Der Traum vom Abschluss in Oxford © Paul Hackett/Reuters

"Goede Hoop" steht über dem Eingang zu dem festungsartigen Anwesen am nördlichen Rand der Altstadt von Oxford, "gute Hoffnung". Der Türklopfer trifft einen Löwenkopf aus Metall, ein Portier öffnet, und der Besucher tritt in einen großen, von einer Kuppel überwölbten Raum. Es ist der Sitz der Stiftung des berühmtesten Stipendiums der Welt: des Rhodes Scholarship. Wer es schafft, als "Rhodes" in Oxford zu studieren, gehört zu einer winzigen globalen Elite. Doch das Stipendium steckt in einer schweren Krise.

Es ist ruhig in der Festung, die Schritte hallen vom Marmorboden wider. Es wirkt, als habe es hier schon immer so ausgesehen. Die Welt aber hat sich verändert, und deshalb ringt das Stipendium um seinen Platz in einer Welt, in der England nicht mehr Zentrum eines Empires ist. In der Finanzkrise hat die Stiftung 40 Prozent ihres Vermögens verloren. Im November protestierten Studenten in Oxford unter dem Motto " Rhodes Must Fall" lautstark gegen den Patron des Stipendiums, Cecil Rhodes. Auch Stipendiaten waren an der Kampagne beteiligt, die Rhodes als "Architekten der Apartheid" bezeichneten, der sein Vermögen "der Ausbeutung und dem Tod schwarzer südafrikanischer Minenarbeiter" verdankt habe und seine Macht "verheerenden imperialen Kriegen". Die Universität Kapstadt entfernte im vergangenen Jahr das Denkmal von Cecil Rhodes. Die Auseinandersetzung bedroht auch den Mythos des Stipendiums. Möchten Studenten in Zukunft noch ein Stipendium annehmen, das den Namen eines Mannes trägt, dem so etwas nachgesagt wird?

Cecil Rhodes war schon zu Lebzeiten umstritten. Der Handel mit Diamanten und seine Beteiligung am Minenunternehmen De Beers hatten ihn reich gemacht. Als Politiker festigte er die Macht Großbritanniens im südlichen Afrika. Dort war einst sogar eine Kolonie nach ihm benannt worden. Doch sein rücksichtsloses Taktieren, etwa im Zweiten Burenkrieg, belastete seinen Ruf.

Als Rhodes 1902 im Alter von 48 Jahren starb, stiftete er ein Stipendium, das schnell zu einer Eliteschmiede wurde. Der Astronom Edwin Hubble, der Philosoph John Searle und der Filmemacher Terrence Malick zählen zu den bisher 7688 Stipendiaten, vor allem aber zahlreiche Staatsmänner, frühere Regierungschefs aus Australien, Kanada, Pakistan, ein ehemaliger Präsident des UN-Sicherheitsrats und natürlich Bill Clinton.

Nicht jeder kann sich bewerben. In den USA müssen die berühmtesten Unis des Landes, Harvard und Princeton etwa, ihre Studenten zunächst nominieren, die Bewerber brauchen bis zu acht Referenzschreiben. In der Welt der elitären amerikanischen Unis hat das Rhodes-Stipendium einen herausragenden Platz. Die Washington Post druckt eine Liste der Auserwählten, und der Autor Tom Wolfe widmete einen großen Teil seines Campus-Romans I Am Charlotte Simmons dem fast absurden Drang, ein Rhodes zu werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Der Ursprung des Stipendiums aber liegt in der Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts. 57 jungen Männern aus den britischen Kolonien, den Vereinigten Staaten und Deutschland sollte das Stipendium jedes Jahr ein Studium ermöglichen. Das Ziel: ihnen "die Vorteile der Einheit des Empires einimpfen" und "einen Krieg unmöglich machen". Mit dem Ende der Kolonien ist der erste Auftrag aus Rhodes’ Testament schon vor Jahrzehnten hinfällig geworden.

Auflehnen, das wäre früher unter den Stipendiaten undenkbar gewesen. Doch nun fordern sie Veränderungen. Die Gruppe Redress Rhodes etwa fordert zwar nicht den Sturz des Patrons, aber eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Nicht nur hinsichtlich des Namens, sondern ganz allgemein stellt sich die Frage, wie zeitgemäß das Stipendium noch ist.

