In dieser Woche sollen die EU und die Türkei Angela Merkel retten: den Flüchtlingsstrom bremsen und ihn gerecht verteilen. Durch die Medien geistern Schlagzeilen wie "Merkel kämpft gegen Isolation", "Neuer ›Ostblock‹ gegen Merkels Asylpolitik" oder "Deutschland allein zu Haus". Keine ausländische Gazette feiert mehr die Kanzlerin als ungekrönte "Kaiserin" von Europa.

Das Heil dir im Siegerkranz klang immer blechern. Natürlich ist und bleibt Deutschland die Macht in der Mitte, die Nummer eins, ökonomisch wie demografisch. Nur ist diese Zentralmacht seit Bismarcks Zeiten nie stark genug, um Europa zu "germanisieren", ihm also seinen Willen aufzudrängen. Schon gar nicht militärisch, wie die gescheiterten Versuche von 1914 und 1939 zeigen, und auch nicht politisch. Der Zuchtmeister hat es nicht geschafft, den renitenten Euro-Staaten Haushaltsdisziplin und die qualvollen Reformen aufzudrücken, um die Gemeinschaftswährung dauerhaft zu retten. Resteuropa ist auch nicht wirklich bereit, den Deutschen die Last ihrer großherzigen Flüchtlingspolitik abzunehmen.

Die Moral dieser Geschichten ist stets die gleiche: Allein geht’s nicht weit – nur bis Verdun und Stalingrad. Der alte Bismarck hatte das richtige Konzept im Kopf. Immer "selbdritt" müsse das Reich "auf dem europäischen Schachbrett" sein; das sei sein "unveränderliches Ziel". Im "Kissinger Diktat" von 1877 entwarf er eine "Gesamtsituation, in welcher alle Mächte … unser bedürfen und von Koalitionen gegen uns … abgehalten werden".

Der Eiserne Kanzler hatte erkannt, dass der Koloss Deutschland allein eben nie stark genug sein werde. Auf dem Programm steht heute nicht mehr sein "Albtraum der Koalitionen" – nicht in einem vereinten Europa, in dem Krieg out ist. Sehr wohl aber geht es um das "selbdritt", um den Verbund als Verstärker. Selbst als moralische Supermacht, die den Flüchtlingen uneigennützig Herzen und Tore öffnet, konnte Berlin nicht reüssieren.

Selbstverpflichtung, geschweige denn Selbstüberhebung ergeben keine Staatskunst, und "Wir schaffen das" ersetzt nicht die beinharte Kärrnerarbeit, die aus dem deutschen Wir ein europäisches macht. So hat Berlin das Gesetz des Handelns anderen überlassen: den Flüchtlingen und Migranten, den Türken und Griechen, dem neuen "Ostblock". So macht sich der Spielführer zum Spielball. Staatskunst heißt, die Folgen zu bedenken, statt hektisch neue Asylpakete zu schnüren und im atemlosen Wettlauf mit der Zeit mal den einen zu beschwatzen, den anderen zu bestechen. Oder eine Mini-Flottille in die Ägäis zu schicken, die bloß aufpassen, aber nicht aufhalten kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Das gute Deutschland hat das Gewicht, nicht aber das Temperament einer Großmacht. Berlin ist der Getriebene, nicht der Treibende. Man darf der Regierung nicht moralische Arroganz vorwerfen, aber sehr wohl Leichtsinn und diplomatische Inkompetenz. Die Menschenwellen aus Nahost waren kein Schicksalsschlag, sondern ein weithin sichtbares Faktum seit Beginn des syrischen Binnenkrieges. Jetzt gibt Berlin die verzweifelte und womöglich chancenlose Feuerwehr. "Selbdritt" hätte bedeutet, die Europäer frühzeitig zusammenzuschirren – geduldig und unermüdlich, mit Druck und mit Zug. Wer eine moralische Großmacht sein will, muss das Handwerk einer echten beherrschen. Oder Selbstbescheidung üben.