Erfolgsverwöhnt: Sami Khedira und Paul Pogba © Marco Bertorello/AFP/Getty Images

Geduld sei das Wichtigste, sagt Massimiliano Allegri. "Und Disziplin, natürlich." Der Juventus-Trainer wirkt sehr entspannt an diesem nebligen Montagmorgen vor einer Woche, schließlich ist er Tabellenführer. Soeben hat Juve den fünfzehnten Sieg in Serie verbucht, ein 1 : 0 gegen den SSC Neapel. Das Club-eigene Stadion war wie immer ausverkauft, auch wenn den neapolitanischen Fans auf Anordnung der Behörden der Zutritt verboten worden war. Man sah nur Juventus, auf den Rängen und auf dem Platz. Neapel, das in den vergangenen Monaten die Liga mit seinem brillanten Offensivfußball berauscht hatte und erstmals seit 26 Jahren an der Spitze stand, lief gegen die Turiner ins Leere. Allen voran der sonst so forsche Argentinier Gonzalo Higuain, der zuvor 24 Tore in ebenso vielen Spielen erzielt hatte. Jetzt schien Higuain wie hypnotisiert von der routiniert, ja lässig agierenden Juve-Abwehr. Wie verfangen im Spinnennetz, das der Mittelfeldregisseur Sami Khedira in aller Gemütsruhe webte.

Khedira, gerade von einer Oberschenkelzerrung genesen, erinnert inzwischen frappierend an den nach New York emigrierten Andrea Pirlo, dessen Platz im Team er eingenommen hat. Vor dem Spiel hatte der Deutsche Fotos von einer Trainings-Nachtschicht ins Netz gestellt: Geduld und Disziplin. Es zahlte sich aus. In der 88. Minute reichte ein Tor des jugendlich wirkenden Simone Zaza, den Allegri eingewechselt hatte. Ein Triumph des Minimalismus und der alten Juve-Tugenden. Man muss nur warten können und im richtigen Moment wissen, was zu tun ist. Der Effizienzfußball kommt nie aus der Mode, jedenfalls nicht in Turin.

Allegri lächelt still, wenn er vernimmt, dass dieser Stil nördlich der Alpen als moralisch verwerflich gilt. Fußball ohne Show, eine Zumutung für die Zuschauer! Der Trainer kennt das, war er doch dreieinhalb Jahre beim AC Mailand, in Diensten von Silvio Berlusconi. Als Fernsehmann verabscheut Berlusconi graue Abwehrarbeit und verlangt stattdessen spektakuläre Dauerattacken, auch wenn er das dazu nötige Personal nicht mehr bezahlen kann. Allegri holte mit Zlatan Ibrahimovic, Filippo Inzaghi und Andrea Pirlo einen Meistertitel, dann löste sich seine Mannschaft auf, die Erfolge schwanden, und am Schluss erhielt er selbst die Kündigung.

Bei Juve ist alles anders: weniger Show, mehr Resultat. Und Nachhaltigkeit. Als im Sommer Pirlo, Arturo Vidal und Carlos Tevez den Club verließen, kamen zwölf neue Spieler, viele von ihnen um die zwanzig. Allegri musste ein neues Team konstruieren und anfangs viele Rückschläge hinnehmen. Zwölf Punkte in zehn Spielen, der schlechteste Saisonstart seit über 100 Jahren, ein Fiasko.

"Es ist klar, dass man nach vier Meistertiteln in Serie und einem verlorenen Champions-League-Finale mal schlappmachen kann", sagt Allegri. Jedenfalls kurzfristig. Dann aber: Geduld, Disziplin. Und Aufholjagd. Ein Sieg nach dem anderen, Effizienz in Reinkultur.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Bei Juventus, dem Club der Automobilindustriellenfamilie Agnelli, muss keiner den Fußball neu erfinden. Siegen reicht. "Wir haben inzwischen unser Saisonziel geändert", berichtet der Trainer. Vom Klassenerhalt zur fünften Meisterschaft, anknüpfen an die Serie von Edoardo Agnelli, dem Großvater des amtierenden Präsidenten Andrea Agnelli. Der hatte es in den 1930er Jahren geschafft, fünfmal italienischer Meister zu werden. Das sind die Maßstäbe, und Champions League wird ja auch noch gespielt, am 23. Februar kommen die Bayern. Die Turiner sind viel zu abgeklärt, um ernsthaft an eine Neuauflage der vergangenen Saison zu glauben, als Allegris Team als Außenseiter erst Borussia Dortmund und dann auch noch Real Madrid aus dem Wettbewerb geworfen hatte und am Ende überraschend ins Finale einzog.

Es wird schwierig gegen die Bayern, schon klar. Aber was war in diesem Jahr denn nicht schwierig? Die Überwindung der Krise und der nationalen Konkurrenz sorgt für ein Selbstbewusstsein, das nichts mit Überheblichkeit zu tun hat, sondern mit dem begründeten Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Nicht den Gral des schönen Spiels suchen, sondern tun, was man am besten kann: Tempo drosseln und hinten ausbremsen. Bloß keine Hektik und bitte keine Aufregung. Das war der Fehler beim Viertelfinale 2013, als Juventus zuletzt auf den FC Bayern getroffen war und in beiden Spielen 0 : 2 verloren hatte. Damals war noch Antonio Conte Cheftrainer, ein vulkanisch-aufbrausender, extrem ehrgeiziger Ex-Spieler, der seine Mannschaft mit viel Verve auf die jeweiligen Gegner hetzte. Und auf der ungewohnten internationalen Bühne Nerven zeigte.

Allegri verbreitet Gelassenheit. Er ist kein Getriebener, und er treibt ungern die anderen. Der Club und die Mannschaft stehen auf sehr solidem Fundament, von den Bilanzen bis zum straff geführten Management. Dafür, dass sich keiner ausruht, sorgen die Agnellis, Besitzer seit 93 Jahren, Weltrekord. Übrigens versteht man sich neuerdings bestens mit den Parvenüs aus München. Karl-Heinz Rummenigge und Andrea Agnelli bilden die neue Doppelspitze in der europäischen Club-Vertretung ECA, wobei die Anzüge des Italieners naturgemäß besser geschnitten sind. Noblesse oblige.

Auch Allegri, der Sohn eines Hafenarbeiters aus Livorno, trägt stets Anzug. Täglich büffelt der Juve-Trainer Englisch, die italienischen Medien spekulierten schon über Angebote aus der Premier League, Chelsea vor allem. Alles dementiert. Ein leitender Angestellter, der schon woanders unterschrieben hat, aber trotzdem bleibt – undenkbar in Turin. Wie soll der seine Leute noch im Griff haben?

Die Aufregung in München um den scheidenden Pep Guardiola ist den Turinern nicht entgangen. Die anderen haben Robben und Lewandowski, Juventus hat die Ruhe. Nebst Gianluigi Buffon, dem Torwart-Monument, der seit 566 Minuten keinen Gegentreffer kassiert hat. Und Leonardo Bonucci, Andrea Barzagli. Der diplomierte Volkswirt Giorgio Chiellini wird wohl verletzt ausfallen. Aber die Kreativabteilung um Paul Pogba, den irrlichternden Alvaro Morata und den listigen Paulo Dybala steht für alle Aufgaben bereit. Auch in der Abwehr. Cooler Effizienzfußball gegen Perfektionismus, ein Klassiker. Erst recht, wenn in Turin noch ein wenig Nebel hinzukäme. Das würde alles auf das Schönste dämpfen.