Wenn es einen deutschen Schriftsteller gibt, auf den der Vorwurf, mehr am eigenen Nabel als an der Welt interessiert zu sein, garantiert nicht zutrifft, dann Michael Kumpfmüller. In jedem seiner ersten drei Romane schuf er großzügig Raum für Zeitgeschichte und Gesellschaftspolitik: in Hampels Fluchten (2000) für die deutsche Teilung, in Durst (2003) für einen realen Justizfall, in Nachricht an alle (2008) für nichts Geringeres als den herrschenden Politbetrieb. Weniger Eskapismus geht kaum.

Hatte man bei manchen seiner Kollegen zwischendurch tatsächlich den Eindruck, es würde ihnen nicht schaden, mal während einer Parlamentsdebatte auf der Zuschauerbank Platz zu nehmen, dann verspürte man bei Kumpfmüllers Büchern bisweilen einen leisen Gegenimpuls. Kam im Werk des politisch bestens informierten Schriftstellers und bekennenden Sozialdemokraten bei allem Fantasievermögen nicht doch ein Element der Literatur zu kurz? Das Verträumte, In-sich-Gekehrte, Zeitferne? Könnte er nicht ausnahmsweise nur über Sonne, Mond und Sterne schreiben?

Er machte es. Er schrieb, nein, nicht über Mond und Sterne, aber in Die Herrlichkeit des Lebens (2011) über Dora Diamant, die letzte Liebe Franz Kafkas. Und so dumm es klingen mag: Die poetische Schwingung und zärtliche Anverwandlung dieser meisterlichen Prosa hätte man dem Mann, dessen Sujets sich bis dahin mitunter in Sichtweite zum Journalistischen bewegten, fast nicht zugetraut. Es war nicht nur ein enorm erfolgreiches, sondern womöglich für den Autor selbst ein befreiendes Buch. Immerzu als Spezialist fürs Relevante zu gelten kann ja auch eine Bürde sein.

Nun ist Michael Kumpfmüller mit seinem neuen Roman Die Erziehung des Mannes zwar in die Gegenwart zurückgekehrt. Und die Geschichte des Komponisten Georg darf durchaus beanspruchen, die verworrene Lage des männlichen Geschlechts im bundesdeutschen Hier und Jetzt zu erläutern. Aber von seinem Ausflug in die Gefühlswelt eines Paares der Literaturgeschichte hat Kumpfmüller sich einen intimeren Erzählgestus bewahrt. Er reist gleichsam mit leichterem Gepäck. Ohne die stofflichen Frachten des klassischen Zeitromans, dafür mit dem überschaubareren Equipment eines Entwicklungsromans, auf dessen Konzept schon der Titel hinweist: Er zitiert Gustave Flauberts L’Éducation sentimentale, im Deutschen wahlweise als Die Erziehung des Herzens oder Die Erziehung der Gefühle übersetzt. Flauberts Kälte ist bei Kumpfmüller nun nicht zu finden. Aber was den Charakter von Flauberts Helden betrifft, dieses Meisters des opportunistischen Schlingerns und der Indifferenz, da kann Georg locker mithalten. Vor allem, wenn das Leben ihn mit dem weiblichen Geschlecht konfrontiert. Georgs Liebesleben in Kurzfassung: Die Frauen zeigen, wo es langgeht, und Georg geht mit.

Sieben Jahre lang führt er eine Beziehung mit Katrin, die nicht mit ihm schläft. Weil sie nicht kann, weil sie nicht will: Georg erfährt und begreift es nicht. Er duldet. Das siebenjährige Mönchstum endet erst, als Julika auftaucht, Jule genannt. Sie will mit ihm zusammenziehen, sie will heiraten, sie will Kinder, und Georg will dies alles insofern auch, als ihm vitale Gegenargumente fehlen. Liebt er Jule? Irgendwie schon. Ist er glücklich mit dieser fordernden, im Zweifelsfall ordinär schimpfenden Frau? Irgendwie nicht. Wer ist dieser Georg überhaupt? Ein Mann, der erst erwacht, als Jule ihm nach der Scheidung (und dem Beginn der zunächst gelingenden Neubeziehung mit nun Sonja) den Dauerkrieg erklärt, das elterliche Sorgerecht als dessen Schauplatz auslegt und die drei gemeinsamen Kinder als Beutemasse einsetzt. Ein nicht enden wollendes juristisches und menschliches Gemetzel, das einen Großteil der Romanhandlung ausfüllt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Vor allem aber ist Georg ein Mann ohne Männlichkeitsbild – und damit ein glaubwürdiger heutiger Stellvertreter seines Geschlechts. Eine Figur, in deren Indifferenz sich die Dämmerung des Patriarchats spiegelt. Michael Kumpfmüllers Männerroman, um mal versuchsweise eine Rubrik zu verwenden, ist nicht der erste und wird nicht der letzte sein, der sich dieses kulturgeschichtlichen Schauspiels annimmt. Ralf Bönt hat sich in einem Manifest und dem Roman Das kurze Leben des Ray Müller (2015) mit der männlichen Defensivposition, Thomas Hettche in Die Liebe der Väter (2010) mit der Schieflage des Sorgerechts befasst. Im einen wie im anderen Fall war es ein Kinderspiel, sich über männliche Wehleidigkeit zu belustigen, nach dem Motto: Tja, Leute, drei Jahrtausende nichts als patriarchale Übermacht und dann plötzlich den Müll runterbringen, das ist schon eine Menschenrechtsverletzung, die nach literarischer Bearbeitung schreit.

