"Mit 40 war ich am aussichtslosesten Punkt meines Lebens angekommen. Wir hatten mit Studio Braun Achtungserfolge, aber irgendwann war das vorbei, und wir waren ratlos, wie es weitergehen sollte. Bei Radio Fritz in Berlin hatte ich eine Sendung gehabt, die ist nach einem Jahr eingestellt worden. Auch meine Sendung auf Viva TV wurde wegen extrem schlechter Quoten eingestellt. Ich dachte: Das war es jetzt. Da sagte meine damalige Freundin: 'Ich sehe, dass du in Depression und Alkoholismus versinkst, du kannst doch ganz gut schreiben: Schreib ein Buch!'"

So erschien 2004 Fleisch ist mein Gemüse – Eine Landjugend mit Musik. Es erzählt vom Schicksal, die niedrigsten musikalischen Amüsierbedürfnisse der Menschen befriedigen zu müssen, um seine Rechnungen bezahlen zu können. Der literarische Blues, der dabei entsteht, ist aber nie herablassend, sondern immer echte Verzweiflung – mit einem sehr genauen Blick für die Soziologie der Kohl-Ära.

Wer damals, 2004, Fleisch ist mein Gemüse las, wurde Strunk-Fan. Auch wenn noch nicht völlig klar war, wohin die Reise geht, wollte man dabei sein. Als Heinz Strunk 2014 mit Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger eine hingebungsvolle Anthologie mit Texten von Botho Strauß herausbrachte, dachte man: "Ha – das passt doch!"

Und jetzt: Der goldene Handschuh. Das ist noch mal ein richtiger Quantensprung. Wer so etwas schreibt, darf als Schriftsteller angesprochen werden wollen. Der Roman spielt in den siebziger Jahren im Umfeld der Reeperbahn. Im Goldenen Handschuh versammeln sich die total Abgerissenen, deren Körper wie verrottendes Holz im Morast so stark dem Verfall anheimgegeben sind, dass es einem Wunder gleichkommt, dass sie die Flasche mit dem Korn überhaupt noch hochheben können. Das ist ein heikles, literarisch wahrhaft schwieriges Genre, das immer in Gefahr ist, in den sozialromantischen Kitsch abzurutschen oder umgekehrt zur herablassenden Karikatur zu werden. Beide Gefahren umschifft Strunk meisterhaft. Seine Sprache ist präzise und erbarmungslos, aber nie herablassend. Immer anerkennt der Erzähler den verzweifelten Versuch seiner Figuren, den Kopf über Wasser zu kriegen. Obwohl er ihnen nichts erspart, behalten sie doch ihre Würde.

Mit barocker Fixierung auf des Menschen mürbes Fleisch beschreibt Strunk die "Verschimmelten" im Goldenen Handschuh, ihre hinkenden Schritte, ihre herausgefallenen Zähne, ihre Eiterwunden, ihre von Hepatitis gelbe Haut, die immerzu juckt, ihre sauren Ausdünstungen. Unter der Dauervergiftung durch Alkohol verwandelt sich der Mensch in einen Klumpen vergärende Biomasse, irgendwo an jener Grenze, an der das Beseelte ins nur noch Organische übergeht. So viele Farben, wie Turner dem Meer und seinen Wellen abzugewinnen wusste, so viele schimmelig-schillernde Aspekte des verrottenden Körpers gewinnt Strunk seinen Säufern ab.

Eskimos haben angeblich viele Wörter für Schnee, der Erzähler Strunk hat ein Riesenvokabular für die verschiedenen Arten des Suffs: das Stützbier, die Verblendschnäpse, der Sturzsuff, das Vernichtungstrinken und der Schmiersuff. "Der Schmiersuff", sagt Strunk, und jetzt sitzen wir bereits bei einer guten Flasche Sancerre im Carmagnole, "ist vielleicht das Schrecklichste. Da leide ich selber manchmal drunter. Ich muss schon immer aufpassen, ich muss mich alkoholisch disziplinieren." Allerdings trinke er nie aus der Not heraus, sondern immer aus der Freude und sowieso erst abends nach der Arbeit.