Als Rhodes starb, umspannte das britische Empire den ganzen Planeten, die Stipendiaten waren Wochen, teils Monate nach England unterwegs, Oxford war die Schule der Staatselite eines Imperiums. Heute gibt es kein Empire mehr zu erhalten, die Reise dauert einen Tag, Oxford ist eine internationale Forschungsuniversität. Weiterhin aber stammt, wie vor hundert Jahren, über die Hälfte der Stipendiaten aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien. Ostasien, Südamerika, der Mittlere Osten, aber auch weite Teile Europas und Afrikas finden keine Berücksichtigung. Inhaltlich orientiert sich das Stipendium an einer Zeit, als es wichtiger war, im Studium Kontakte zu knüpfen, als einen Abschluss zu machen.

Dank seiner Reputation gelingt es dem Rhodes-Stipendium noch immer, sehr gute Studenten nach Oxford zu holen. Der Blick der besten Studenten richtet sich trotzdem zunehmend in Richtung Osten. Der amerikanische Milliardär Stephen A. Schwarzman hat gerade eine Stiftung gegründet, die jedes Jahr 200 Studenten an die Tsinghua-Universität in Peking schicken soll. "Es ist wichtig, dass die nächste Eliten-Generation ein Verständnis von China und seiner Rolle in der Welt hat", sagt Robert Garris, der das Programm mit aufbaut. "Rhodes East" schrieb der New Yorker – der Kampf um den Titel des berühmtesten Stipendiums der Welt ist in vollem Gange. Binnen drei Jahren hat die Stiftung ein Vermögen von 370 Millionen Dollar eingeworben, Tony Blair, Nicolas Sarkozy und Henry Kissinger als Berater gewonnen, einen Campus in Peking gebaut und über 3.000 Bewerbungen aus 135 Ländern gesichtet. Im August reisen die ersten Stipendiaten an, um in China ein einjähriges Masterstudium zu machen. Ferien gibt es kaum, die Vertiefungsfächer sind Public Policy, Wirtschaft und Internationale Beziehungen, ein Sprachkurs gehört dazu. Das Stipendium steht für eine neue Sicht auf die Welt: China statt England, ein durchgetaktetes Programm statt akademischer Freiheit.

Charles Conn, der Direktor des Rhodes Trust, sieht im Schwarzman-Stipendium keine Konkurrenz. "Es gibt nicht zu wenige, sondern zu viele gute Bewerber", sagt er. Er begrüßt die Entwicklung neuer Stipendien. Conn steht mit dem Programm in Kontakt, offenbar wird sogar eine Kooperation erwogen.

Und auch Rhodes bewegt sich nun. "Wir wollen ein globales Stipendium werden", sagt Conn. 2016 werden erstmals chinesische Rhodes-Stipendiaten nach Oxford kommen, Plätze für Brasilien und den Mittleren Osten sind geplant. Binnen fünf Jahren soll die Zahl der Stipendien um gut ein Drittel steigen.

Das Vermächtnis des Gründers wird für das Stipendium dabei zunehmend zur Bürde. Gehen die Angriffe auf seinen Namen weiter, dann könnte das Geldgeber abschrecken. Auf die ist Conn jedoch angewiesen. Außerdem gibt Cecil Rhodes selbst in vielem immer noch die Regeln vor, sein Testament hat einen gesetzesähnlichen Status. So kann die Stiftung zwar zusätzliche Stipendien einrichten, darf bestehende Plätze aber nicht neu verteilen. Rhodes sprach jedoch nicht nur Regionen, sondern auch vier Jungenschulen im heutigen Südafrika je ein Stipendium zu. Noch immer gibt es Plätze, auf die sich nur Absolventen bestimmter Privatschulen bewerben können. Der Rhodes Trust muss sich nicht nur der Geschichte seines Gründers stellen, sondern auch der eigenen: Schwarze Stipendiaten waren lange unerwünscht. Stipendiatinnen gibt es erst seit den 1970er Jahren. Außerdem braucht die Stiftung einen klareren Anspruch, was sie von ihren Stipendiaten erwartet.

Goede Hoop, gute Hoffnung, wie über der Pforte zum Rhodes House steht, wird nicht reichen, um das Stipendium fit zu machen für dieses Jahrhundert.

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