Jacqueline Straub wäre die perfekte Protestantin. Sie ist ehrgeizig, fleißig und konsequent. Sie arbeitet gerne und viel, treibt dreimal die Woche Sport. Eine eifrige Studentin, die Widersprüche benennt, sich für Gleichberechtigung in der Kirche einsetzt. Für Transparenz. Straub möchte Gott zu den Menschen bringen. Am liebsten als Priesterin.

Das Problem ist: Die 24-Jährige wurde katholisch getauft. Und ihre Großmutter sagte: "Einmal katholisch, immer katholisch." Straub befolgte den Rat der Oma. Als 15-Jährige habe sie zum Glauben gefunden, erzählt die Studentin, die in Göggingen und Pfullendorf in Baden-Württemberg aufwuchs und heute in der Schweiz lebt. Eine Freundin habe sie in ein christliches Jugendcamp mitgenommen. Und ihr damaliger erster Freund sei Katholik gewesen. Deshalb habe sie sich auch mit ihrer eigenen Konfession auseinandergesetzt. Habe lange mit dem Pfarrer ihres neuen Wohnortes darüber gesprochen. Und entschied sich schließlich, Katholikin zu bleiben. "In der katholischen Kirche fühlte ich mich immer zu Hause", sagt sie. "Hier sind meine Wurzeln."

Als Papst Benedikt 2011 nach Deutschland auf Besuch kam, schrieb Straub in einem Büchlein mit dem Titel "Freiburg begrüßt Benedikt", das zum Papst-Empfang herausgegeben wurde: "Ich würde so gerne Priesterin in der katholischen Kirche werden. Mit größter Überzeugung und ganzer Liebe zu Gott und zur Kirche möchte ich diese Berufung leben und ausführen." Damals studierte Straub katholische Theologie an der Universität Freiburg im dritten Semester.

Jacqueline Straub © Meli Straub/www.meli-photodesign.de

Während sich Papst Benedikt wohl kaum für den Berufswunsch der Studentin interessierte, taten es die Medien umso mehr. Straub avancierte zur Heldin. Zu "Jacqueline Straub, the woman who would be priest", wie das amerikanische Online-Magazin Ozy.com titelte. Ganz im Gegensatz zur katholischen Kirche sind Straubs Eigenschaften in den Medien höchst gefragt: Sie ist jung, weiblich, extrovertiert, selbstbewusst. Und Straub weiß ihre Rolle gut zu spielen. Sie trägt ihre Haare lang, die Kleidung eng, die Schuhe hoch, lächelt gerne in die Kamera und erzählt dabei vom Beten und ihrer anderen großen Leidenschaft: dem Boxen.

Straub teilt ihre Geschichte gerne mit der Öffentlichkeit. Sie spricht über ihr "inneres Feuer" und ihre "Berufung" mit Journalisten, die sich so viel mehr für ihre Anliegen interessieren als die Kirchenoberen dieser Welt. Die Studentin tritt in Talkshows auf, sie gibt Interviews und schreibt auch selbst gerne Gastbeiträge. Wer will, kann auf ihrer Website alles nachlesen und nachsehen. Unter den Rubriken "Auftritte", "Radio" und "Printmedien" wird die Liste immer länger: Straub war zu Gast in der "Münchner Runde" im Bayerischen Rundfunk, bei "Beckmann" in der ARD, sie gab ein Radiointerview zum Katholikentag bei SWR2. Schweizer Lokalsender wurden auf sie aufmerksam ebenso wie Bild am Sonntag, Bild der Frau oder die Neue Zürcher Zeitung.

Andere Institutionen würden sich um ein Aushängeschild wie Straub reißen. Den alten Männern in der katholischen Kirche hingegen sind Fortschrittspredigerinnen wie Straub eher suspekt. Diese scheint geradezu angespornt von der Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens. Deshalb ist die junge Frau als Heldenfigur so interessant. Sie will das Unmögliche möglich machen und bedient damit vor allem die Sehnsüchte all jener moralischen Eiferer, die längst mit der Kirche gebrochen haben.

Als Jacqueline Straub von ihrem Weg und ihren aktuellen Plänen erzählt, sitzt sie in einem Café im schweizerischen Aarau, in der Nähe ihres aktuellen Wohnorts Muri, rührt in ihrem Früchtetee und sagt Sätze wie: "Ich habe nie beabsichtigt, eine Identifikationsfigur in der Kirche zu werden, aber wahrscheinlich ist es dennoch passiert." Naiv ist die Theologiestudentin nicht. Sie weiß, dass sie sich mit ihren Äußerungen in der Kirche auch Feinde gemacht hat.

Zu spüren bekam Straub Ablehnung ein erstes Mal während ihres Studiums an der Universität Freiburg. Dort wandten sich manche Kommilitonen von ihr ab, nachdem sie ihren Wunsch, Priesterin zu werden, öffentlich gemacht hatte. Sie taten es aus Angst davor, in der Kirche in Ungnade zu fallen. Aus Angst, ihre eigenen beruflichen Pläne zu gefährden. Doch nicht nur Mitstudenten begannen, Straub zu meiden. "Ein Professor hat mich nicht mehr gegrüßt", erzählt die angehende Theologin. Sie habe auch bei der Benotung zu spüren bekommen, dass ihre öffentlichen Äußerungen über ihre Berufung nicht überall gut ankommen.

