Anfang des Monats waren David Cameron und Angela Merkel gemeinsam Gastgeber der internationalen Syrien-Unterstützer-Konferenz in London. Vergangenen Freitag tafelten der britische Premierminister und die Bundeskanzlerin in Hamburg als Ehrengäste des Senats. Und Ende dieser Woche sehen sie sich auf dem EU-Gipfel in Brüssel schon wieder. "Dave verbringt mehr Zeit mit Angela Merkel als mit seiner eigenen Familie", scherzt ein Minister.

Für beide geht es um viel auf dem Gipfel. Merkel will Europa zusammenhalten. Cameron droht mit dem "Brexit", dem Austritt Großbritanniens, sollte Brüssel seinen Reformvorschlägen nicht folgen. Dabei möchte er gar nicht raus aus der EU. Doch je lauter er sich mit den anderen Regierungschefs zankt, desto wahrscheinlicher wird der Verbleib der Briten. "Der Gipfel wird ein Stück absurdes Theater", sagt Camerons Kabinettskollege.

2013 hat der Premier den Briten ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft versprochen. Getrieben von einer starken antieuropäischen Fraktion in der eigenen Partei und den Erfolgen der EU-feindlichen Ukip, trat er die Flucht nach vorn an. Eine Zukunft in der EU sei nur vorstellbar, sagte Cameron, wenn der Apparat in Brüssel sich grundlegend neu ordne. "Kein besonders genialer Schachzug", findet Ronen Palan, Verhandlungstheoretiker an der City University London. "Wer ankündigt, die EU im Alleingang umzukrempeln, der hat Europa nicht begriffen."

Inzwischen hat Cameron seinen Anspruch herabgeschraubt. "Mit den Reformen, die er in Brüssel zur Diskussion stellte, kann er vielleicht die britische Tradition für eine Sonderbehandlung ausbauen", sagt Stephen Booth, Direktor des Londoner Thinktanks Open Europe. Die Struktur des vereinten Europa werde sich aber nicht ändern. Konkret hat Cameron bisher Folgendes erreicht: Die EU erkennt an, dass Großbritannien sich nicht mit dem Geiste der Gründerväter identifiziert, eine "immer engere Union der europäischen Völker" zu schaffen, sondern sich für eine Gemeinschaft souveräner Staaten einsetzen wird. Um die Stellung der Hauptstädte ein bisschen zu stärken, soll eine neue "Rote Karte" eingeführt werden. Mit einer Mehrheit von mindestens 55 Prozent können nationale Parlamente Gesetzesvorlagen der EU-Kommission dann stoppen. Sein Wahlkampfversprechen, Großbritannien von den bestehenden Richtlinien in der Sozial- und Arbeitsgesetzgebung auszunehmen, konnte Cameron indes nicht durchsetzen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Für Zündstoff in den Verhandlungen sorgten die Briten mit ihrer Forderung nach einer rechtlichen Gleichstellung der Mitglieder außerhalb der Eurozone mit den Euroländern. Dies soll vor allem verhindern, dass Finanzplätze im Euroraum zu Lasten Londons gestärkt werden. Zudem will Cameron den Anspruch von Arbeitsmigranten aus der EU auf britische Sozialleistungen einschränken. Aus Sicht Brüssels ist das mit dem Grundrecht auf Niederlassungsfreiheit unvereinbar. Der Kompromiss: Weist ein Mitgliedsland nach, dass eingereiste EU-Arbeiter die Staatskasse erheblich belasten, kann es deren Anspruch auf Sozialleistungen um vier Jahre verzögern.

Schon der erste Vertragsentwurf werde das Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU "nachhaltig verändern", so Cameron. Allerdings glaubt ihm das auf der Insel niemand. "Der Brexit ist in dieser Woche genauso wahrscheinlich wie vor einem halben Jahr", sagt Open-Europe-Direktor Stephen Booth. Will Cameron seine Machtposition retten, muss er vom Gipfel also substanzielle Zugeständnisse heimbringen.

Und so erwartet Verhandlungstheoretiker Palan eine "höchst sonderbare Gipfeldynamik". Zwar verfolgten beide Seiten das Ziel, dass Großbritannien in der EU bleibe, "doch kann es nur erreicht werden, wenn sie ihre Eintracht ins Gegenteil kehren." Je überzeugender Cameron die EU als Verlierer darstellen kann, umso beeindruckender erscheint sein Sieg. Hierzu müssten die anderen Regierungschefs den Briten einige Zugeständnisse machen: am ehesten bei der Finanzmarktregulierung und bei den Sozialleistungen.

Am Ende könnte ein typischer Brüsseler Kompromiss herauskommen: inhaltlich eher kosmetisch, aber Cameron kann damit dick auftragen.