Italienische Polizeibeamte am Bahnhof Brenner im vergangenen Jahr © Philipp Guelland/Getty Images

Der Brenner, das war in den vergangenen Tagen öfter zu hören, sei kein gewöhnlicher Grenzübergang. Strammen Patrioten gilt er als Unrechtsgrenze, die das heilige Land Tirol am Alpenpass zerreiße. Wer glaubt, die Wiedervereinigung sei nur ein Wunsch Ewiggestriger und verstörter Sonderlinge, irrt. Selbst Altlandeshauptmann Herwig van Staa träumte von einer Einheit der Landesteile, auch wenn er sie "unter den derzeitigen politischen Voraussetzungen" für unrealistisch halte.

Am Brenner wurde die Abschaffung der Grenzkontrollen im Rahmen des Schengen-Abkommens von Europa-Befürwortern ebenso bejubelt wie von Nationalisten, die sonst nach strenger Überwachung staatlicher Grenzen rufen. Es wachse zusammen, was zusammengehöre, hieß es. Nun bereitet man sich in Tirol darauf vor, an diesem Alpenpass wieder Grenzkontrollen einzuführen – sogar ein Zaun wird für dieses "Grenzmanagement" nach dem Modell Spielfeld geplant. Die Flüchtlingsströme, so die Überlegung, könnten von der Balkanroute nach Italien umgeleitet werden. So begründete die Regierungsspitze am Dienstag ihre Planspiele. Das Pathos, das angesichts dieser Ankündigung durchschlägt, ist aber kein Ausdruck der Enttäuschung über das Scheitern Europas.

Wo Schlagbäume wieder geschlossen und Zäune aufgestellt werden, ist der Aufschrei groß. Aber am Brenner kommt die Kritik nicht nur von überzeugten Europäern, Linken oder Verfechtern einer Willkommenspolitik. Hier tönt sie umso lauter aus den Kehlen derer, die ansonsten nach geschützten Grenzen rufen. Dazu kommt: Einfach per Zaunmanagement dichtmachen lässt sich der Alpenbogen links und rechts des Passes ohnehin nicht.

Die Südtiroler Volkspartei fühlt sich von der "Schutzmacht" im Stich gelassen

Der Brennerpass ist der niedrigste und seit Römerzeiten meistfrequentierte Alpenübergang. Sollten Kontrollen eingeführt werden, entstünden lange Staus, warnen die einen. Und Unternehmerverbände befürchten Schäden für die Wirtschaft. 35.230 Fahrzeuge brettern täglich über die Brennerautobahn, 41 Millionen Tonnen Waren passieren jährlich den 1.370 Meter hohen Gebirgsübergang. Für Urlauber ist er die letzte Station auf dem Weg ins Sehnsuchtsland mit Zitronenbäumen und gelati am Strand. Der Grenzort selbst ist bedeutungslos geworden. Die Europa-Region Tirol-Südtirol-Trentino wurde zum Vorzeigeprojekt transnationaler Zusammenarbeit und galt vielen als Ersatz für eine Wiedervereinigung.

Trotzdem: Wer die Teilung Tirols als gegeben hinnimmt, bekommt den heiligen Zorn der Patrioten zu spüren. Lieder wie Dem Land Tirol die Treue , in dem der Schmerz der Trennung besungen wird, sind Gassenhauer – ob beim Kinderfasching oder bei Après-Ski-Orgien. "Die Brennergrenze ist eine historisch belastete Grenze", erklärte SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder in der Tiroler Tageszeitung vergangene Woche, warum er zwar für nicht näher definierte "Vorbereitungen", aber gegen ein Zaunhindernis am Brenner sei. Tirols ÖVP-Landeshauptmann Günther Platter sagte im Jahr 2009: "Diese Grenze ist ein Unrecht, war ein Unrecht und wird immer ein Unrecht sein." Heute sehe er "gar keine andere Möglichkeit, als eine Grenzsicherung am Brenner anzudenken".

