Die Skyline von Bremerhaven © Fabian Bimmer/Reuters

Fremder, kommst du nach Bremerhaven, strebe nach Ferne. Nicht weil es hier kein Bleiben gibt, sondern weil es das ist, was diese Stadt ausmacht. Es mag ihr an Schönheit fehlen, sie macht es durch Sehnsucht wett. Tausende segelten von hier nach Amerika, verbrachten ihre letzten Tage in der Alten Welt zwischen Kaje und Stadt, Kindern, Koffern, Läusen, Tränen, Freude, Angst. Willst du ihren Weg verfolgen, ihre Lieder hören, dann geh zum Deutschen Auswandererhaus. Du bekommst einen Pass, wirst einer von ihnen und machst dich auf die Reise. Im Unter- oder Oberdeck, je nachdem, was du dir leisten kannst. Vielleicht isst du nur hartes Brot. Vielleicht aber auch feinste Speisen.

Wenn du fertig bist mit Auswandern, wechsele die Perspektive, und besuche die Sonderausstellung über das Deutschland der Gastarbeiter. Nach Bremerhaven kamen vor allem Türken, um den Fisch zu sortieren. Wo ich wohnte, zog ein paar Häuser weiter Ali aus Anatolien ein und reparierte Autos zu schmachtender Musik. Im Imbiss seines Sohnes aß ich meinen ersten Döner und beneidete Alis Töchter um ihre spitzen Goldpantoletten.

Hast du jetzt den Kopf voller Geschichten, spaziere zum Weserufer, lüfte dich an der Seebäderkaje, wo das Denkmal der Auswanderer steht: eine Familie, Wind in den Haaren, den Blick in die Ferne gerichtet. Bist du selbst mit deinen Kindern hier, mach einen Abstecher in den Zoo gleich an der Weserpromenade. Sei da, wenn die Robben, Seehunde, Walrosse gefüttert werden. Siehst du ihr Drehen, Tauchen, Kugeln? Hörst du das Geschrei der Möwen, das Plätschern der Wellen hinter den Becken? Willkommen am Meer.

Folge der Promenade, irgendein Containerschiff wird gen Nordsee fahren, sieh den Lotsen, wie er geschickt von Bord klettert, zurück in sein orangefarbenes Boot. Hier lernte ich, was Fernweh ist, beim Sonntagsspaziergang mit Oma am Weserdeich. Erst wenn das Lotsenboot abdreht, ist der Riese endlich frei. Vielleicht siehst du ihn noch gespiegelt in den unzähligen Fenstern des Atlantic Hotel Sail City, dessen Form der eines Segels nachempfunden ist. Dem Niedergang der Werft- und Fischindustrie hat Bremerhaven seine Museen, Forschungsinstitute, vor allem aber futuristische Architektur entgegengesetzt: Klein-Dubai am Weserstrand.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Geh weiter auf der Promenade Am Strom oder parallel dazu auf der Van-Ronzelen-Straße. Sie ehrt den Mann, der hier vor zwei Jahrhunderten Häfen und Schleusen baute, ein Genie seiner Zeit. Auf der Kennedy-Brücke über die Weser, hinunter zum Fähranleger. Zehn Minuten dauert die Fahrt über die Weser ins niedersächsische Blexen, zehn Minuten Wind, Geschaukel, Freiheit – Fährmann müsste man sein!

Blexen ist nur ein Fischerdorf, doch nirgends hat man einen besseren Blick auf die riesigen Kräne im Überseehafen, auf die Skyline der Stadt. Schnellen Schrittes auf dem Deich gewandert, in die Fischerstuben geschaut. Eine halbe Stunde hast du, Fremder, dann bringt dich die Fähre zurück. So viel Salzwind macht durstig. Kehr ein, wo Kutscher, Seeleute und die einfachen Bürger tranken: im Alt Bremerhaven in der Prager Straße, der ältesten Kneipe der Stadt. Glatt ist das Holz der Tische von den vielen Händen, die darüberstrichen, gedankenverloren oder verzweifelt, wer weiß das schon. Nimm die Altbierbowle, aber gib acht. So mancher, der auf seine Auswanderung wartete, hat hier sein Erspartes versoffen und sah niemals Amerika.