Um Peter Leibold zu beschreiben, braucht einer seiner engsten Geschäftspartner nur ein Wort: Alphamensch. Jemand also, der vorgibt, wo es langgeht, und andere dazu bringt, ihm zu folgen. Leibold hat das geschafft: immer und immer wieder. Als Gründer und Geschäftsführer von German Pellets hat der 59-Jährige Tausende Anleger überzeugt, auf den Erfolg von Holzpellets als erneuerbare Energiequelle der Zukunft zu wetten – und ihm mehrere Millionen Euro anzuvertrauen. Auf YouTube finden sich Filme, in denen er Sätze sagt wie: "Alle Zeichen stehen auf Wachstum." Doch jetzt ist klar: Die Geldgeber haben die Wette verloren.

Vergangene Woche hat German Pellets Insolvenz angemeldet. Mehr als 250 Millionen Euro Anlegerkapital stehen auf dem Spiel. Es ist ein Desaster für ökologisch orientierte Investoren: das nächste nach dem Fall des Windparkbetreibers Prokon, nach Biogas Nord, nach Solar Millennium und wie sie alle heißen. Wieder hat ein Unternehmen sie mit einem grünen Gewissen und großen Renditeversprechen geködert – bis zu acht Prozent Zinsen waren es diesmal. Und wieder trifft es mehr als 10.000 Kapitalgeber. Manche, so erzählen Anwälte, hätten German Pellets sogar ihre gesamten Ersparnisse anvertraut.

Nun drängen sich viele Fragen auf: Was ist das überhaupt für ein Unternehmen? Wo ist das viele Geld geblieben? Und werden die Anleger es jemals wiedersehen? Alphamensch Leibold schweigt zu all diesen Fragen. Also muss man die Antworten woanders suchen.

Etwa in Wismar. Nicht weit entfernt vom Ostseehafen und vom Rangierbahnhof ragen graue Silos in den Himmel. "Energie, die nachwächst" steht auf einem Fabrikgebäude. Hier hat der Traum vom Holzschnitzel-Imperium begonnen, hier hat Leibold im Jahr 2005 das erste German-Pellets-Werk hochgezogen. Hier pressen Maschinen Sägemehl, Hobelspäne, Schleifstaub und andere Holzbestandteile zu Pellets: kleinen, zylinderförmigen Stäbchen, die aussehen wie Trockenfutter für Hunde. Und hier im Hafenviertel residieren neben German Pellets viele andere Unternehmen: German Pellets Logistics, German Pellets Supply, German Horse Pellets, German Pellets Service, German Pellets Genussrechte und so weiter.

Es ist ein eigentümliches, verworrenes Firmengeflecht, das Leibold in den vergangenen Jahren erschaffen hat: mit dem Geld grün bewegter Anleger – und ohne deren Widerspruch. Fast drei Dutzend Tochterunternehmen, Beteiligungen und Joint Ventures vereinen sich unter dem Dach der German Pellets GmbH, die Leibolds zentrale Kapitalsammelstelle war. Aber das Gros der Millionen ist längst woanders: in Österreich etwa oder in den USA. Vergangene Woche ging bei der Staatsanwaltschaft Rostock bereits eine Anzeige wegen möglicher Unterschlagung von Anlegergeldern ein.

Rund eine Viertelmilliarde Euro haben Käufer von Genussrechten und Anleihen German Pellets und deren Tochterfirmen anvertraut. Mindestens 160 Millionen Euro hat das Unternehmen weitergeleitet: an Beteiligungsfirmen, Holdings sowie an eine Stiftung, allesamt außerhalb des Konzerns. Viele dieser Briefkastengesellschaften stehen oder standen im Einflussbereich von Peter Leibold oder seiner Ehefrau Anna Kathrin. Und es ist noch völlig unklar, ob die Gläubiger und Kapitalgeber der German Pellets an dieses Geld je herankommen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Jahrelang konnten die Leibolds nach eigenem Gutdünken wirtschaften. Besitzt doch Peter Leibold 60 Prozent der German-Pellets-Anteile, seine Ehefrau Anna Kathrin 40 Prozent. Anders als Aktionäre, die über den Kurs von Unternehmen mitentscheiden dürfen, haben Inhaber von Genussrechten und Anleihen kein Mitspracherecht. Und kaum einer schaute genau hin, solange der Umsatz stieg und die Zinsen gezahlt wurden. "Aber schon damals", sagt jemand, der das Unternehmen gut kennt, "sind merkwürdige Dinge gelaufen."

Zum Beispiel die Deals von German Pellets mit German Pellets Supply. Diese Firma wurde ebenfalls von Peter Leibold geführt; sie residiert unter derselben Adresse und derselben Website, gehört aber nicht direkt zum Konzern. Immer wieder verkaufte German Pellets an die Supply für Millionen von Euro Rohstoffe und Pellets – und kaufte die Güter später wieder zurück. Ein betriebswirtschaftlicher Sinn ist nicht erkennbar.