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Zu Tausenden verlassen derzeit junge Männer ihre algerische Heimat. Die einen zieht es über das Mittelmeer gen Norden, die anderen in das benachbarte Libyen, in den Dschihad. Weshalb den Europäern allmählich klar wird, dass sie auf Algerien schauen müssen, das größte, aber unauffällige Land Afrikas. Und was sie dort erblicken, verheißt nichts Gutes.

Bab el Oued, ein Armeleuteviertel im Herzen von Algier, am Platz der drei Uhren. Heute, an einem sonnigen Donnerstag im Januar, ist alle Welt auf den Beinen, denn am heiligen Freitag werden die Geschäfte geschlossen bleiben. Hier und da begegnet man alten Frauen mit einem weißen, nach vorn zulaufenden Dreieckstuch vor Mund und Nase, wie Vögel mit spitzem Schnabel sehen sie damit aus – das ist der traditionelle Aâjar. Zwei Männer hocken im Café, sie unterhalten sich über Politik. Und zwar, ohne sich nach rechts und links umzuschauen – eine charakteristische Geste in Diktaturen. Die beiden lachen dagegen ungehemmt über einen Witz, der gerade umgeht: Die Regierung habe die Benzinpreise heraufgesetzt, um Selbstverbrennungen von Arbeitslosen zu verhindern.

Mitten in das Gelächter hinein fragt der 86-jährige Mohamed den deutschen Gast mit drohender Stimme: "Nimmst du unser Gespräch heimlich auf?" Die Antwort "Kannst mich ja durchsuchen" gefällt ihm, Mohamed grinst und schenkt dem Fremden einen Erdbeerbonbon, den er hervorgekramt hat.

Man kann frei sprechen in Algerien. Tageszeitungen wie El Watan gehen sehr weit in ihrer Kritik am Regime. Trotzdem landen nach Angaben von Amnesty International Journalisten und Menschenrechtler wegen politischer Äußerungen im Gefängnis, und in den Kerkern der Geheimpolizei wird gefoltert – das sagen jedenfalls Zeugen; ihren Aussagen geht kein Gericht nach. Algerien ist daher kein "sicheres Herkunftsland" im Sinne des deutschen Grundgesetzes, auch wenn Berlin das gern anders sehen würde.

Alte Rechnungen werden aufgemacht: Wer hat wen verraten, wer hat wen weggeputscht?

Hinzu kommt: Algerien treibt auf eine schwere politische Krise zu. Das ist auch für die Europäer eine schlechte Nachricht, denn das Mittelmeerland grenzt an Libyen und Mali, also an Kampfzonen von Al-Kaida und IS, und auch im Landesinneren haben sich Terroristen festgesetzt und werben Kämpfer an. Von ihnen ist täglich in den Zeitungen zu lesen.

Alle paar Wochen startet das Flugzeug des Präsidenten Abdelaziz Bouteflika vom Militärflughafen Boufarik, um einen der Flughäfen des Landes anzusteuern. Er selbst ist nicht an Bord. Der 78-jährige Staatschef, seit 1999 im Amt, ist todkrank. Die Ärzte erlauben ihm nur noch in seltenen Ausnahmen einen Flug. Der Airbus A340-500, ausgerüstet mit Krankenstation, Schlafzimmer und Raketenabwehr, muss trotzdem hin und wieder bewegt werden, damit er intakt bleibt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Die Männer im Café in Bab el Oued lachen noch über einen weiteren Scherz: Bänder mit abgehörten Telefongesprächen des Präsidenten seien aufgetaucht – drei Stunden Schweigen. Bouteflika ist schon seit Monaten nicht mehr öffentlich aufgetreten. Allgemein wird angenommen, dass nicht er die Regierungsgeschäfte führe, sondern seine militärisch-politische Entourage.

