Ein Schulterzucken in Prenzlauer Berg. "So’n bisschen Coldplay -Mood", habe er sich für dieses Video vorgestellt, sagt Michael Nast. Man möchte ihn schütteln, damit er das eine, entlastende Wort endlich ausspuckt. Doch es kommt einfach nicht. Statt den Trailer zu seinem neuen Buch als das zu entlarven, was es ist – pure Ironie –, steht er nur da und raucht. Ein wenig schwedisch sieht das aus, der ernste Blick, die kurzen dunkelblonden Haare, der Stoppelbart, schwarzer Pullover, sportliches Jackett, weiße Turnschuhe.

In seinem Clip jubeln diesem Mann Mädchenmassen zu. In Zeitlupe ergötzt sich die Kamera an seinen Fans, bevor sie auf den angebeteten Star schwenkt, in lässiger Siegerpose steht Nast auf der Bühne und schenkt den kreischenden Frauen im Hintergrund ein Lächeln. "Wir sind eine Generation von Selbstdarstellern", sagt seine Stimme aus dem Off, "totale Selbstinszenierung."

Das Video ist ernst gemeint.

Michael Nast ist kein Popstar. Er verdient sein Geld als "Beziehungskolumnist". Oft wird er als männliche Carrie Bradshaw bezeichnet, die Dating-Kolumnistin aus Sex and the City, oder, so mag es sein Verlag am liebsten, als "Sprachrohr seiner Generation". Nast schreibt online für junge Erwachsene, vor allem für Frauen, die seine Artikel in der Freundin lesen oder auf dem Datingportal "Im Gegenteil", auf dem sich junge urbane Singles als Premiumware inszenieren. Nasts anekdotische Textchen handeln vom Liebesleben moderner Großstädter, davon, dass Männer und Frauen nicht mehr ohne Weiteres zueinanderfinden, weil ihnen die eigene Selbstverwirklichung im Wege steht.

"Generation Beziehungsunfähig" heißt sein Artikel, der im vergangenen Frühjahr mehr als eine Million Mal im Netz geteilt wurde und den Nast nun zu einem Buch ausgebaut hat. Noch vor der Veröffentlichung ist es in die zweite Auflage gegangen, mehrere Monate wird er damit auf Tour gehen, im Mai wird eine Live-DVD von einer Lesung in Berlin aufgenommen, produziert von einem Regisseur, der auch schon einen Kinofilm über das weltgrößte Heavy-Metal-Festival in Wacken gedreht hat.

Nast spricht gerne über Literatur, zitiert Kundera, Thomas Mann, Dostojewski

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Michael Nast ist ein Phänomen. Seine Auftritte sind bereits Monate im Voraus ausverkauft, 1.600 Menschen mittlerweile eine normale Publikumsgröße für ihn. Nast liest deutschlandweit in den Universitäten, kein Tag vergeht, ohne dass sich wieder eine Horde von Studentinnen zu seinen Lesungen im Audimax anmeldet, als wäre er der Messias oder immerhin ein Starprofessor aus Amerika.

An seinem Buch kann das nicht liegen. Generation Beziehungsunfähig ist redundant bis an die Schmerzgrenze. Über mehrere Hundert Seiten wird Altbekanntes wieder- und wiedergekäut, nur dass es hier noch einmal fett gedruckt steht: Männer und Frauen können nur Freunde sein, wenn sich keiner von beiden Hoffnung auf mehr macht. Ein Job ist heutzutage mehr als ein Job, nämlich ausbeuterische Selbstverwirklichung. Ständige Erreichbarkeit ist ein Fluch. Jeder ist seine eigene Marke. Alle wollen flexibel, alle wollen perfekt sein. Früher war alles anders. Und: Veganismus ist vielleicht doch nur eine Mode. Trashfernsehen macht traurig. Ins Fitnessstudio gehen ist schwer. Kosenamen in Beziehungen können eine heikle, Sex kann eine sensible Angelegenheit sein. "Tja." – so enden viele der Kapitel, ganz so, als wüsste der Autor manchmal selbst nicht, warum er das alles noch einmal aufgeschrieben hat.

Was also ist es, was Tausende junger Frauen zu diesem Mann treibt, wenn nicht sein Buch?