Das war, als ob man zu einer Beerdigung ginge.  Vor dem Pudel Club standen Menschen und machten Fotos von etwas, zu dem sie eine sehr persönliche Beziehung gepflegt und was sie, wie es aussah, gerade für immer verloren hatten.

Was ist da eigentlich abgebrannt? Ein Dach? Eine Szene? Nur das Oberstübchen, wie das mittlerweile leer stehende und zum Symbol des Zerwürfnisses gewordene Lokal zwischen Dachstuhl und Keller heißt? Oder gar ein Jugendzentrum? Das jedenfalls vermutete ein Betrachter der Fotos, die ich ins Netz gestellt hatte, der den Pudel offensichtlich nicht kannte. Hier kommt meine Geschichte, zur Erklärung.

Irgendwie waren wir 1989 alle Flüchtlinge. Wir flohen als hochbegabte Underachiever vor der begrenzten Bandbreite kleinstädtischer Perspektiven oder einfach vor einer allgemeinen Unfähigkeit zum Sozialen. Rocko Schamoni flüchtete aus Lütjenburg vor der zermürbenden Einöde rotierender Töpferscheiben und gründete den Pudel Club. So steht es geschrieben, aber ganz so war es nicht.

Alles fing an mit Partys.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Platzhirsche damals, das waren die Goldenen Zitronen, sie konnten es sich sogar leisten, einen Plattenvertrag abzulehnen. Rocko Schamoni wurde von Bela B. produziert und strebte nach oben in die Charts. Wir feierten zusammen in einer Art Loch, das sich unter einem Haus in der Lincolnstraße befand. Das war 1989/90, in etwa. Hier lernte ich neben den anderen Zugezogenen aus Dithmarschen, Pinneberg und Bergedorf auch die in Hamburg üblichen Partyregeln und Uhrzeiten kennen sowie die Tatsache, dass eine Feier, wenn sie gut ist, nicht unbedingt Fluchtwege benötigt.

Dieser Urpudel machte eine steile Karriere, schon ein halbes Jahr später durften wir, angekündigt durch die Telefonketten von Rocko Schamoni, bei denen ein vorher aufgezeichneter Ansagetext von einer Kassette abgespielt wurde, damit die Kosten für die Gespräche nicht explodierten, schon überirdisch feiern.

Der Raum in der Kampstraße hatte so seine Macken: Strom und Wasserleitungen wurden aus einer Nachbarwohnung in die offiziell nicht mehr betriebene Kneipe gelegt. Tagsüber sah man die Ratten zurück in die Kanalisation unter dem Schlachthof huschen. Kosten: null. Helge Schneider hatte hier einen seiner ersten Auftritte in Hamburg, direkt neben dem Tresen, in dem in einer Art Kunstaktion eingeschweißte Fleischreste vergammelten.

1992, nachdem Sonic Youth mit Nirvana auf Tour waren, wurden Nirvana zu Punk und Punk zum Mainstream erklärt. Das kam zwar alles nicht ganz hin, hinderte aber in der Folge niemanden daran, Hamburg zu Seattle zu erklären, auch wenn das mit Ausnahme von Tocotronic bei keinem anderen Mitglied der sogenannten Hamburger Schule vom Sound her stimmte. So klangen Blumfeld eher nach dem Noise-Rock der Achtziger, während meine Band Die Sterne sich der Eroberung des Grooves verschrieben hatte (Crossover heißt diese Aneignungstechnik im Jargon). Beides hatte mit Nirvana und Seattle rein gar nichts zu tun, aber egal: Der neu gegründete Sender Viva wollte sich zur Abgrenzung vom Wettbewerber MTV mit regionalen Perlen schmücken, sodass wir keine andere Wahl hatten, als erfolgreich zu sein. Zumindest im Nachtprogramm.