Und die ist nervös geworden. Ihre Machtbasis ist das Öl, doch dessen Preis ist binnen eines Jahres um fast 50 Prozent gefallen. Algerien verfügt über einige der größten Öl- und Gasvorkommen der Welt und lebt fast ausschließlich vom Export dieser Rohstoffe. Die Einnahmen aus dem staatlichen Energiesektor wurden aber kaum genutzt, um im Inland zu investieren. Außerdem schrecken Bürokratie, Staatswillkür und Korruption ausländisches Kapital ab. Die Folge: Die Wirtschaft hält mit dem Bevölkerungswachstum nicht mit. Ein Viertel der Algerier ist arbeitslos, unter den jungen Leuten mit Hochschulabschluss ist es sogar die Hälfte. Drei Viertel der 40 Millionen Algerier sind unter 30 Jahre alt, und ihre Wirklichkeit hat drei Koordinaten: Armut, Frust und Religion.

Jahrzehntelang hatte die Regierung Geld aus den Öleinnahmen abgezweigt, um sozialen Frieden zu erkaufen. Billigkredite für Arbeitslose, Lohnerhöhungen, Wohnberechtigungsscheine wurden noch jedes Mal hervorgezaubert, wenn Demonstrationen und Streiks überhandnahmen. Doch das geht nicht mehr, das Geld ist weg, die Staatseinnahmen sind halbiert. Soziale Unruhen, die immer wieder aufflammen und manchmal in Straßenkämpfe ausarten, können nicht mehr mit staatlichem Manna befriedet werden.

Der Staat setzte bereits den Preis für Benzin und Diesel um 20 Prozent herauf – und das in einem Land, in dem fast der gesamte Transport auf der Straße stattfindet. Auf dem Markt von Bab el Oued werden beinahe wöchentlich die Preisschilder nach oben korrigiert. Mit den Zahlen steigt der Zorn auf diejenigen, die das Land regieren und nur "die Macht" genannt werden. Es fällt sogar das Wort "Mafia", nicht nur im Proletariercafé, sondern auch im Firmenbüro, im Künstleratelier oder im Netz. Wer ist gemeint?

Algeriens Führung ist aus jahrzehntelangen Fraktionskämpfen innerhalb der Befreiungsfront FLN hervorgegangen, die von 1954 bis 1962 gegen die französische Kolonialmacht kämpfte. Heute gilt ein Bündnis zwischen dem Präsidentenpalais und einer Gruppe von Militärs als innerer Kreis der Macht, der sich auch die Pfründe der staatlich gelenkten Wirtschaft teilt. Im Lauf der vierten Amtszeit Bouteflikas, die vor eineinhalb Jahren nach einer fragwürdigen Wahl begann, baute dessen Clique ihren Machtvorsprung aus. Jetzt jedoch entbrennen neue Rivalitäten. Einstige Kampfgefährten Bouteflikas stellen öffentlich seine Regierungsfähigkeit infrage. Hochdekorierte Generäle landen im Gefängnis, und in der Presse werden Rechnungen aus früheren Jahrzehnten aufgemacht: Wer hat wen verraten, wer hat wen weggeputscht? Die letzten Überlebenden des Befreiungskrieges fallen übereinander her.

Mit anderen Worten: Die historische Legitimität des Regimes verfällt, seine sozialpolitische ist ruiniert – und eine demokratische existiert praktisch nicht; das Parlament wird aufgrund von Stimmenkauf, Klientelismus und Wahlmanipulation als Volksvertretung kaum ernst genommen.

In der Hauptstadt sind politische Demonstrationen verboten. Selbst vor fünf Jahren, in den Monaten des Arabischen Frühlings, brachten nur ein paar Unentwegte den Mut auf, sich auf den Straßen zu versammeln. Es waren bedrückende Szenen: Kaum hielten ein, zwei Dutzend Leute ihre selbst gemalten Pappschilder hoch, wurde noch jedes Mal die Szene schwarz von Polizei, dann war wieder Ruhe. Ausweiskontrolle: "Sie sind Journalist aus Deutschland? Was wollen Sie hier? Es gibt nichts mehr zu sehen."