Heinz Strunk (links) im Goldenen Handschuh, Hamburg-St. Pauli. Neben ihm der Besitzer Sascha Nürnberg, Enkel des Gründers und sanguinischer Menschenbeobachter.

Heinz Strunk wohnt in Hamburg-Altona in einer kleinen, eleganten Dachgeschosswohnung am Paulsenplatz. An der einen Wand stapeln sich die Holzscheite für den Kamin, daneben steht ein kleiner Schreibtisch mit dem Laptop drauf. Eine enge Wendeltreppe führt nach oben zur Dachterrasse, die einen fabelhaften Blick über Hamburg gewährt, in der Ferne sieht man die roten Warnlichter der Kräne vom Hafen leuchten. "Ich bin ja ein miserabler Gastgeber", sagt Strunk, "aber im Sommer ist die Dachterrasse der Gastgeber, ich stelle dann nur die sanitären Anlagen zur Verfügung. Wer da nicht glücklich wird, dem ist nicht zu helfen."

So ein schlechter Gastgeber ist er aber gar nicht. Er hat eine Flasche Crémant geöffnet, als Aperitif. Wir haben heute noch was vor. Und haben uns den Ablauf des Abends sehr genau überlegt: erst ruhiges Gespräch in seiner Wohnung. Dann für eine Grundlage sorgen im französischen Bistro Carmagnole, das Freunde von ihm betreiben. Von dort schließlich in die Reeperbahn-Kaschemme Zum Goldenen Handschuh: ein krasses Soziotop und Schauplatz des neuen Romans von Heinz Strunk. Zum Abschluss – "damit Sie sehen, dass sich alles steigern lässt" – soll es noch einen Abstecher in den Elbschlosskeller geben vis-à-vis vom Handschuh.

Aber noch sind wir beim literarisch-reflexiven Teil des Abends. Strunk ist ein großer Leser. Manchmal steht er vom Sofa auf und geht zu seinem Laptop rüber, um einen Titel nachzuschlagen. Er führt eine Lektüreliste, in der alle Bücher, die er gelesen hat, aufgeführt sind. Unter dem Namen J. M. Coetzee, dem südafrikanischen Nobelpreisträger, fehlt fast kein Titel: "Coetzee war eine Offenbarung. Schon auf der ersten Seite von Schande wusste ich: Das ist mein Buch. Coetzee ist ja so gut, das läuft einem heiß und kalt den Rücken runter."

Mit seinem Roman Der goldene Handschuh steht Strunk auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises. "Dass ich jetzt ständig lesen muss: Unter den Nominierten ist auch ein Comedian, empört mich." Das Wort "Comedian" spricht er mit Distanz-Näseln aus. "Ich bekämpfe die Comedy-Pest. Ich finde das eine schlimme Seuche."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Dass jemand, der über die Fähigkeiten eines Massenunterhalters verfügt, sich in seinem Innersten als Schriftsteller fühlt, damit tut sich die öffentliche Wahrnehmung schwer. Es sind doch zwei sehr verschiedene Rollenfächer. Die Literatur kommt elitär, ernst und leise daher. Wer vor der Kamera eine witzige Figur macht, gehört dann halt in eine andere Schublade. Andererseits wäre es absurd, zu leugnen, dass Strunk auch ein Comedian ist. Und zwar ein verdammt guter, der den Nonsens der Welt parodiert und gleichzeitig mit dem Phrasenschicksal der Menschheit mitleidet. Bei Strunk schlägt die Chronologie des laufenden Schwachsinns immer irgendwann in zarte Zerbrechlichkeit um. Zum Beispiel als "Experte für alles" bei extra 3. Mit dem Bürstenhaarschnitt des durchsetzungsfähigen Raubeins erklärt er dem Zuschauer, wie man sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Seine Ratschläge atmen den rustikalen Egoismus des Alles-Checkers: "Sie haben ein Leben lang gefüttert? Jetzt heißt es auch mal melken." Aber die herzhafte Härte seines Gesichtsausdrucks wird regelrecht unterspült von seinem unstoppbaren Hang, den Phrasensalat zu vernuscheln und die Auftrumpf-Sätze absaufen zu lassen wie ein abschmierendes Auto: "Damit der Aufschwung endlich auch bei Ihnen ankommt, erstelle ich Ihnen gewissermaßen als Top-Boni eine Potenzialanalyse." Wie ein Alkoholiker mit schwerer Zunge stolpert Strunk dreimal über das Wort "Potenzialanalyse". Sein wässrig-trauriger Blick drückt aus: "Scheiß drauf!" Um sich dann im nächsten Anlauf in die reine Syntax des Laberns zu retten: "Undundund, oderoderoder."

Ist er ein Hansdampf in allen Gassen? "Dass ich so breit aufgestellt bin, hat wirtschaftliche Gründe. Von der Schriftstellerei hätte ich in den letzten Jahren nicht leben können. Als Freiberufler hat man ständig Existenzängste."

Dabei könnte man sagen: Zum Schreiben ist er gekommen wegen anhaltender Erfolglosigkeit. Seit seiner Jugend träumte Strunk von einer Pop-Karriere. Stattdessen zog er über ein Jahrzehnt mit einer Tanzmusik-Combo von einem Schützenfest zum nächsten. Irgendwann gründete er zusammen mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger das humoristische Trio Studio Braun. Zwar gab es immer wieder hoffnungsvolle Momente, aber für den dauerhaften Durchbruch reichte es nie.