ZEIT: War das die Zeit, in der das Missbrauchssystem unter Becker entstand?

Oelkers: Es gab Zweifel, ob es ein "System Becker" wirklich gegeben hat. Nach meinen Recherchen bin ich jedoch davon überzeugt. Es war ein generationenübergreifendes Missbrauchssystem mit verschiedenen Tätern, die voneinander wussten und sich gegenseitig schützten. Widerständige Kinder wurden mit Intrigen und Lügen eingeschüchtert. Man steckte sie in eine neue Internatsfamilie oder verwies sie unter Vorwänden wie Drogenmissbrauch oder Diebstahl von der Schule. Man empfahl Eltern, die Kinder in Therapie zu geben, oder schlug ihnen ein englisches Internat als Alternative vor. Das habe ich in Briefwechseln zwischen Becker und den Familien gefunden.

ZEIT: Und niemand hat sich gewehrt?

Oelkers: Die Schweigemauer hatte einige poröse Stellen. Manche Kinder haben sich sehr wohl ihren Eltern anvertraut, hörten dann aber: Du willst dein Abitur machen? Dann hab dich nicht so! Eine wirkliche Vorstellung davon, was pädophile Gewalt wirklich bedeutete, hatte außer den Tätern und ihren Opfern damals niemand. Dieses System hat sich seit den Anfängen der Odenwaldschule aufgebaut, unter Becker ist es eskaliert.

ZEIT: Wie kann es sein, dass Eltern ihren Kindern nicht geglaubt haben?

Oelkers: Bestimmte Eltern haben sich davor gescheut, Anklage zu erheben, weil sie wussten, dass ihre Kinder dem Ganzen vor Gericht nicht standhalten würden. Ein solcher Missbrauchsprozess wäre damals noch ganz anders verlaufen als heute. Andere Eltern haben aber reagiert und ihre Kinder von der Schule genommen. Auffällig ist jedenfalls, dass die großen bekannten Namen mit den Jahren aus den Schülerlisten verschwunden waren. Der Missbrauch muss sich herumgesprochen haben, aber öffentlich machte das keiner. Deshalb wurde der Ruf der Schule so lange nicht beschädigt.

ZEIT: Die deutsche Oberschicht brachte ihre Kinder anderswo unter, dafür kamen immer mehr Schüler, die das Jugendamt schickte.

Oelkers: Ja, die Zahl der Jugendamtskinder ging unter der Schulleitung von Gerold Becker steil nach oben. Auch hier arbeiteten die alten Netzwerke für ihn. Ein Freund, den er aus Göttinger Zeiten kannte und der inzwischen Fachleiter in einer Berliner Behörde war, schickte ihm Straßenkinder an die Odenwaldschule. Aber die Schule war darauf nicht vorbereitet, die Lehrer hatten keine entsprechende Ausbildung, es gab kein Wissen darüber, wie man diesen Schülern angemessen begegnen könnte, und eine psychologische Betreuung war auch nicht vorhanden.

ZEIT: Was bleibt von der Odenwaldschule?

Oelkers: Nichts. Außer Erinnerungen natürlich. Die Odenwaldschule war nie ein Vorbild, im Gegenteil. Sie war auch nie eine Gemeinschaft oder eine "Musterschule". Wir haben uns darin alle geirrt. Der Schulleiter Becker selbst hatte nie auch nur eine eigene originäre Idee. Und alle Apologien aus dem Jahre 2010, als der Missbrauchsskandal an die Öffentlichkeit kam, sind zusammengebrochen.

ZEIT: Ihr Buch ist nicht nur die intensivste Auseinandersetzung mit Gerold Becker, die es bisher auf einer wissenschaftlichen Grundlage gibt, es ist zugleich ein Buch über Hartmut von Hentig geworden, der nach dem Bekanntwerden des Missbrauchs Becker verteidigt hat und nun seit vielen Jahren schweigt. Können Sie sich das erklären?

