Die Probleme der Deutschen Bank tauchen in keinem Redemanuskript eines Mitglieds der Bundesregierung auf. Sie sind weder Gegenstand eines Positionspapiers, noch hat sich ein Beamter hingesetzt, um dazu eine Vorlage für seinen Minister zu erarbeiten. Und doch gibt es im Bundesfinanzministerium, in der Bundesbank und in der Finanzaufsicht inzwischen Leute, die über das bislang Undenkbare nachdenken: den Zusammenbruch des größten deutschen Kreditinstituts.

Millionen Bundesbürger haben der Deutschen Bank ihre Ersparnisse anvertraut, zahllose Unternehmen unterhalten Geschäftsbeziehungen mit ihr. Das Bilanzvolumen des Frankfurter Geldgiganten entspricht mehr als dem Fünffachen des Bundeshaushalts. Ein Ende der Deutschen Bank wäre der größte anzunehmende Unfall für die deutsche Wirtschaft. Und weil schon Gerüchte über eine mögliche Schieflage die Nervosität an den angespannten Finanzmärkten verstärken würden, ist ein solches Szenario offiziell in Berlin kein Thema. Niemand will sich vorwerfen lassen, die Spekulation noch anzuheizen.

Das bedeutet aber nicht, dass man sich insgeheim nicht damit befassen würde. Seit den dramatischen Kurseinbrüchen der vergangenen Woche – die Aktie fiel allein am Anfang fast zehn Prozent und war so billig wie seit Jahrzehnten nicht – hat die Bank den Status der Unverwundbarkeit verloren. Wer seine Kredite an das Institut absichern wollte, musste eine weit höhere Prämie bezahlen als bis vor Kurzem. Zeitweise wurde sogar öffentlich diskutiert, ob die Bank genug Geld übrighat, um alle Zinsen auf einige Anleihen zu bezahlen.

Für das Institut markiert die vergangene Woche damit einen Wendepunkt. Eine Pleite der Deutschen Bank galt an den Finanzmärkten bisher als genauso unwahrscheinlich wie eine Pleite der Bundesrepublik Deutschland. Deutsche never fails – die Deutsche Bank gehe niemals unter, hieß es jahrelang in den Handelsräumen der Welt. Das Institut konnte sich dank dieses Vertrauensvorschusses selbst auf dem Höhepunkt der internationalen Finanzkrise mit frischem Geld versorgen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Nun sah sich der neue Bankchef John Cryan auf einmal gezwungen, den Anlegern zu versichern, sein Haus sei "absolut grundsolide". Sogar Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble musste dem Institut öffentlich das Vertrauen aussprechen. Um nervöse Anleger zu beruhigen, kauft die Bank für knapp fünf Milliarden Euro Anleihen zurück – eine Demonstration der Stärke, die aber flüssige Mittel in großem Umfang bindet.

Tatsächlich glaubt weder in Frankfurt noch in Berlin jemand, dass die Existenz der Bank unmittelbar bedroht ist. Sie hat über die Jahre ihre Kapitalvorräte deutlich aufgestockt, wodurch sie Verluste heute weit besser abfedern kann. Sie hat viele riskante Geschäfte eingestellt oder radikal zurückgefahren. Und sie sitzt auf 215 Milliarden Euro, die sie in bar vorhält oder schnell zu Bargeld machen kann, wenn nötig. In der Bank herrscht deshalb das Gefühl vor, das Institut sei von Anlegern und der Öffentlichkeit willkürlich herausgepickt worden, andere Geldhäuser wie die Credit Suisse hätten auch Probleme, ohne derart im Fokus zu stehen.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Die wachsende Angst vor einer neuen Weltrezession und die Aussicht auf anhaltend niedrige Zinsen mögen derzeit allen Banken zu schaffen machen, für die Deutsche Bank aber kommen sie zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Während die meisten Konkurrenten sich auf die Umbrüche in der Branche eingestellt haben, hat sie unter Cryans Vorgängern den Wandel verschlafen. Sie hielt am Investmentbanking fest, obwohl die Aufsichtsbehörden die Regeln so verschärft haben, dass das Geschäft weniger einbringt. Sie kämpft mit vielen langwierigen Rechtsfällen, die sie noch etliche Milliarden kosten werden. Sie beschäftigt zu viel Personal.

Cryan hat zwar angekündigt, die Kosten zu senken, doch vielen Investoren ist nicht klar, wie er wieder Geld verdienen will. Das ist umso problematischer, als viele Anleger sich fragen, welche Risiken vielleicht noch in der Bilanz des Instituts stecken. So haben viele Banken in den vergangenen Tagen öffentlich gemacht, inwiefern Ausfälle im Geschäft mit Energieunternehmen drohen könnten, die wegen des niedrigen Ölpreises derzeit reihenweise unter Druck geraten. Nicht so die Deutsche Bank, die da keine großen Probleme sieht. "Die Bank wird nicht an Wert zurückgewinnen können, wenn sie zu diesen Risiken keine weiteren Daten offenlegt", heißt es in einer Analyse der amerikanischen Großbank Morgan Stanley. Ähnlich skeptisch sehen einige auch das Investmentbanking, das wesentlich über Gewinn oder Verlust der Bank entscheidet und dessen Erträge jüngst um 30 Prozent eingebrochen sind. Diese Sparte gleiche einer "großen Black-Box, die viele Leute nervös macht", sagt Daniele Brupbacher, Analyst bei der Schweizer UBS.