Hundertmal wurde gesagt, es gehe um alles. Man mag es gar nicht mehr glauben. Und doch – die Herausforderungen für die Europäische Union waren nie größer als heute, und nie schien ein deutscher Regierungschef in der EU so allein wie Angela Merkel. Länder wie Ungarn oder Polen haben die deutsche Flüchtlingspolitik früh kritisiert, vor dem EU-Gipfel in dieser Woche gingen sie zur offenen Konfrontation über. Auch der französische Ministerpräsident Manuel Valls ließ Madame Merkel öffentlich wissen, auf Dauer sei ihre Politik "nicht tragbar". Das sei keine Kritik an der Kanzlerin, kam es tags darauf beschwichtigend aus Paris. Wer solche Verbündeten hat, braucht keine Feinde.

Ganz anders als Merkel ergeht es dem britischen Premier: David Cameron hat keine Flüchtlinge aufgenommen und keine Grenzen geöffnet, er hat sein Land und die EU ohne Not in ein Referendum hineintaktiert, das mit dem Austritt Großbritanniens enden könnte. Doch was für ein Kontrast: Selten hat man die EU so geschlossen erlebt wie beim Versuch, Cameron und den Briten eine Brücke zu bauen. Zu Recht fürchten die Länder jene Fliehkräfte, die ein "Brexit" mit sich brächte. Solidarität aus Eigeninteresse – warum gilt das nicht auch in der Flüchtlingskrise?

Es geht nicht mehr um Merkel, auch längst nicht mehr nur um Flüchtlinge. Europa ringt um seinen Platz in der Welt; diese Jahre werden darüber entscheiden, wie viel Zukunft die EU hat. Deutschland spielt dabei eine zentrale Rolle. Berlin als Führungsmacht, Merkel, die Prinzipalin – an dieses Bild hat man sich gewöhnt. So sehr, dass viele übersehen, wie gefährlich es ist, wenn die Führungsmacht schwächelt.

Manch einer, vor allem in Südeuropa, hat die deutsche Dominanz nur schwer ertragen. Aber Merkels Autorität und die Stabilität in Deutschland waren für die EU ein Glück. Eine breite Mehrheit, eine vernünftige Opposition, kaum radikale Kräfte: Deutschland war der Pfeiler im schwankenden Ensemble. Nun, unter der Last der Flüchtlingskrise, beginnt dieser Pfeiler zu wanken. In Berlin wächst der Frust über die unwilligen Nachbarn, die Zweifel an der europäischen Integration werden größer. Die AfD etabliert sich als populistische Kraft.

Das alles könnte für Europa fatale Folgen haben. Zumal wenn sich in Deutschland der Eindruck durchsetzt, man werde nun, da man selbst Hilfe braucht, im Stich gelassen. Man kann Merkel vorwerfen, ihre Flüchtlingspolitik sei anfangs kurzsichtig gewesen. Das fällt heute sehr viel leichter als vor einem halben Jahr. Merkel hat die Folgen ihrer Offenheit nicht überblickt, vor allem aber nicht die Befindlichkeiten und den Widerstand in anderen europäischen Ländern. Daraus den Vorwurf abzuleiten, Merkel habe Europa gespalten, ist abwegig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Das Problem der EU ist nicht ein vermeintlicher Alleingang der Kanzlerin. Es ist Verzagtheit, die die europäische Politik erfasst hat.

Besonders perfide ist der Vorwurf, Merkels Flüchtlingspolitik befördere den Nationalismus und Extremismus in anderen Ländern. "Frau Merkel ist die beste Verbündete von Frau Le Pen", heißt es etwa in Frankreich. Der Vorwurf unterstellt, man könne radikale und ausländerfeindliche Parteien wie den Front National nur bekämpfen, indem man nachgibt. Tatsächlich zeigt die Flüchtlingskrise, wie groß der Einfluss der Populisten in Europa bereits ist: In kaum einem EU-Land kommen die radikalen Rechten auf über 20 Prozent. Aber wenn in Brüssel die Regierungschefs zusammenkommen, regiert die Angst, die die Nationalisten verbreiten, längst mit. Auch deshalb lassen viele Merkel hängen.

Aber Angstmacher kann man nicht durch Angsthaben besiegen. Um Kontrolle in der Flüchtlingskrise zurückzugewinnen, braucht es sichere Grenzen und sichere Wege für Flüchtlinge in Not. Merkels Versuch, die Türkei zu gewinnen und ihr eine bestimmte Anzahl von Flüchtlingen (also Kontingente) abzunehmen, ist daher richtig. Aus illegaler würde legale Migration.

Nur – allein kann Merkel das nicht schaffen. Deutschland braucht Europa, so wie Europa, umgekehrt, ein starkes Deutschland braucht. Anders gesagt: Wer Merkel, wer Deutschland in dieser Situation die Unterstützung verweigert, schadet der EU. Deutschland braucht jetzt Solidarität – aber es wäre eine Solidarität im Interesse aller. Denn was wäre gewonnen, wenn die EU Großbritannien hielte, aber die Unterstützung der Deutschen verlöre?

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