Martin-Luther-Installation von Künstler Ottmar Hoerl in Wittenberg (Archivbild) © Fabrizio Bensch/Reuters

Es gibt nur wenige historische Persönlichkeiten, die Freund und Feind geradezu magnetisch anziehen wie Martin Luther. Für Katholiken war er lange Zeit der Häretiker schlechthin, der die Schuld an der Spaltung der abendländischen Kirche trägt, mit allen schlimmen Folgen bis heute. Diese Zeiten sind vorbei. Heute erwarten viele Christen zu Recht, dass das Gedenken von 500 Jahren Reformation uns der Einheit näherbringt. Wir dürfen diese Erwartung nicht enttäuschen.

Was war nun das Neue an Luther und seiner Reform? Es wäre zu kurz gesprungen, wollte man Luthers Ablassthesen nur als Auslöser, sozusagen als den letzten Tropfen verstehen, der das Fass des Unmuts über Rom zum Überlaufen brachte. Luther hatte zwar ein lebhaftes Gespür für das, was die Menschen seiner Zeit bewegte, aber er war auch der große Unzeitgemäße. Mit der ihm eigenen Sprachgewalt, die ungehobelt grob bis hin zu Hasstiraden, aber genauso fromm, zart und innig sein konnte, sprach er die existenziellen Fragen der Menschen an und erreichte ihre religiöse Tiefendimension. Mit Wucht stellte er die zentralste aller Fragen, die Gottesfrage, ins Zentrum.

"Wie kriege ich einen gnädigen Gott?" Das war Luthers existenzielles Problem, das ihn persönlich umtrieb. Er entdeckte, dass die Gerechtigkeit Gottes nicht die aktive ausgleichende, strafende, rächende Gerechtigkeit ist, sondern die passive, den Menschen gerecht und damit frei machende, vergebende und tröstende Gerechtigkeit. Sie wird uns zuteil nicht durch äußerliche Frömmigkeitsformen wie den Ablass, sondern durch den Glauben. Damit setzte Luther, gegen die damalige Veräußerlichung, auf eine Verinnerlichung des Christseins.

Seine Reform galt der katholischen Kirche, sie hatte keine eigene Reform-Kirche zum Ziel. Zum Ursprung einer reformatorischen Bewegung wurden die 95 Thesen erst durch das überwältigende Echo und durch die geschichtliche Dynamik, die sie auslösten. Luthers Anliegen war das Evangelium der Herrlichkeit der Gnade Gottes, quod est maximum.

Das Evangelium war für Luther kein Buch, nicht einfach die Bibel, auch kein Kodex von Lehren, sondern eine lebendige Botschaft, die zur persönlichen Anrede wird, ein Zuspruch und eine Verheißung pro me und pro nobis. Es war die Botschaft vom Kreuz, das allein Frieden schenkt. Dabei ging es Luther um alles andere als ein billiges Christentum zu herabgesetzten Preisen. Gleich in der ersten These sagte er, das ganze Leben eines Christen müsse stete Buße sein. Luthers Reform stand damit von Anfang an im Kontext seiner Theologie der Buße und des Umkehrrufes "unseres Herrn und Meisters Jesus".

Weitere Texte zum Todestag Martin Luthers finden Sie in der aktuellen ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Damit war Luther mit seinem ursprünglichen Anliegen kein Reformator, sondern ein Reformer. Sein Ziel war die Erneuerung der gesamten Christenheit vom Evangelium her. Wie die frühen Briefe zeigen, ging es ihm um die Erkenntnis Christi und um das solus Christus. Er sagte, er wolle das Licht des Evangeliums aus der Finsternis, in welcher es verborgen gehalten war, in seinem Herzen wieder aufstrahlen lassen. Das war ein Weckruf an die Kirche.

Auf dieses ursprüngliche, evangelische wie katholische Anliegen Luthers müssen wir uns heute gemeinsam besinnen. Die sympathischste seiner reformatorischen Hauptschriften Von der Freiheit eines Christenmenschen kann hier Gesprächsmöglichkeiten eröffnen: Mystische Aspekte in der Freiheitsschrift könnten uns über spätere Brüche hinweghelfen. Denn Einheit und Versöhnung geschehen nicht nur im Kopf, sondern zuerst in den Herzen, in der persönlichen Frömmigkeit, in der menschlichen Begegnung.

Mehr akademisch ausgedrückt: Wir brauchen eine rezeptive, voneinander lernende Ökumene. Nur so kann das ursprüngliche, im Grunde ökumenische Anliegen Luthers zur Vollendung kommen. Wir haben noch keine gemeinsame Lösung; aber es tut sich ein gemeinsamer Weg nach vorne auf. Der Weg zur vollen Einheit ist offen, auch wenn er lang und steil sein mag.

Walter Kardinal Kasper: Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive (Patmos, 2016)