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 09 vom 18.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Südtiroler Volkspartei (SVP) fühlt sich angesichts dieser rhetorischen Wende von den konservativen Brüdern im Stich gelassen. Flehend wandte man sich vergangene Woche an die österreichische Regierung. Man bitte, so SVP-Obmann Philipp Achammer, den Brenner nicht wie andere Grenzübergänge zu behandeln. Was hier passieren soll, sei "ein großer Rückschritt in alte Zeiten".

Wenn der Schlagbaum am Alpenübergang zwischen Italien und Österreich nach unten geht, rüttelt das am Fundament des Tirol-Patriotismus, für den der Brenner das Symbol für die vermeintliche Unterdrückung der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol ist. "Ein Stich ins Tiroler Herz", klagt Pius Leitner von den Südtiroler Freiheitlichen.

Freilich sind die, die am lautesten gegen den Grenzschmerz anschreien, zugleich jene, die in Südtirol die ethnische Trennung zwischen deutsch und italienisch bewahren wollen. Sie beschwören bei jeder Gelegenheit die Schutzmachtfunktion des "Vaterlands" Österreich. Die vor 70 Jahren völkerrechtlich verankerte Garantiemacht hat derzeit keine Bedeutung mehr. Südtirol ist die wohlhabendste Provinz Italiens und reicher als das nördliche Tirol. Streit mit Rom gibt es immer wieder, dabei geht es allerdings seit mehr als 20 Jahren nur um weitere Sonderbefugnisse und um die Verteilung von Geldern. In Nordtirol wird der erste Tagesordnungspunkt jeder Sitzung der Landesregierung mit dem Titel "Südtirol" ein ums andere Mal durchgewinkt. Dennoch gehört es zum guten Ton zwischen Bierbank und Parlament, die "Herzensangelegenheit" Südtirol zu beschwören.

Selbst die FPÖ, ansonsten Befürworterin jeglichen Zaunbaus zur Abschreckung von allem Fremden, hat Bauchschmerzen. Die Kontrollen sollten von Italien weiter im Süden, "bereits unterhalb von Verona oder gar an der Salurner Klause (der italienisch-deutschen Sprachgrenze, Anm. d. Red.) durchgeführt werden, meint der Tiroler FPÖ-Chef Markus Abwerzger.

Bei all dem Grenzfetischismus wird Wesentliches vergessen: Was will Österreich erreichen? Sollen die "technischen Maßnahmen" dazu dienen, im Falle größerer Flüchtlingsbewegungen geordnete Übertritte durch das Nadelöhr am Pass zu gewährleisten, könnten sie sinnvoll sein. Falls sie aber dazu dienen sollen, eine ominöse Obergrenze einzuhalten, werden sie scheitern.

Denn das Wipptal, das über den Brenner führt, wird auf der Passhöhe zu einem Flaschenhals. Die Weitwanderwege von München nach Verona und die zahllosen Trampelpfade sind aber unkontrollierbar. Schon um Spielfeld war der Zaunbau im unebenen Gelände eine Herausforderung. Zwischen Felsmassiven, Schneefeldern und schroffen Bergwänden ist die Vorstellung eines durchgehenden Zauns lachhaft. Schmuggler und Südtirol-Terroristen mit kiloweise Sprengstoff im Rucksack haben in den 40 Jahren, in denen die Attentate anhielten, vorgeführt, wie es selbst einem Massivaufgebot des italienischen Heeres nicht gelang, die grüne Grenze abzudichten.

Lässt man die Sinnhaftigkeit von Grenzzäunen zur Abwehr von Flüchtlingen beiseite – gefährden dann Grenzkontrollen am Brenner die Kooperationen zwischen Österreich und Italien? Eher nicht. Solange die Verzögerungen nicht überhandnehmen, wird sie der Handel auf der Nord-Süd-Achse verkraften, und auch der Tourismus wird an Grenzwartezeiten nicht zerbersten. Die Tiroler Seele und das Herz Jesu, die könnten aber durchaus bluten.