ZEIT: War er als glänzender Rhetoriker und Verkäufer nicht zu gefährlich für einen wie Hentig, der als Leiter der Bielefelder Laborschule ja bereits die Rolle des umjubelten Reformpädagogen innehatte?

Oelkers: Nein, gar nicht. Es gab eine klare Hierarchie. Hentig schrieb die Bücher, und Becker verkaufte die Ideen, die in ihnen standen.

ZEIT: Holte man Becker deshalb an die Odenwaldschule – wegen seines Verkaufstalents?

Oelkers: Hellmut Becker hat ihn dort installiert. Wieder einmal ging alles sehr schnell. Offensichtlich musste er aus Göttingen entfernt werden. Ich vermute stark, dass Becker mit der Strategie des schnellen Ortswechsels seine Spuren verwischen und Missbrauchsvergehen verdecken wollte. Es muss immer einen Moment gegeben haben, an dem es besser war zu gehen. Anders kann ich mir die vielen Brüche in seiner Biografie nicht erklären.

ZEIT: Konnten Sie dafür Beweise finden?

Oelkers: Für die Zeit in Linz und in Göttingen gibt es deutliche Hinweise auf Missbrauchsopfer. Das geht aus Aussagen hervor, die mir vorliegen, und wird auch durch die Recherchen anderer belegt. Das Ausmaß ist allerdings noch unbekannt. Meine Hoffnung geht dahin, dass sich nach dem Erscheinen des Buches noch weitere Quellen auftun, die mir Aufschluss über einige Leerstellen geben können. Klar ist aber: Wenn Becker der pädophile Verbrecher war, von dem wir inzwischen wissen, dann muss er früh damit angefangen haben, nicht erst an der Odenwaldschule.

ZEIT: Gerold Becker begann dort als Oberstufenkoordinator, stieg aber schnell zum Schulleiter auf. Wie ging das, ohne dass er je einen pädagogischen Abschluss vorweisen konnte?

Oelkers: Eine solche Berufung ist ziemlich einmalig. Man stelle sich das in der Medizin oder bei den Juristen vor! Bei Gerold Becker aber sah die Schulaufsicht in Darmstadt darüber hinweg, dass er kein ausgebildeter Lehrer war. Entscheidender war offensichtlich, dass Becker die Odenwaldschule zur reformpädagogischen Vorzeige-Institution machen sollte. Weit über Hessen hinaus.

ZEIT: Das gelang ihm gut. Lehramtsstudenten pilgerten ins Oberhambachtal, um sich von den vermeintlich neuen Lehrmethoden inspirieren zu lassen. Es gibt ein Foto, auf dem Becker mit Richard von Weizsäcker und Hartmut von Hentig über das weitläufige Gelände spaziert. Becker war Teil der deutschen Bildungselite. Wie kam es, dass ihm ganz Deutschland diese Show abgenommen hat?

Oelkers: Die reformpädagogischen Ideale, die er predigte, passten in die Zeit. Erziehung war wichtiger als Unterricht, Nähe und Beziehung waren die entscheidenden Kriterien für die Arbeit mit den Kindern. Er sprach von Liebe, vom pädagogischen Eros, auch wenn manche lange dachten, er meinte "Ethos". Aber so war es nicht. Genau wie Hellmut Becker verteufelte er die Staatsschule, ohne sich jemals mit ihr auseinandergesetzt zu haben. Die Schule sollte "entschult" werden, zum Erfahrungs- und Gemeinschaftsort werden, zu einer Polis. Jenseits der großen Bühne, im Klassenzimmer, galt Becker für viele als grottenschlechter Lehrer. Das haben ehemalige Odenwaldschüler hinreichend bestätigt.

ZEIT: War er ein guter Schulleiter?

Oelkers: Eine Schule leiten konnte er schon gar nicht. Zwei Jahre nachdem er die Odenwaldschule übernommen hatte, herrschte sichtbar Missmanagement. Becker war überfordert, was dem Kollegium nicht verborgen blieb. Acht Lehrer wagten den Aufstand gegen Becker, der aber schnell niedergeschlagen wurde. Der Vorstand, in dem Hellmut Becker saß, hielt an ihm fest. Einige der aufgebrachten Lehrer dagegen verließen danach die Schule. Für Gerold Becker bedeutete dieser Sieg: Ihm konnte nichts mehr passieren. Seine Intensität als pädokrimineller Täter steigerte sich daraufhin nachweislich.