Zwei Dutzend Frauen, kein Mann in Sicht. An gläsernen Trennwänden ranken Plastikalgen eines Designproduzenten, zwischen den Tischen und Regalen im weißen Nuller-Jahre-Chic hängt Neumöbelgeruch. Janet Kath fliegt auf bleistiftschmalen Absätzen durch das Großraumbüro, das lange Haar flattert dem schmalen Kleid hinterher. Die 51-Jährige verantwortet als Chefin des Möbelhändlers Interio die weibliche Dominanz in der Konzernzentrale. Gezielte Frauenförderung? "Na", wehrt sie lächelnd ab. "Am Ende des Tages haben wir Mühe, überhaupt qualifizierte Männer zu finden." Die hätten eben "einen anderen Bezug zu Accessoires". Was die Karrierefrage betrifft, hat Kath einen einfachen Rat parat: "Die Frau muss ihre eigenen Stärken nutzen, um erfolgreich zu sein." Genauer: "Das ist der Charme, den kann man ruhig einsetzen."

Janet Kath, schnittige Bewegungen, erstaunlich mädchenhafte Züge und ostösterreichische Dialektmischung, gehört zu den Vorzeigefrauen der österreichischen Unternehmerwelt. Dabei scheint sie der fleischgewordene Albtraum aller Emanzipationskämpferinnen: eine Frau, die mit Unterstützung zweier männlicher Alphatiere nach oben gekommen ist und das auch völlig unbeirrt betont. Die für Lifestylemagazine das Narrativ der reizenden Mächtigengattin in der Wörtherseevilla perfektionierte, als hätte sie den Vorstadtweibern Modell gestanden. Die einmal bei einem Unternehmerinnentreffen erklärte: "Man lässt schon einen Knopf an der Bluse offen, wenn es hilft, die Ziele zu erreichen." Sie taugt nicht zum Vorbild eines altgedienten Feminismus und ebenso wenig für jüngere Varianten, die Karriere und Mutterglück gemeinsam einfordern. Denn "mit Kindern wäre es nicht möglich gewesen. Ich habe mich halt total auf den Job fokussiert."

Das unterscheidet die gebürtige Niederösterreicherin von den Mausis, Naddels und anderen hauptberuflichen (Ex-)Gattinnen: Janet Kath kann Wirtschaft. Etwa in den neunziger Jahren, als sie aus einem Sanierungsfall, der Parfümeriekette Bipa, in nur fünf Jahren das Vorzeigeunternehmen im Billa-Konzern machte. Oder heute, als Geschäftsführerin und Inhaberin der Einrichtungskette. Disziplin, Leistung, Fokussierung. Ehrgeiz, Fleiß, Konzentration: Diese Begriffe gehören zu ihrem Kernvokabular. Totale Leistung fordert sie auch von anderen. Die Hierarchie sei straff, sagen ehemalige Mitarbeiter, Überstunden selbstverständlich, die Fluktuation hoch. Tough und zielstrebig nennen sie jene, die ihr wohlgesinnt sind.

Die Zentrale ist ein knallroter Quader in der Konsumstadt Vösendorf vor Wien. Unten schwärmen an diesem Freitagmorgen die ersten Kunden zwischen mehr oder weniger Nötigem für den häuslichen Lifestyle aus. Oben prüft Janet Kath Layoutentwürfe für den Sommerkatalog. Mit knapp 300 Mitarbeitern, 13 Filialen und gut 30 Millionen Euro Umsatz hält Interio eine Nischenposition am Einrichtungsmarkt. Das Angebot liegt irgendwo zwischen billigster Massenware und unbezahlbaren Designerstücken. "Wir haben nicht für alle etwas, sondern für wenige vieles", zitiert Kath bei jeder Gelegenheit ihren Lieblingsslogan. Wenn sie etwas betont, werden ihre Augen so groß wie die Ovale einer Mangapuppe. Ihre Sätze haben meist keine bedeutungsschwangeren Inhalte, häufig sind es Floskeln wie die vom "Handel im Wandel". Oder, wie sie es vom Herrn Wlaschek gelernt habe: "Man muss manchmal den Reset-Knopf drücken."

Der "Herr Wlaschek" ist der eine mächtige Mann, der im Selbstverständnis der Janet Kath allgegenwärtig ist. Im Konzern des legendären Billa-Gründers und Milliardärs hat die Trafikantentochter aus Bruck an der Leitha nach der Matura als Einkaufsassistentin begonnen und einen rasanten Aufstieg hingelegt. Mit 26 Jahren wurde sie Prokuristin bei der Billa-Schwester Merkur, vier Jahre später holte sie der Patriarch als erste Frau in seine Geschäftsführerriege. "Seine große Stärke war, dass er Menschen schnell viel Verantwortung gegeben hat, wenn er ihnen vertraut hat." Über den großen Mentor spricht sie mit Verehrung. Bis zu Karl Wlascheks Tod im vergangenen Mai behielt Kath das Sie in der Anrede bei, trotz engem privaten Kontakt. "Das muss ich schon sagen, dem Herrn Wlaschek und meinem Exmann habe ich viel zu verdanken, denn die haben mich immer gefördert."

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 09 vom 18.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der Exmann heißt Veit Schalle und ist die zweite Männerfigur, auf die Janet Kath bei nahezu jedem Thema zu reden kommt. Kath war Anfang 20, als sie den 22 Jahre älteren Billa-Manager kennenlernte. Das schillernde Paar wurde zu einem Liebling der Societyreporter, Kath zum Archetyp des hübschen Beiwerks eines Machtmenschen. Man flanierte auf dem roten Teppich der Salzburger Jedermann -Premiere, feierte auf Promi-Partys und dinierte in den Machtzirkeln der Republik.

