Am Abgrund sind weder Kampf noch schnelles Rennen sinnvoll. © dpa/Matthias Balk

Ich zähle meine Angst nicht unbedingt zu meinen besten Freunden. Schon seit Langem versuche ich, ihr aus dem Weg zu gehen. Sie ist allerdings sehr anhänglich. Zuletzt kam sie vor zwei Jahren, damals war ich mit meiner Freundin im Allgäu, meiner bergigen Heimat. Wir marschierten an Kühen und Bäumen vorbei, hatten bereits einiges an Wegstrecke geschafft, und dann kam dieser Pfad, der auf einen Gipfel führte. Einen halben Meter breit. Rechts: Abgrund. Fünfzig Meter tief. Vielleicht hundert. Vielleicht fünfhundert. Vielleicht zehntausend. Ich kann das nie genau sagen, ich schaue nicht so genau hin.

Angeblich werden Piloten durch Unterdruck aus dem Cockpit gezogen, wenn im Flugzeug vorn die Scheibe zerbricht. So fühlt es sich an, wenn ich den Abgrund sehe. Ein Loch im Bauch saugt alles auf. Alle Kraft, alle Gedanken, bis nur einer bleibt: Tod.

Wir mussten umdrehen.

Und jetzt? Sitze ich hier und lasse mir von Achim Haug sagen: "Angst ist wichtig."

Zu acht hocken wir in Oberbayern auf rustikalen Holzstühlen in der Spitzingsee-Hütte des Deutschen Alpenvereins und lauschen dem Bergführer. An der Wand hängen Hirschgeweihe, an unseren Füßen stecken die almhüttenüblichen Filzpantoffeln. Rund 20 Prozent aller Europäer sind wie wir von Höhenangst betroffen, hat eine Studie ergeben. Es gibt Leute, die müssen stundenlange Umwege fahren, weil sie im Auto keine hohen Brücken überqueren können. Wir acht hier wollen, dass unsere Angst an Wucht verliert, dass sie uns weniger lähmt. Das kann uns in diesem viertägigen Seminar mit dem Flügel verleihenden Titel "Befreit nach oben – Höhenangst überwinden" gelingen, hat Haug gesagt: sofern wir uns ihr stellen. Er hat uns nicht versprochen, dass wir die Angst komplett verlieren werden. Sollen wir auch gar nicht. Sie ist lebensnotwendig, sie warnt vor Gefahr und wappnet uns automatisch, das Adrenalin erhöht die Konzentration, der steigende Puls und die schnellere Atmung machen den Körper kurzzeitig leistungsfähiger, um zu fliehen oder anzugreifen. Es kann auch sein, dass der Blutdruck sinkt und die Muskulatur steif wird. Das fördert die dritte potenziell sinnvolle Reaktion auf eine Gefahr: erstarren, warten, bis sie vorbeizieht oder Hilfe kommt. Das ist das Gefühl am Abgrund – dort, wo weder Kampf noch schnelles Rennen sinnvoll sind.

Angst ist also gut. Und wenn ich nach den folgenden drei Tagen etwas gelernt haben werde, dann das: Ich sollte etwas freundlicher zu ihr sein. Dann ist sie vielleicht selbst auch nicht mehr so zickig.

Tag 1: Hochmut kommt vor der Angst

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Der Berg kann das Wasser nicht halten. Es hat die ganze Nacht geregnet, wir wandern eine Straße hinauf, unten, gleich nach der Berghütte, tröpfelt ein Rinnsal den Fels hinunter, sanft und dünn, weiter oben das nächste, der sich eher ungestüm durch den Wald drängelt, der Berg ist womöglich etwas missgelaunt.

Heidi aus der Steiermark geht am Ende der Gruppe, vorsichtig, langsam, sie erzählt, dass sie die Berge ja liebe, genau wie ihr Mann, der sie auf die Hütte begleitet hat. Aber mit Heidi dauert eine Bergtour doppelt so lange, weil für sie alle Abhänge eine Herausforderung sind. Jeder hier hat seine eigene Angst und seine eigene Geschichte. Konrad aus Baden-Württemberg hat früher jeden Gipfel bestiegen, aber irgendwann kam die Angst wie ein lästiger Verwandter, der in die Nachbarschaft gezogen ist und einen nicht mehr in Ruhe lässt. Jede Woche zwingt Konrad sich auf einen Aussichtsturm, um der Angst tapfer ins Auge zu blicken, damit sie wieder abhaut, aber sie bleibt. Regina aus dem Rheinland fürchtet sich vor unsicheren Wegen, bei jedem Schritt auf unebenem Boden überlegt sie, welchen Knochen sie sich wohl brechen wird.

Der Weg ist asphaltiert. Dann eine Wiese vor einer bewirteten Almhütte. Wir machen Atem-, Dehnungs- und Achtsamkeitsübungen, die uns Haug am Vorabend erklärt hat, zum Beispiel beim Einatmen mitzählen und dann doppelt so lange ausatmen: Die Aufmerksamkeit verschiebt sich dadurch von der vermeintlichen Gefahr auf den Atem, und indem man darauf achtet, dass dieser langsamer fließt, fährt auch das vegetative Alarmsystem etwas herunter.