DIE ZEIT: Herr Milzner, woran leiden die Kinder und Jugendlichen, die in Ihre psychotherapeutische Praxis kommen?

Georg Milzner: Oft stellen sich zuerst einmal die Eltern vor, ohne ihr Kind. Viele von ihnen befürchten, dass ihr Sohn oder ihre Tochter zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringt, vielleicht sogar süchtig ist. Sie haben Angst um ihr Kind, weil bei ihnen aus der öffentlichen Debatte hängen geblieben ist: Computer machen dick, dumm und gewalttätig.

ZEIT: Bestätigen sich diese Befürchtungen, wenn Sie die Kinder dann kennenlernen?

Milzner: Die meisten entsprechen jedenfalls nicht dem Bild des zurückgezogenen Nerds, der durch Ballerspiele verroht ist. Jüngere Kinder werden oft von Bildern verfolgt, die sie auf YouTube oder in Digitalspielen gesehen haben. Aber manche Jugendliche sind wirklich Hardcore-Gamer.

ZEIT: Wie unterhalten Sie sich mit solchen Intensivspielern?

Milzner: Ein Gespräch läuft zum Beispiel so ab: Ich versichere dem Jugendlichen, er baue beim Spielen eine Kompetenz auf. Etwa indem er sein räumliches Vorstellungsvermögen schule, seine Reaktionsfähigkeit und sein strategisches Denken. Das sind ja Intelligenzfaktoren. Der Jugendliche wendet dann ein: In Wirklichkeit wisse ich doch, dass das Müll sei. Ich erwidere: Dann würde er nicht sein Leben damit verbringen. Und dann sage ich zu ihm: Finden wir gemeinsam heraus, ob diese Kompetenzen, die da erworben werden, wirklich die sind, die er oder sie haben will.

ZEIT: Das klingt verharmlosend. Intensiv bedeutet doch oft 40 oder 50 Stunden Digitalspiel in einer Woche. Ist das nicht schon eine Sucht?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Milzner: Der Begriff Sucht wird in der Debatte überstrapaziert. Studien haben gezeigt, dass Hardcore-Gamer – von denen es übrigens nur sehr wenige gibt – bei Abstinenz ähnliche Reaktionsmuster im Gehirn aufweisen wie Drogenabhängige auf Entzug. Lässt man sie wieder spielen, zeigen sich euphorische Reaktionen im Gehirn. Jedoch hat man nicht überprüft, ob leidenschaftliche Fußballer genauso reagieren, wenn man ihnen den Ball wegnimmt. Beruhigend finde ich außerdem, was ich bei vielen meiner Patienten beobachte: Sobald die Jungs eine Freundin haben möchten, spielen sie weniger, denn im Game lernen sie keine Mädchen kennen.

ZEIT: In Ihrem Buch erzählen Sie von Patienten, die das Spielen übel mitnahm. Ein Neunjähriger litt an Albträumen.

Milzner: Franz sah im Traum immer wieder eine männliche Gestalt, die sich über ihn beugte, als ob er tot wäre. Er lag wie festgenagelt auf dem Boden, ohne sich regen zu können, und wachte schreiend auf. Im Gespräch fand ich heraus, dass er dieses Bild in dem Ego-Shooter Call of Duty gesehen hatte, der darf aber nur an Volljährige verkauft werden. Franz hatte ihn heimlich mit seinem älteren Bruder gespielt.

ZEIT: Trotzdem spricht diese Erfahrung aber doch eindeutig gegen das Spiel…

Milzner: Sie spricht vor allem dafür, dass Eltern darauf achten sollen, was ihre Kinder spielen. Auf die Altersfreigabe zu schauen ist wirklich wichtig. Den entsprechenden Aufdruck findet man auf jedem Spiel: weiß, gelb, grün, blau oder rot für Freigabe ab 0, 6, 12, 16 oder 18 Jahren.