stock des Hamburger Speersorts ab, den ich vor neun Jahren zum ersten Mal betrat, bevor im Jahr 2009 die Redaktion größtenteils nach Berlin verlegt wurde, wo sie auf die Größe anwachsen konnte, die sie heute hat. Es war die Zeit, als die am Weltgeschehen wund gescheuerten Gemüter der Leser sich in den Kommentarspalten noch nicht derart erleichterten wie heute. Als noch darüber gestritten wurde, ob es DER oder DAS Blog heißt, als gefragt wurde, ob Twitter sich jemals durchsetzt, und noch der Glauben umging, die Kollegen in den oberen Stockwerken (also Print) verständigten sich allein in Semikola – und wir (bei Online) in Einsen und Nullen. Es gab damals Kollegen aus der Print-Redaktion, die uns fragten, ob man ihr Problem mit dem E-Mail-Programm lösen könne, woraufhin wir selbstverständlich freundlich zu helfen versprachen, anstatt die Wahrheit zu sagen: nämlich, dass man nicht für ein reibungsloses Internet zuständig sei, sondern – ja, ähnlich wie Sie, lieber Kollege – für journalistische Themen.

Wer mit dem Wort "Kellerkinder" angefangen hat, ist bis heute umstritten, ob es von oben kam oder von uns selbst. Aber das Wort war nicht so schlimm, als dass man fortan mit einem Gesicht hätte herumlaufen müssen, unter das eine Spendenkontonummer gepasst hätte. Im "Keller" der ZEIT, also im zweiten Stock, herrschte in jenen Tagen eine Art fröhlicher Anarchie. Verbreitet von einem Dutzend Redakteuren.

Man konnte dort nur bester Stimmung sein, auch als der Vorschlag des Chefredakteurs Gero von Randow kam, die Morgenkonferenz von elf auf zehn Uhr vorzuverlegen: Schließlich seien wir ein "aktuelles Medium".

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Im zweiten Stock herrschte eine erhebliche Experimentierfreude und bisweilen Spaß am höheren Unsinn, den eine sogenannte Nachrichtenlage kaum zu stören vermochte, allenfalls unterbrach. Das Jugendmagazin der ohnehin jungen Redaktion rief eine Boulevardwoche aus: "Vierköpfiges Eichhörnchen kotzt Gammastrahlen!" und "Endlich: Internet aus Holz nachgebaut!" Es war die erfolgreichste Woche jenes Jahres. Das musste gefeiert werden – wie überhaupt viel gefeiert wurde. Auf dem Flur oder sonst wo.

Oft saßen wir am Morgen am Konferenztisch, um den noch die komplette Redaktion passte. Und überlegten, was man zur Handball-WM machen könnte: Warum nicht die schönsten Hände der Spieler zeigen? Dann setzte sich Gero von Randow vor eine Videokamera und erzählte den Lesern, die man damals schon zaghaft "User" nannte, was anstand. Das gehörte zum Nebeneinander von Ernst und Spaß, wie die Musikredakteurin, die ins Chefbüro platzte und sagte, dass sie diesen Raum nun unverzüglich brauche: John Cages 4:33 habe morgen Jubiläum, und sie wolle 4 Minuten 33 Stille im Chefredakteursbüro aufzeichnen, das sei unser Beitrag zur Sache.

Währenddessen lief der Textchef schnipsend den Gang entlang und rief zur Ordnung, wenn es zu wild wurde. Im Fahrstuhl traf man den Geschäftsführer, der sich erkundigte, wie viele "Klicks" man heute produziert habe. Darüber sprach man bei uns natürlich auch, die Klicks, ja, eigentlich waren die ganz okay. Und wenn nicht: Urlaubszeit, schönes Wetter. Warum sollten die Leute da im Internet gucken, was los ist? Der zweite Stock war noch Oase, als die Konkurrenten sich bereits aus verdichteten Großraumbüros in die Nachrichtenströme warfen, tickerten und an der beschleunigten Öffentlichkeit mitwirkten, die heute noch beschleunigter ist. Es gab damals keinen Newsroom und keinen verantwortlichen Redakteur, der den Durchlauf auf der Homepage verwaltete, die wir nur "HP" nannten. Es kam nur morgens und mittags eine E-Mail von irgendwoher, aus dem Zimmer der Wissenschaftsredakteurin etwa, die mitten im Gebirge aus Cola-Light-Flaschen ihr Gesundheitsblog schrieb, oder vom Multimediaredakteur, der zu Hause im Wohnzimmer saß: "HP jetzt bei mir."

Ob es jetzt besser ist, als es damals war, ist nicht die Frage. Es gehört zur Nostalgie, dass das Früher noch einmal leuchtend und herrlich aufersteht, weil man weiß, dass es nie mehr wiederkommt.

Alle Texte der Jubiläumsausgabe finden Sie hier.