"Der Heuwagen" von Hieronymus Bosch, um 1490 © Museo Nacional del Prado, Madrid


Kann man diese Bilder hören? Aber gewiss. Es ist gar nicht zu überhören, dieses Schmatzen und Gurgeln und Johlen und Grölen. Dieses Stöhnen des Schmerzes und der Lust, der Wut und der Wonne. Dieses Kotzen und Furzen und Pissen, dieses Heulen und Zähneklappern, Flüstern und Geifern, dies Läuten und Singen. Und dieses ganz, ganz leise Seufzen.

Man kann sich diese Bilder leicht als Installationen vorstellen, auf Kassels documenta oder Venedigs Biennale, mit viel Video, Hall, Schall, son et lumière. Aber modern ist die Welt des Hieronymus Bosch schon seitdem der Vergessene Mitte des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. Die Symbolisten des Fin de Siècle liebten ihn. Den Surrealisten der zwanziger Jahre erschien er als Zeitgenosse. Von den Dadaisten und Dalíisten bis zu den Malerfürstlein der DDR hat er viele inspiriert. Auch den Psychedelikern des Rock und Pop war der Höllenforscher und Lustgärtner nicht fremd, und tatsächlich kam die Vermutung auf, er sei im Atelier auf Speed gewesen. LSD? Bilsenkraut?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Vor allem aber suggerieren seine Bilder bis heute die Gabe der Prophetie. Sind das nicht die Höllen des 20. Jahrhunderts: von Verdun bis Hiroshima, von Auschwitz bis zu den Killing Fields Kambodschas? Sind seine brennenden Städte nicht Städte im Bombenkrieg? Und die wüsten Bußbrachen, darin seine heiligen Eremiten schmachten, nicht die industriellen Mondlandschaften der Gegenwart? Und sind seine Menschen in ihrer Lust und ihrem Schmerz, sind das nicht wir?

Alles liegt ganz offen in diesen Bildern, heilig und heiter, böse und finster, und ist doch hermetisch verschlossen. Alles erscheint ganz gegenwärtig, von geradezu akustischer Präsenz, und kommt doch aus einer sehr, sehr fernen, vergangenen Welt. Es gibt wohl nur wenige Maler, deren Werke international so populär und zu Tode zitiert sind – bis hin zum Verbrauch als Werbegrafik – und die zugleich so rätselhaft und unausdeutbar bleiben, wie Hieronymus van Aken, der sich selber Bosch nannte, und die rund zwanzig Gemälde, die von ihm erhalten blieben.

Fern wie seine Epoche zwischen ausgehendem Mittelalter und anbrechender Neuzeit, zwischen Gutenberg, Kolumbus und Luther, ist die Gestalt selbst. Wir wissen fast nichts über ihn, und um ein zünftiges Biopic zu inszenieren, brauchte man schon wie im Falle Vermeers sehr viel Scarlett Johansson und eine geradezu boschsche Fantasie.

Das Datum, das jetzt zum Anlass für ein "Bosch-Jahr" genommen wird mit Ausstellungen und neuen Büchern (siehe Kasten), ist denn auch eines der wenigen dokumentierten Fakten, die wir besitzen: Am 9. August 1516 wurde er in der wuchtigen Sint-Jans-Kathedrale seiner nordbrabantischen Heimatstadt ’s-Hertogenbosch (kurz Den Bosch genannt) zu Grabe getragen. Aber schon sein Geburtsjahr ist unbekannt, unbekannt wie sein Bildungsgang und so viele weitere Details seines Lebens.

Was wir wissen: Die Familie van Aken stammte vom Niederrhein, aus Nimwegen. Der Vater war Maler, zwei ältere Brüder wählten das Handwerk. Hieronymus, um 1450 geboren, wuchs in Den Bosch auf, in der Werkstatt der Familie. 1481 machte er eine gute Partie, Aleid van de Mervenne, wohnte in erster Reihe am Tuchmarkt und gehörte bald dem inneren Zirkel der Liebfrauenbruderschaft seiner Heimatstadt an: ein wohlhabender, ob seiner Kunst geschätzter Mann im Kreise anderer städtischer Honoratioren. Ein authentisches Porträt ist nicht erhalten.

Wo hatte er studiert? Wohin ist er gereist? Kannte er die Ateliers in Antwerpen, Tournai, in Gent und Brüssel? Kannte er, eine Generation älter als Dürer und Michelangelo, Italien gar oder Spanien? Den Bosch war zwar ein prosperierendes Städtchen, doch ohne Fürst oder Bischof; kirchlich unterstand es dem Erzbistum Köln. Warum blieb er hier? Wir wissen es nicht. Selbstbewusst signierte er bald schon mit dem Namen Bosch, damit gleich klar war, wohin potenzielle Auftraggeber sich zu wenden hatten.