Straub entschied sich, Freiburg zu verlassen und ihr Studium in der Schweiz fortzusetzen. Nach einem Austauschsemester an der Universität Fribourg begann sie ihr Masterstudium in der Zentralschweiz, an der Universität Luzern. "Ich habe bewusst nach einer Fakultät gesucht, wo das Umfeld liberaler ist und wo ich ungehindert jenen wissenschaftlichen Fragen nachgehen kann, die mich interessieren", erzählt sie. Dazu gehören Dogmatik und Kirchenrecht. Das Thema ihrer Masterarbeit lautet: "Rechtsgleichheit zwischen Mann und Frau in Kirche und Staat".

Die katholische Kirche sei in der Schweiz generell liberaler und auch demokratischer organisiert als in Deutschland, sagt Straub. Sie fühle sich wohl hier und habe den Eindruck, dass ihr Anliegen eher Gehör finde und akzeptiert werde.

Straub spricht auch die sogenannte Gleichstellungsinitiative an, die Katholiken aus den Kantonen Basel-Stadt und Baselland im vergangenen Jahr beim Bischof von Basel, Felix Gmür, eingereicht haben. Die Initianten fordern die Abschaffung des Zölibats und möchten, dass in Zukunft Frauen Priesterinnen werden dürfen. Die Initiative hat zum Ziel, die Verfassung der Landeskirchen entsprechend anzupassen.

Als Straub im Sommer ein Praktikum als Journalistin bei einer Schweizer Sonntagszeitung absolvierte, konnte sie Bischof Gmür gleich persönlich fragen, was er davon halte, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Gmür erklärte, er könne sich "vom Glauben her Frauen am Altar vorstellen". Der Bischof sprach sich auch dafür aus, Frauen in der Kirche mehr Verantwortung zuzugestehen. Zufrieden war Straub mit den Aussagen Gmürs nicht. Das Gespräch sei für sie "nicht wirklich befriedigend" gewesen, sie habe sich mehr Wertschätzung für ihre Anliegen gewünscht.

Straub bekommt in der Kirche aber auch viel Zuspruch. Von Gläubigen, die sich bei ihr melden und sich für ihren Einsatz bedanken würden. "Ich erhalte E-Mails von jungen Frauen, die meine Berufung nachvollziehen können", sagt Straub. Aber auch Leute, die eigentlich von sich sagen, dass sie nichts mehr mit der Kirche anfangen können, melden sich bei ihr. Oder ein Priester aus Tansania, der sie unterstützen möchte. Sie versuche, allen zu antworten, sagt Straub. "Die Kirche soll für jeden eine Heimat sein, dafür möchte ich mich einsetzen." Kraft dafür gebe ihr der Glaube an Gott.

Wenn die junge Frau spricht, klingt ihre Stimme klar, ihre Worte, trotz des ganzen Pathos, überzeugend. Von kritischen Fragen lässt sie sich nicht beirren. Die große Aufmerksamkeit, die sie von den Medien erhalte, sei nicht kontraproduktiv, sondern hilfreich, um ihre Anliegen bekannt zu machen.

Diese Anliegen möchte Straub künftig auch beruflich verbreiten: als Journalistin. Solange sie nicht Priesterin werden kann, möchte sie nicht hauptberuflich in einer katholischen Pfarrei arbeiten. Zu hoch sei ihr das Risiko, aufgrund ihrer vielen öffentlichen Auftritte und Äußerungen unter Druck zu geraten. "Ich möchte unabhängig bleiben und mein Ziel weiterverfolgen, ohne auf die Toleranz eines Bischofs angewiesen zu sein", erklärt Straub.

Im Journalismus scheint Straub Unabhängigkeit weniger wichtig. Während ihres Praktikums bei der Schweiz am Sonntag schrieb sie regelmäßig im Sinne ihrer persönlichen Interessen: über Sex vor der Ehe, Homo-Ehe, über Muslime, die zum Christentum konvertieren, über Kirchen als Discos. Straub sieht darin kein Problem. "Ich habe den Eindruck, dass theologische und kirchliche Themen in den Medien oft etwas zu kurz kommen." Als Journalistin könne sie ihr Wissen einbringen.

Straub hat nicht nur große Träume, sie hat auch große Pläne: Sie möchte ein Buch schreiben. Im Exposé kündigt sie an: "Ausgehend von meinem Glaubensweg und meinem Ruf zur Priesterin in der katholischen Kirche, möchte ich den Lesern neuen Mut zum Glauben und zum Wiederaufbau der Kirche schenken." Später will sie dann mit ihrer Dissertation an der Universität Luzern beginnen. Daneben jettet sie für ihre Mission um die Welt. Versucht, das Unmögliche möglich zu machen. Kurz darauf reist sie in die USA, zur Women’s Ordination Conference in Philadelphia, ein globales Treffen von Katholikinnen, die sich für Gleichstellung in der Kirche einsetzen. "Ich hoffe, dass ich dort mein Netzwerk ausbauen kann und so meinem Ziel ein bisschen näher komme", sagt Straub.

Und was, wenn sie es doch nicht schafft? Wenn sie ihr Ziel, Priesterin zu werden, nie erreicht? Straub weiß genau, dieses Szenario ist realistisch. Sie lacht. Und hat, wie meistens, eine gute Antwort parat: "Für mich ist es auch ein Erfolg, wenn ich mit 90 auf dem Sterbebett erfahre, dass nun die erste Frau zur Priesterin geweiht wird."