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Liebe Angela Merkel,

es fällt mir nicht leicht, Ihnen meine Geschichte zu erzählen, jeder dieser Sätze hier kostet mich Überwindung. Es geht mir nicht gut, ich habe Panikattacken, und gegen meinen nervösen Magen haben Ärzte mir Tabletten verschrieben. Trotzdem möchte ich Ihnen berichten, wie es mir in den letzten Monaten ergangen ist. Auch wenn meine Verzweiflung dadurch noch größer wird. Weil ich an alles erinnert werde.

Daran, dass meine Frau und meine vier Söhne in meiner Heimatstadt Aleppo festsitzen. Daran, dass dort Bomben fallen und es mit jedem Tag schlimmer wird. Und daran, dass ich zurückmuss in den Krieg, um meine Familie wiederzusehen.

Es ist paradox. Ich bin wegen meiner Kinder nach Deutschland gekommen, um ihnen eine Zukunft bieten zu können. Jetzt gehe ich ihretwegen wieder zurück.

Ich bin ein syrischer Vater, mein jüngster Sohn ist drei, der älteste elf Jahre alt. Ich bin durch die Türkei, Griechenland und halb Europa gefahren, um nach Deutschland zu kommen. Mir ist klar, wie viele Flüchtlinge in den letzten Monaten in dieses Land eingereist sind. Ich brauche mich nur in meinem Camp in Hamburg umzuschauen, dort lebe ich in der Halle eines ehemaligen Baumarktes, die mit Zäunen und Planen in einzelne Abschnitte unterteilt ist. In meiner Parzelle bin ich mit drei Familien untergebracht: 16 Menschen auf 40 Quadratmetern. Es ist völlig überfüllt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Ich bin seit November in Deutschland, und in diesen drei Monaten hatte ich nicht das Gefühl, dass sich die Lage entspannt. Im Gegenteil, es wurde von Tag zu Tag schlimmer.

Hierherzukommen war der größte Fehler meines Lebens. In ein paar Tagen werde ich mich aufmachen, um nach Aleppo zurückzukehren.

Die erste Stadt, die ich in Deutschland gesehen habe, war Frankfurt am Main. Ein wunderschöner Ort. Die Menschen waren freundlich und schick angezogen und wohlgenährt. Die Skyline hat mich beeindruckt. Und all die neuen Autos! Von Mercedes, BMW und Audi. Glänzend, als seien sie gerade aus der Fabrik gefahren. Ich habe meine Frau angerufen und gesagt: Das ist das Paradies, ich hole euch nach, so schnell es geht. Hier können wir uns eine Zukunft aufbauen.

Aber schon nach zwei Nächten sagte man mir, ich müsse umziehen. Keine Ahnung, warum. Ich kam nach Braunschweig, in eine Stadt, deren Namen ich nicht aussprechen kann. Die Menschen dort waren nicht mehr so freundlich, im Lager war es eng und kalt. Aber immer noch besser als in Hamburg. Wo ich jetzt wohne, ist es, ehrlich gesagt, kaum auszuhalten.

Das Schlimmste an dem Camp hier ist, dass es uns entmündigt. Wir dürfen in unseren Parzellen nicht einmal entscheiden, wie wir die Bettlaken aufhängen, um einen eigenen kleinen Bereich zu haben. Wir dürfen keinen Besuch empfangen, wir dürfen nicht selbst kochen. Wir sind erwachsene Männer! Viele der Frauen können ihr Kopftuch nie ablegen, weil sie keine Privatsphäre haben. Und die Tage sind immer gleich: aufstehen, frühstücken, drei Stunden Handy aufladen, Mittagessen, schlafen, drei Stunden Handy aufladen, Abendessen, drei Stunden Handy aufladen, schlafen. Wir verschwenden unsere Zeit, während unsere Familien zu Hause in Lebensgefahr sind.