Oelkers: Mir ist es ein Rätsel, warum Hentig für Becker seinen Sturz, sein Lebenswerk riskierte. Er hätte zumindest sein eigenes pädagogisches Erbe retten können, wenn er sich 2010, als Becker vollständig entlarvt wurde, nicht weiter hinter ihn gestellt hätte. Aber Hentig ist nun ein ebenso beschädigter Mann.

ZEIT: Man weiß, dass die beiden ein Paar waren.

Oelkers: Ja, aber wie lange und in welcher Form genau, darüber ist in all den Jahren nicht viel bekannt geworden. Dennoch hielt das Abhängigkeitsverhältnis zwischen beiden bis zu Beckers Tod im Juli 2010. Hentig war nie ahnungslos. In seinen nicht öffentlichen Apologien schreibt er von "der Neigung Gerolds". Er wusste demnach, dass Becker pädophil war, aber hat lange von der Verführung durch die Jungen gesprochen. Erst spät hat er den Missbrauch seines Freundes eingestanden, ohne sich von ihm loszusagen. Andreas Huckele beschreibt in seinem Buch, wie Hentig bei Becker zu Gast war und ihn, den Schüler, eindringlich musterte und sagte: "Das ist also einer deiner Knaben." Ob Hentig etwas von der sexuellen Gewalt wusste, dürfte schwer zu zeigen sein. Becker wird alles sehr harmlos geschildert und ihm etwas von "Berührungen" erzählt haben – das war die gängige Sprachregelung damals und passte zu den Verharmlosungen des pädagogischen Eros.

ZEIT: Nachdem Sie nun so viel Zeit mit Beckers Leben verbracht haben: Ist er Ihnen nähergekommen?

Oelkers: Näher nicht, aber ich weiß jetzt, wie krank er war. Er hat es perfekt verstanden, seine dunkle kriminelle, gewalttätige Seite durch seine pädagogische Rhetorik und all das, was er beruflich repräsentiert hat, zu verdecken. Ich fand die Vorstellung, dass er all die Jahre gewissenlos gehandelt hat, unheimlich. Denn er war ja Christ mit besten Verbindungen zur Evangelischen Kirche in Deutschland. Doch ein Gewissen ist nicht erkennbar. Es ist das Porträt eines skrupellosen Triebtäters geworden. Bis zum Schluss schreibt er ungerührt Briefe, immer nur sich selbst verteidigend. Er war frei von Skepsis und Zweifeln, zeigte keine Einsicht. Er hat eine Liste gemacht, wer an seinem Grab stehen sollte, die Todesanzeige hat er selbst in Auftrag gegeben, und wenn man das Goethe-Gedicht liest, das er dafür ausgewählt hat, dann schaudert es einen. Es heißt darin: "Die Feinde, sie bedrohen dich, das mehrt von Tag zu Tage sich. Wie dir doch gar nicht graut! Das seh ich alles unbewegt, sie zerren an der Schlangenhaut, die längst ich abgelegt. Und ist die nächste reif genug, ab streif ich die sogleich. Und wandle neu belebt und jung im frischen Götterreich."

ZEIT: Zurück zum Ausgangspunkt Ihrer Recherchen: Haben Sie herausgefunden, warum Gerold Becker damals die Odenwaldschule verlassen hat?

Oelkers: Eindeutige Belege habe ich nicht gefunden. Aber es muss der einflussreiche "Bildungs-Becker" gewesen sein, dem die Sache zu heiß wurde, der Gerold Becker aus dem Verkehr ziehen wollte, bevor der Missbrauch zum echten Problem für den Ruf der Schule geworden wäre. Hellmut Becker hat verschiedentlich Kinder an die Odenwaldschule geschickt, die Opfer von Gerold Becker wurden. Er wusste also von Beckers Abgründen und hat ihm sogar eine Therapie angeraten. Das ist ein unfassbarer Skandal. Und kein einziger Täter wurde jemals zur Verantwortung gezogen.

Korrekturhinweis: Im Vergleich zur Printversion wurde dieser Text online an einer Stelle korrigiert. Die Redaktion.