Aber auch wenn sonst nichts mehr geht, der Sexualtrieb gibt nicht auf. Es sind wahrhafte Memento-mori-Bilder, die Strunk in seinem Roman entwirft, wenn er die Körper zweier Verschimmelter sich vereinigen lässt. Da möchten nicht einmal die Beteiligten selber hinschauen.

Im Mittelpunkt von Strunks Roman steht Fritz Honka, genannt Fiete. Honka ist eine historische Figur, ein Serienmörder aus den siebziger Jahren. Strunk hat seinen Fall genau recherchiert und die äußeren Daten dieses unglücklichen Lebens in seinen Roman integriert.

Können sich zwei Gefallene gegenseitig stützen? Manchmal hat Honka diese Hoffnung. Dann nimmt er eine Frau mit in seine Wohnung, in der es nach Verwesung stinkt. Aber es kommen nur die mit, die sich schon aufgegeben haben. Obwohl sie ihm darin objektiv gleich sind, verachtet Honka sie für ihre Gebrechlichkeit. Also demütigt er sie. Quält sie durch sadistische Sexualpraktiken: "Beim Gedanken an die bevorstehende Versklavung rieseln ihm wohlige Schauer über den Körper." Die Frauen müssen einen Zettel unterschreiben, wonach sie ihren eigenen Willen aufgeben: "Hiermit erkläre ich, Gerda Voss, dass ich es im Leben noch nicht so gut hatte wie bei Herrn Honka." Weil Fietes Wille nicht für zwei reicht, wächst ihm alles über den Kopf. Dann schlägt seine sexuelle Gier in Hass um, und er mordet die Frauen bestialisch.

Es ist ein Roman, der vom Elementarsten erzählt, ohne je zynisch zu sein. Die Fiete-Geschichte wird kontrastiert durch die bessere Hamburger Gesellschaft. Auch hier, unter Reedern, trifft Strunk den Ton genau. Karl hat ein ähnliches Problem mit Alkohol wie Fiete, auch bei seinem Umgang mit Frauen gibt es Parallelen, nur dass die ganze Sache wegen sehr viel dekorativem Geld auf den ersten Blick nicht ganz so verschimmelt aussieht. Einmal quält Karl eine seiner Frauen, er schlägt sie, dann zwingt er sie, sich nackt in die Ecke des Zimmers zu stellen und bis 300 zu zählen. Er weiß auch nicht, was das soll, aber er kann jetzt nicht anders. Dann heißt es: "Ihr entfährt ein Furz. Meine Güte, denkt Karl, bleibt mir denn gar nichts erspart?"

Als wir im Goldenen Handschuh ankommen, sind wir schon gut in Schwung. Sascha Nürnberg, der jetzige Besitzer des Ladens und Enkel des Gründers, empfängt uns. Nürnberg ist in Hochstimmung. Die Literarisierung seines Ladens mit den unendlich vielen Geschichten ist ganz nach seinem Geschmack. Im Roman wird gerne Fako getrunken, also stellt Sascha Nürnberg drei Gläser hin und füllt sie mit Fanta und Korn auf: "Wir machen das mal soft: halbe-halbe."

Ein Trinker vom Nachbartisch fängt laut an zu schimpfen: "Das sind die größten Verbrecher hier, die verkaufen nur Fusel. Ich kann’s bezeugen. Er hat vorhin mit einem roten Trichter Fusel in die Flasche gefüllt!" Als er mit dem Geschimpfe gar nicht mehr aufhören will, sagt Sascha Nürnberg: "Jetzt halt mal den Mund, sonst ziehe ich dir den Bart lang." Aber das Gepolter ist längst zur beschwingten Begleitmusik geworden. Mittelalte Frauen, die deutlich besser aussehen als in Strunks Roman, tanzen vor sich hin. Die Stimmung ist von zart-verhangener Anmut. Ein junger Student kommt herein und sagt zu Heinz Strunk: "Ich kenne dich aus dem Fernsehen." Er setzt sich zu uns an den Tisch: "Du bist ja schon kontrovers mit deinen Tattoos und so." "Kontrovers?", entgegnet Strunk, "ich weiß nicht."

Für den Absacker wechseln wir dann noch in den Elbschlosskeller.

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh
Roman; Rowohlt, Reinbek 2016; 256 S., 19,95 €