Aber so einfach ist die Sache nicht, und das Phantomhafte männlicher Rollenidentität beim besten Willen nicht zu bestreiten. Noch vor Kurzem wurde die jüngere Männergeneration, zumal von jüngeren Frauen, wegen ihrer unentschlossenen Schlaffheit attackiert. Anstatt mit klarer Ansage abends vor der Tür zu stehen, so der Vorwurf, schrieben sie süßliche Brieflein und litten kindisch vor sich hin. Nun, zu Beginn des Jahres 2016, steht aus aktuellem Anlass wieder einmal die Frage im Raum, ob es beim Männergeschlecht nicht doch eine Grunddisposition zum sexuellen Übergriff gibt. Salopp gesagt: Wie viel Testosteron soll’s denn jetzt eigentlich sein? Wie viel erotischen Zuspruch, wie viel gesellschaftliche Anerkennung ernten denn Männer, die tatsächlich eine Revolution ihrer hergebrachten Rollen vornehmen, sich, der Karriere der Frau zuliebe, um Haushalt und Kinder kümmern, nicht die Welt mit den neuesten Weisheiten, sondern Freunde und Familie mit verbindlichen Mahlzeiten versorgen?

Nein, keiner der Konflikte, die Michael Kumpfmüller hier berührt, ist an den Haaren herbeigezogen. Man vertraut sich seinem Sujet so gern an wie seiner federnden Sprache und der unangestrengten Zeitkonstruktion, die mit narrativen Vor- und Rückgriffen, mit behutsamen Ellipsen Georgs Leben von der Kindheit bis zum Rentenalter einschließt. Ganz am Ende lebt Georg in friedlicher Eintracht mit einer Frau, die er sich als Teenager durch die Lappen gehen ließ. Warum es jetzt klappt, weiß er selbstredend nicht. Der glückliche Zufall, der sie nach vier Jahrzehnten in sein Leben zurückweht, riecht ein wenig nach dramaturgischer Trickkiste. Offensichtlich soll er Georgs Liebesbiografie vor einem tragischen Totalschaden und Georg vor der Aufgabe bewahren, das Volumen eines echten Tragöden zu füllen. Ein solcher ist er in der Tat nicht.

Zu den Stärken des Romans zählt eine Qualität, auf die bei Kumpfmüller seit je Verlass ist: die unverblendete, aber nie kalte Sicht auf seine Figuren. Selbst Georgs Vater, ein autoritäres Scheusal, dessen familiäres Zerstörungswerk in einem Mittelstück memoriert wird, behält das Recht auf seelische Nuancen. Was Michael Kumpfmüller als Menschenerzähler zu leisten vermag, zeigt sich aber vor allem in der Darstellung von Georgs Kindern. Jedes für sich wird zur vollgültigen literarischen Figur entfaltet, eine Rarität in der Literatur, die Nachwuchs gewöhnlich eher als Statisterie behandelt.

Gerade deshalb wird Georgs Blässe, wird der Mangel an Selbstkenntnis dieses Ich-Erzählers mehr und mehr zum Erzählproblem und die Zentralfigur zur verschatteten Stelle in einem gut ausgeleuchteten Ensemble. Durch das Buch ziehen sich wie ein Refrain Formulierungen wie: "So richtig begriffen habe ich es bis heute nicht" oder "Genau begriffen hatte ich es nicht". Darin liegt eine gewisse Logik. Georg ist nun mal ein Mann ohne begreifbares Selbstbild. Aber das Instrument der Ich-Erzählung, das der Autor ihm an die Hand gibt, müsste ihn herausfordern, in ebendiesem Dilemma tiefer zu bohren. Es bleibt dem Leser überlassen, die grausame Seite der Indifferenz zu ergründen und in den Hysterien der Frauen eine Reaktion auf diese Grausamkeit zu erkennen. Es bleibt ein blinder Fleck zurück, als Sonja, bis dahin eine wunderbare Stiefmutter und innig liebende Partnerin, von einem Tag auf den anderen aus Georgs Leben verschwindet. Spätestens da müsste er die Scheinwerfer auf das Dunkel in ihm werfen.

Mag das Konzept des Romans zu Flaubert zurückführen – der geistige Vater dieser Männeridentitätsgeschichte heißt Max Frisch. My life as a man, so ein Zwischentitel in Montauk, würde auch bestens zu Georgs Lebensbericht passen, und Georgs Exfrau Julika hat ihren Namen wohl nicht zufällig. So heißt in Frischs Roman Stiller die Ehefrau des Mannes, der sich weigert, als Stiller identifiziert zu werden. Aber er ist ein anderer Fall, ein vielleicht pathologischer, vielleicht strategischer Selbstverleugner. Georg hingegen steht nur einen halben Schritt neben sich. Die Form des Romans gäbe ihm Gelegenheit, den Kopf zu wenden und sich genauer anzuschauen. Er nutzt sie etwas zu wenig.

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes.
Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016; 316 S., 19,99 €