Drei Postkarten sollen helfen, den Journalismus zu hinterfragen. Maren Urner, Bernhard Eickenberg und Han Langeslag haben sie auf den Plastikstühlen für die Zuschauer verteilt. Es gibt A-, B- und C-Postkarten, darauf steht jeweils ein kurzer Begleittext. Bei B heißt es: "Hast du die Nase voll von Skandalen und reißerischen Überschriften?"

Urner, Eickenberg und Langeslag wollen den Journalismus konstruktiver machen. Dafür sind sie auf Werbetour, für ihre Onlineplattform Perspective Daily brauchen sie Geld: 504.000 Euro. An diesem Montagabend machen die Gründer in Hamburg Station, im Betahaus im Schanzenviertel, außen Glasfassade, drinnen raue Betondecke.

Wer in diesem Moment Nachrichten auf seinem Smartphone checkt, liest Volksverhetzung bei Karnevalsumzug oder Angst vor dem Absturz (der Dax ist unter 9.000 Punkte gefallen). Es wird über Europas kalte Doppelmoral berichtet, über den Ölpreisverfall, den Tod von Roger Willemsen und über Putin bombt Aleppo zum zweiten Grosny. Die Welt jenseits der Glasfassade liest sich gerade ziemlich schlimm.

Wie viel Prozent der erwachsenen Menschen weltweit können lesen und schreiben? Mit dieser Frage eröffnen Urner, Eickenberg und Langeslag den Abend. 80, 60 oder 40 Prozent, A, B oder C? Das Publikum soll schätzen. Antwort A wäre die richtige, 80 Prozent. Im Betahaus halten aber nur sehr wenige Postkarte A hoch. Die meisten glauben, die Welt sei schlechter. Wer ständig Schlimmes liest, glaubt, dass alles schlimm ist.

Konstruktiver Journalismus heißt die Strömung, die dieses Gefühl ändern soll. Die Onlineplattform De Correspondent in den Niederlanden will so einen Journalismus machen, ebenso wie Positive News in Großbritannien. Die Washington Post hat seit Herbst 2014 die Rubrik "The Optimist", der Schweizer Tagesanzeiger seit vergangenem Jahr eine, die "Die Lösung" heißt. Das Spiegel TV Magazin sendet seit Kurzem Beiträge, in denen es etwa darum geht, dass die Zahl der Kriegstoten gesunken ist oder dass sich die Gesundheitsversorgung verbessert hat; "Früher war alles schlechter" heißt das Format.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

"Uns als Gesellschaft ging es noch nie besser", sagt Urner. "Obwohl natürlich Probleme da sind." Sie und die Mitgründer wollen zeigen, dass es Grautöne gibt, "wir wollen weg von dem Schwarz-Weiß-Denken".

Die Diskussion über konstruktiven Journalismus hat der dänische Rundfunkjournalist Ulrik Haagerup mit angestoßen. Haagerup ist Nachrichtenchef des Dänischen Rundfunks (DR). Jeden Tag muss er entscheiden, welche der vielen Ereignisse in den Nachrichten zu sehen sein sollen. Er muss filtern. Kriege und Katastrophen werden bei Nachrichtensendungen normalerweise kaum herausgefiltert: If it bleeds, it leads. Blut zieht. Haagerup hat aber auch ein Buch geschrieben, das Constructive News heißt. Untertitel: Warum bad news die Medien zerstören. Er sagt: "Zuerst finden es die Menschen deprimierend, negative Nachrichten zu konsumieren, dann kommt der Punkt, an dem sie meinen, dass wir ihnen die Wahrheit vorenthalten. So kam es zur Medienkrise." Dass Haagerup auf einmal lösungsorientierte Nachrichten produziert, hat jedoch nicht nur mit Überzeugung zu tun. Es zahlt sich auch aus. Seit der DR immer mindestens einen konstruktiven Nachrichtenbeitrag sendet, ist die Zuschauerquote gestiegen.

Perspective Daily hat die 504.000 Euro noch nicht zusammen, zählt aber auf prominente Unterstützer. Moderator Klaas Heufer-Umlauf spricht über Perspective Daily, genauso wie Ex-Fußballer und ARD-Kommentator Mehmet Scholl. Als die Schauspielerin Nora Tschirner kürzlich zu Gast bei Schulz & Böhmermann auf ZDFneo war, machte sie Werbung für das Projekt. Der negative, reine Sensationsjournalismus, sagte Tschirner, führe zu einer Spirale der Depression, Lähmung, Passivität: "Gute Ansätze, die es überall gibt, werden nicht mehr umgesetzt."

Die Wissenschaft gibt ihr Recht. Mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass negative Geschichten das Publikum ängstlicher machen und schlechter gelaunt. Das zeigen zwei Texte zu Umweltschäden: Der eine thematisierte die Verschmutzung der Meere, der andere den Erfolg einer Säuberungskampagne. Nach der Lektüre des lösungsorientierten Textes gaben die Teilnehmer an, nun selbst motivierter zu sein und umweltfreundlicher zu handeln.

Über Forschung sprechen Urner, Eickenberg und Langeslag gern, alle drei sind vor allem Wissenschaftler: Urner hat in Neurowissenschaft promoviert, Eickenberg in physikalischer Chemie; Langeslag hat Wirtschafts- und Neurowissenschaft sowie Psychologie studiert. In deutschen Medien vermissen sie die kritische Auseinandersetzung mit Zahlen. "Viele reden von Datenjournalismus, aber wenige trauen den Lesern eine statistische Darstellung zu, die über das bloße Auflisten von einzelnen Zahlen hinausgeht", sagt Eickenberg. Zu oft würden einzelne Zahlen aus dem Kontext gerissen. Wie er und sein Team es machen, wird man erst sehen können, wenn ihre Kampagne erfolgreich endet. Dann sollen sechs Redakteure jeweils einen Artikel pro Woche schreiben.