Dazu gehörte auch Jörg Haider, ein Intimissimus Veit Schalles, der für das BZÖ in den Nationalrat zog. So kam Janet Kath 2001 als FPÖ-, später als BZÖ-Vertreterin in den ORF-Stiftungrat. 2006 kursierte das Gerücht, sie würde als Spitzenkandidatin der Orangen für die Nationalratswahl antreten. Sie lehnte ab: "Ich bin Händlerin, keine Politikerin." Außerdem sei der Kontakt zur Rechten hauptsächlich auf Schalle zurückzuführen, sagt sie heute. "Ich bin da breiter aufgestellt." Wie zum Beweis zählt sie ihre "vielen guten Beziehungen in alle Richtungen" auf, darunter: "der Herr Ostermayer" und "der Herr Faymann", mit dem sie sehr gut sei, "der Wolfgang Schüssel, den ich sehr geschätzt habe", und besonders "die Eva Glawischnig, eine liebe Freundin von mir".

Als Janet Kath und ihr Boss 1999 heirateten, musste sie den Wlaschek-Konzern aufgrund interner Vorschriften verlassen. Dafür wurde sie beim Traum vom eigenen Unternehmen unterstützt. Innerhalb weniger Monate war der Deal mit der Schweizer Migros-Gruppe abgeschlossen, von der sie die österreichischen Interio-Filialen übernahm.

Die Beziehung endete 2014, als Schalle, nunmehr über 70, seine junge Frau mit einer noch jüngeren Geliebten überraschte. Der Boulevard stürzte sich auf die "Millionen-Scheidung" und auf Fotos des gereiften Herrn mit dem Mädchen. "Wir haben uns ja sehr geliebt, 30 Jahre lang", sagt Kath und blickt durch die Fensterfront ihres Büros auf das Villenviertel Mauer am Fuß des Wienerwalds, wo sie bis zur Trennung gelebt hatte. "Wir waren im Grunde immer ein starkes Team", sagt sie dann. "Heute noch ist es ja so, dass ich ihn anrufe, wenn ich Rat brauche, und frage: Wie siehst du das?" Der Weg zur Scheidung sei ihr schwergefallen, "weil ich aus einem anderen Eck gekommen bin".

Im diesem anderen, wertkonservativen Eck leben die Eltern, seit 50 Jahren verheiratet, das Modell einer Ehe fürs Leben. An der Bundesstraße in Bruck an der Leitha führten sie eine Trafik, in der Kath Zeitung schlichtend und Zigaretten ausgebend aufwuchs. "Du heiratest eh und kriegst Kinder, du brauchst doch keine Matura", argumentierte ihre Mutter. Abgesehen davon hat Janet Kath die Werte ihrer Kindheit übernommen. "Diszipliniertheit" und "Regelmäßigkeit" stehen in ihrer Erinnerung ganz oben. Schwärmerisch erzählt sie, wie der Vater nebenbei als Bodenleger arbeitete, "und die Mutti war überhaupt eine ganz Fleißige". Selbst für das Einkleiden der Familie habe die gelernte Schneiderin zwischen Trafik und Haushalt selbst gesorgt, erzählt Kath mit leuchtenden Augen: "Wir waren immer die bestgekleideten Mädels in der Schule."

Der stilvolle Auftritt, fast immer in hohen Schuhen und schmalen Kleidern, ist ihr Markenzeichen geblieben. Zum Satz mit dem offenen Blusenknopf, den sie einst geäußert hat, steht sie nach wie vor, wenn sie auch den Kontext präzisieren will: "Mir geht es darum, dass die Frau weiblich bleibt." In vielen Branchen sei das nicht möglich, bei Steuerberatung oder Banken zum Beispiel, "wo es dann von Männern Vorschriften für die Kleidung der Frauen gibt". Die weiblichen Stärken müsse man nicht verstecken, sagt sie und erzählt von ihrer ersten großen Verhandlung für den Wlaschek-Konzern, wo sie dank Charme weit bessere Bedingungen herausgeschlagen habe, als unter den männlichen Vorgängern je denkbar. Von "Polarisierung" hält sie nichts, auch nicht als Weg zur Gleichberechtigung. "Man muss sich selber sagen, man ist gleichwertig, und man ist es."

"Sicher war es ein Vorteil", sagt sie über die Beziehung mit dem einst mächtigsten Manager der Lebensmittelbranche. Aber: "Ich hab mir immer alles selber erarbeiten müssen." Ihr Exmann komme noch aus einer anderen Generation. "Im Grunde wollte er, dass ich zu Hause bleibe." Kath lacht mit tiefem Tonfall. "Wenn ich nachgegeben hätte – ich will gar nicht nachdenken!"

Seit einem Jahr lebt Janet Kath nicht mehr im Villenvorort, sondern im hippen 7. Wiener Bezirk: inmitten jenes trend- und designaffinen Zielpublikums, das sie bedienen will. Zugleich verwundert sie diese Welt. Etwa jene französische Patisserie, die um 17 Uhr mit dem Hinweis "Bin heute ausverkauft" geschlossen steht. "Das hat in mein Weltbild gar nicht reingepasst." Aber, so hat sie es ja von Wlaschek und Schalle gelernt: Reset-Knopf drücken und sich dem "Handel im Wandel" anpassen.