Unlängst hat Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, in der ZEIT vor einem drohenden technologischen Totalitarismus gewarnt und für eine Charta digitaler Grundrechte plädiert. In der gegenwärtigen Situation erscheint diese Intervention als ein Hoffnungszeichen, als echte Ermutigung, weil sie eine dringend anstehende Debatte auf europäischer Ebene anzetteln könnte. Und es ist richtig, vor den Auswüchsen des Plattform-Kapitalismus und der Macht der Digital-Monopolisten zu warnen, es ist richtig, für das Recht auf Vergessen zu streiten und an die Würde des Menschen in einer Phase zu erinnern, in der die anonyme oder pseudonyme Hasskommunikation in den sozialen Netzwerken explodiert.

Wie aber verlässt man die Ebene der bloßen Proklamation? Wie schafft man – dauerhaft – gleichermaßen wirklichkeitsnahe und doch autonome Räume des Denkens? Orte zur Schärfung des Möglichkeitssinns und Laboratorien zur Erzeugung utopischer Energie, um jene Wirklichkeit zu erkunden, in der wir morgen leben wollen?

Wenn man so fragt, dann sieht man, dass sich in dem gegenwärtig spürbaren Unbehagen an der digitalen Moderne ein gewaltiger, noch gar nicht verstandener Bildungsauftrag offenbart, der eine zweite Aufklärung verlangt – eine Erziehung zur Medienmündigkeit auf der Höhe der Zeit.

Niemand vermag zu sagen, welche Folgen die offenkundig gewordene Totalüberwachung durch den amerikanischen und den britischen Geheimdienst langfristig für das Freiheitsempfinden ganzer Gesellschaften haben wird. Kein Mensch kann voraussehen, welche Konsequenzen in den medialen Möglichkeiten der Selbstabschottung und der Selbstradikalisierung in den Echokammern der sozialen Netzwerke angelegt sind. Und es ist unmöglich zu erahnen, was die Schwächung der klassischen Gatekeeper, der Schleusenwärter am Zugangstor zur publizistischen Welt, die Erosion der Geschäftsmodelle im Qualitätsjournalismus und der Aufstieg von Plattform-Monopolen auf lange Sicht für die Zukunft des Öffentlichen bedeuten. Und doch: Resignative Ängstlichkeit wäre ganz falsch.

In einer Situation, in der die Weltmächte des digitalen Universums die Lebensverhältnisse neu codieren, sind Bildungsanstrengungen gefordert, die leidenschaftliche, normative Debatten ermöglichen und die Frage nach dem guten Leben nicht scheuen, weil diese sonst eben von Unternehmern aus dem Silicon Valley mit ein paar neuen Gadgets beantwortet wird. Für das Bemühen, die großen Fragen in Zeiten des rasanten Medien- und Gesellschaftswandels wiederzuentdecken und die eigene Zukunft autonom zu denken, braucht es lange schon ein eigenes Fach an den Schulen des Landes.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Warum an den Schulen? Weil Schulen Orte gezielter Möglichkeitserkundung sind oder doch sein könnten. Sie erlauben den Kraftakt der reflektierten Distanznahme zu einer naturwüchsig und alternativlos erscheinenden Wirklichkeit, bieten also Sphären einer relativen Freiheit für diejenigen, die faktisch schon längst in der digitalen Welt leben und eines Tages die Zukunft bestimmen werden.

Wie könnte ein solches Schulfach heißen? Mein Vorschlag lautet: digitale Ökologie. Der Kultur- und Medienwissenschaftler Marshall McLuhan und seine Mitstreiter Joshua Meyrowitz und Neil Postman waren es, die schon vor Jahrzehnten den Begriff der Ökologie in die medienpädagogischen Debatten eingeführt haben. Ihr Argument besagt, dass medialer und technologischer Wandel weder additiv noch subtraktiv funktioniert, also eine neue Erfindung nicht einfach der Welt ein paar neue Medienspielzeuge hinzufügt oder ein paar ältere verdrängt. Die Wirkung des Medienwandels, ebendies lässt sich nach dem Kulturbruch der Digitalisierung fraglos belegen, ist ökologisch. Sie verändert auf oft undeutliche, ebendeshalb erst in der Anstrengung der bewussten Reflexion erkennbare Weise alles: die Raum- und die Zeitverhältnisse, die Beziehungen und den Beruf, die Politik und die Liebe, die Art des Aufwachsens und das Ansehen von Autoritäten, den Charakter von Enthüllungen und Geheimnissen, die auf Informationskontrolle beruhende Macht von Institutionen und Eliten.

