Die polnische Premierministerin Beata Szydło während ihres ersten offiziellen Besuchs in Berlin am 12. Februar 2016 © Sean Gallup/Getty Images

Der Hauptsitz der Versicherungsgesellschaft Allianz Polska ist ein sieben Stockwerke hoher Bürokasten im Südwesten von Warschau. In der Gegend, die vor der Wende zu den dunkelsten Flecken der polnischen Hauptstadt zählte, sitzen heute internationale Konzerne wie Cisco, Novartis, LG und Gruner + Jahr. Moderne Bürokomplexe und Shoppingmalls aus Stahl, Glas und Beton haben armselige Reparaturdepots, Industriebaracken und Garagenkolonien verdrängt. Sie verkörpern das polnische Wirtschaftswunder der letzten 25 Jahre.

Von dem Wachstum des Landes profitierte auch die Allianz, die 1997 nach Polen kam. Heute ist sie die sechstgrößte Versicherungsgesellschaft in Polen, die 2014 fast 220 Millionen Złoty Gewinn erwirtschaftet hat – umgerechnet etwa 53 Millionen Euro. Trotzdem ist die Stimmung in der polnischen Zentrale neuerdings mies: 250 bis 300 Mitarbeiter müssen den Konzern bis Ende März verlassen. Der Preiswettbewerb drücke die Rentabilität, begründete Veit Stutz, Vorstandsvorsitzender von Allianz Polska, den Personalabbau. Hinzu komme, was er Veränderungen im "regulatorischen Umfeld" nennt.

Seitdem sie im Oktober gewählt wurde, krempelt die nationalkonservative Regierung der Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) die polnische Politik und Wirtschaft um. Sie beschneidet die Kompetenzen der Verfassungsrichter, schaltet die staatlichen Medien gleich, verschärft die polizeiliche Überwachung und tauscht die Führung aller staatlichen Unternehmen aus. Der radikale Kurs, der nach Meinung der Opposition gegen die eigene Verfassung verstößt, sorgt für Unbehagen in Brüssel.

Auch eine neue Bankensteuer hat die PiS im Dezember verabschiedet – sie ist vor wenigen Tagen in Kraft getreten und dürfte einer der Gründe für den Unmut bei der Allianz Polska sein. Die Steuer beträgt jetzt 0,44 Prozent der Bilanzsumme pro Jahr – in Deutschland sind es nur 0,02 bis 0,06 Prozent. Nahezu zeitgleich kündigten mehrere Finanzinstitute Entlassungen in Polen an. Die französische BGZ BNP Paribas beispielsweise will sich von 1800 Mitarbeitern trennen. Die Bank BPH, die mehrheitlich dem US-Konzern General Electric gehört, plant einen Abbau von 1.700 Stellen. "Zusätzliche finanzielle Belastungen machen die Entlassungen unvermeidlich", sagt Richard Gaskin, der Vorstandschef von BPH.

Die Bankensteuer könnte die Vergabe neuer Kredite verlangsamen

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Einen Unterschied zwischen polnischen und ausländischen Banken kennt die Bankensteuer nicht. Dennoch trifft sie vor allem internationale Investoren, weil 60 bis 70 Prozent aller Finanzinstitute und Versicherer in Polen von ausländischen Finanzkonzernen kontrolliert werden. Dazu gehören Deutsche Bank, Commerzbank und eben die Allianz. "Die Bankensteuer an sich ist noch kein Drama", sagt Witold Orlowski, Chefberater bei der Consultingfirma PwC in Warschau. "Die Regierung muss aber aufpassen, dass sie mit ihrem weiteren Vorgehen die Stabilität des Finanzsektors nicht untergräbt."

Ministerpräsidentin Beata Szydło will mit der Steuer rund 4,4 Milliarden Złoty – also etwa eine Milliarde Euro – einnehmen, um davon die von der PiS im Wahlkampf versprochene Kindergelderhöhung "500+" zu finanzieren. "Wir greifen die Finanzkorporationen an, weil ihre Gebühren und Margen in Polen höher sind als im restlichen Europa", sagte die Regierungschefin. Die Bankensteuer könnte die Banken und Versicherer in Polen etwa ein Drittel ihrer Gewinne kosten und die Vergabe der Kredite verlangsamen, glaubt indes die Rating-Agentur Moody’s. Wahrscheinlich werden aber wieder die Bankkunden die Zeche zahlen. In den letzten Wochen haben fast alle Banken bereits ihre Hypothekenmargen und Kreditgebühren erhöht.