Es könnte alles so schön sein. Björn Höcke lebt in Bornhagen, einem Eichsfelder Dörfchen, in dem der Mensch fromm und die Natur grün ist. Höckes Haus liegt an der "Deutschen Wurststraße". Oberhalb: die Ritterburg Hanstein, tausendjährige deutsche Geschichte aus Stein. Unterhalb: das Hausschlachtemuseum, dreihundertjährige deutsche Geschichte aus Fleisch. Ja, es könnte schön sein, wären da nicht all die Flüchtlinge. Sechzig Syrer, Iraker, Albaner, Kosovaren leben im Asylheim in Bornhagens Ortskern. Vom Fenster aus guckt Höcke den Fremden in den Hof. Und die nehmen ihrerseits Höckes Haus in den Blick.

In Bornhagen verdichtet sich die Asyldebatte. Man findet die Idylle. Man findet die Fremden, die von dieser Idylle etwas abhaben möchten. Und man findet die Bürger, die ihre Idylle gegen die Fremden verteidigen wollen. Zu denen gehört Björn Höcke.

Er ist Fraktionsvorsitzender und Landessprecher der Alternative für Deutschland, AfD. Tatsächlich aber ist er viel mehr, vielleicht der prominenteste Rechtspopulist der Republik. Ein Machtfaktor in seiner Partei, die laut Wahlumfragen dabei ist, ihrerseits ein Machtfaktor in Deutschland zu werden.

Stahlblaue Augen, kurz gehaltenes Haar, gut geschnittene Anzüge, aus denen heraus er sich in Ekstasen aus Schweiß und Pathos redet. Höcke schafft es, Tausende bei klirrender Kälte oder Regen zu "asylkritischen" Demos zu locken. Aber er schafft es auch, die Aufmerksamkeit der Staatsanwälte auf sich zu ziehen: Er kämpft mit Anzeigen, Ermittlungen und Forderungen nach eidesstattlichen Versicherungen. Einmal geht es um Betrug. Dann um die Frage, ob er unter Pseudonym für rechte Blätter geschrieben hat. Dann wieder um Volksverhetzung.

Höcke fordert in seinen Reden Bundespolizisten auf, sich an den Grenzen Dienstanweisungen zu widersetzen. Er beschimpft Journalisten als "geistig-moralisch kastrierte Schreiberlinge". Und er fordert, dass "diese bösartige Frau" – er meint Angela Merkel – in einer "Zwangsjacke aus dem Kanzleramt abgeführt" wird. In einem rassistischen Vortrag beschwört er den "lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp" herauf, dessen "Reproduktionsverhalten" angeblich die deutsche Art gefährdet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

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Bislang konnte er alle juristischen Attacken abwehren. "Keinen hinreichenden Tatverdacht" erkennt die Staatsanwaltschaft Halle in seiner "Afrikaner-Rede". Es handle sich nicht um Volksverhetzung, so Oberstaatsanwalt Klaus Wiechmann, weil Herr Höcke weder den öffentlichen Frieden gestört noch zu Gewalt und Willkür gegen Dritte aufgerufen habe. Paragraf 130 des Strafgesetzbuches stellt hohe Hürden auf für Staatsanwälte und Richter, die wegen Volksverhetzung ermitteln und verurteilen wollen. Und Höcke formuliert raffiniert. "Moralisch mögen Aussagen schwierig sein", sagt Oberstaatsanwältin Heike Geyer. "Sie sind oft aber noch kein Straftatbestand." Was politisch unrecht ist, muss juristisch nicht angreifbar sein. Derzeit prüft die Staatsanwaltschaft Berlin, ob Höckes Auftritt bei Günther Jauch – und eine dort eingespielte Rede – Volksverhetzung war. Jauch hatte eine Passage gezeigt, in der Höcke sagt: Der Syrer, der zu uns komme, habe immer noch sein Syrien. Aber das deutsche Vaterland gehe unter im Flüchtlingsstrom!

Es braucht viel, bis die Justiz das Recht auf freie Meinungsäußerung außer Kraft setzt. Selbst als der Pegida-Anführer Lutz Bachmann Ausländer als "Viehzeug", "Gelumpe", "Dreckspack" bezeichnete, rang sich die Dresdner Staatsanwaltschaft erst nach langer Überlegung durch, Anklage zu erheben. Und Höcke ist weitaus geschickter als Bachmann.