Diese Vernetzung und Digitalisierung in ihren persönlichen und gesellschaftlichen Folgen zu durchdenken, sie mit Blick auf die soziale Umwelt und die eigene kognitive Innenwelt zu begreifen, ihre Sozialverträglichkeit zu debattieren, den Wirklichkeitssinn und den Möglichkeitssinn gleichermaßen zu schulen – das wäre so etwas wie der pädagogische Grundauftrag dieses neuen Faches an der Schnittstelle von Ethik, Medienwissenschaft und Informatik. Am Anfang stünde eine medientechnisch fundierte Entstehungsgeschichte der digitalen Welt, die offenbart, in welchem Maße der Medienwandel ökologisch wirkt, weil er – von der Nutzung der Schrift bis zur Erfindung von Druckerpresse, Radio, Film, Fernsehen oder eben des Computers – die Gesellschaft radikal transformiert, die Organisation des Wissens und die Formen des Diskurses verändert.

Fortfahren ließe sich, eben in der geschützten, nicht unmittelbar von kommerziellen Verwertungsinteressen regierten Laborsituation der Schule, mit einer Machtanalyse der digitalen Welt, die zeigt, was Big Data, quantified self, die Plattform-Monopole von Facebook oder Google, die Automatisierung der Arbeitswelt oder die Totalüberwachung durch Geheimdienste lebenspraktisch bedeuten, welche Wirklichkeiten Algorithmen erschaffen und wer überhaupt Anschluss hat an die Segnungen der digitalen Welt.

Das dritte Großthema wäre die Praxis des Mediengebrauchs in der digitalen Welt. Hier ginge es um die Einschätzung der Objektivität von Quellen, die potenzielle Wirkung eigener Postings und Publikationen in den Wirkungsnetzen des Digitalen und die Macht raffiniert getarnter Werbung und Propaganda, die im Extremfall global zirkuliert. Hier ginge es um die Ethik des eigenen Sprechens, die Spielregeln einer vernunftorientierten, um das bessere Argument ringenden Debatte, die enthemmende Wirkung der Anonymität, die konkreten Maßnahmen zur Sicherung der Privatsphäre, aber eben auch um den Schutz der eigenen Konzentrationsfähigkeit und der tiefen Aufmerksamkeit in Zeiten der Dauerablenkung.

Natürlich, man kann sofort einwenden, dass ein solches Curriculum der digitalen Ökologie noch viele weitere Themen brauchte und in der föderalistisch zersplitterten Bildungslandschaft ohnehin auf dem Weg zur Umsetzung krepiert. Das mag sein. Aber schon die Auseinandersetzung darüber wäre nützlich – auch im Blick auf die Charta der digitalen Grundrechte. Diese benötigt, um die allgemeinen Sollens-Sätze in eine tatsächlich gelebte Maxime des Handelns zu verwandeln, den begleitenden Praxistest, der Abstraktion und Anschauung miteinander verknüpft. Ebendiese besondere Mischung aus Erkenntnis und Erfahrung liefert die pädagogisch-didaktische Arbeit, die immer auch im Konkreten verhaftet ist.

Die Charta durch eine bildungspolitische Diskussion zu ergänzen heißt also nicht, den Erziehungsauftrag der Schulen auf womöglich unheilvolle Weise zu politisieren. Es bedeutet vielmehr, dass man die großen, schönen Forderungen nach Autonomie und informationeller Selbstbestimmung in die Lebenswirklichkeit von jungen Menschen übersetzen, sie hier erlebbar machen muss.

Von diesem Übersetzungszwang könnten auch die Digitaldebatten unserer Tage enorm profitieren. Denn diese sind, noch viel zu häufig und in paradoxer Verkehrung ihrer lebenspraktischen Relevanz, Gespräche unter Eingeweihten und ritualisierte Positionskämpfe zwischen Euphorikern und Apokalyptikern mit ihren je eigenen Interessen. Auch deshalb braucht es, auf dem Weg zu einem produktiven Reizklima des Diskurses und einer werteorientierten Anschaulichkeit, institutionell verankerte Anlässe, um das Leben in der vernetzten Welt analytisch zu durchdringen. Die Schulen wären für eine so verstandene zweite Aufklärung der richtige Ort.