Ein Satz wie ein Hieb. "Wir sind abgerutscht in eine neue Zeit des Kalten Krieges", sagte Dmitri Medwedew auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Und schon drehte sich wieder alles um Russland, genau wie nach Wladimir Putins Brandrede 2007 an gleicher Stelle. Nur dass heute, wie Moskaus Premier warnte, die Lage noch ernster sei.

Das kann man wohl sagen. Was vor zwei Jahren mit der Annexion der Krim und der Aggression im Osten der Ukraine begann, setzt sich fort mit dem Bombardement in Syrien. Putin bahnt sich mit rücksichtsloser militärischer Gewalt den Weg zurück ins Zentrum der Weltpolitik. Seine Politik dementiert täglich Barack Obamas törichtes Wort, Russland sei nur noch eine "Regionalmacht". Ist es nicht, Brutalität siegt.

Kapituliert der Westen? Überlässt er Putin und Assad in Syrien den Sieg?

In Syrien lässt sich das in aller Entsetzlichkeit studieren. Die Bomben auf Aleppo, auf Schulen und Krankenhäuser, steigern noch weiter das Grauen eines erbarmungslos geführten Krieges. Schwer vorstellbar, dass die Münchner Vereinbarung vom vergangenen Donnerstag halten wird. 17 Staaten verpflichten sich darin, innerhalb einer Woche das Feuer einzustellen und humanitäre Hilfe für die belagerten syrischen Städte zuzulassen. Und doch, welche andere Wahl bleibt als das immer neue Ringen um einen Rest an Menschlichkeit?

Denn eines steht fest: Der Westen will in Syrien, abgesehen von den Luftschlägen gegen den "Islamischen Staat", keinen Krieg führen. Amerika schließt die Entsendung von Bodentruppen kategorisch aus, in Europa stellt sich die Frage erst gar nicht.

Kapituliert der Westen also? Überlässt er Putin und Assad das Feld und den Sieg? Ja, militärisch tritt er ihrem Wüten nicht entgegen. Und duldet, dass die Menschen in Aleppo den Preis dafür zahlen. Dennoch sollte man es sich mit moralischen Urteilen nicht zu leicht machen. Es bleibt nämlich richtig, dass es für Syrien nur eine politische Lösung gibt. Afghanistan und der Irak zeigen: Man kann einen Gegner bezwingen – und hat doch nichts gewonnen.

Der Westen, Europa allzumal, bietet in seiner Unentschlossenheit und Uneinigkeit ein Bild des Jammers. Nur müssen unsere Schwäche und das russische Gefühl neuer Stärke keineswegs in einen neuen Kalten Krieg münden. Dagegen stehen die nüchternen Fakten.

Die Welt ist heute nicht mehr in zwei Blöcke geteilt. Russland ist nur militärisch eine Supermacht, wirtschaftlich steht es am Rande des Bankrotts. Es bietet der Ukraine kein attraktives Gegenmodell zur Hinwendung nach Europa, mit der Rolle einer Ordnungsmacht im Mittleren Osten wäre es gänzlich überfordert. Russland ist kein zweites Amerika.

Aber es will dessen Anerkennung. Und die wird man Russland nicht verweigern können. Einfach weil sein destruktives Potenzial so groß ist. Warum sonst schlagen sich Angela Merkel oder John Kerry in endlosen Verhandlungen mit Wladimir Putin und dessen Außenminister Lawrow die Nächte um die Ohren?

Nicht dass der Westen naiv wäre. Die Nato hat auf die Ukrainekrise mit einer strategischen Neuausrichtung geantwortet: schnelle Reaktionskräfte, neue Einsatzstäbe in Osteuropa, zahllose Manöver. Die Amerikaner wollen ihre Militärausgaben für Osteuropa im kommenden Jahr vervierfachen, von 786 Millionen auf über 3,4 Milliarden Dollar. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg merkt an, auch das Bündnis habe noch Atomwaffen in seinen Arsenalen. Abschrecken, so der Subtext, können wir immer noch.

Im Übrigen, wer zweifelte daran, dass der Westen Russland auch heute "totrüsten" könnte, wie zu Zeiten Ronald Reagans. Glücklicherweise verweigert sich Barack Obama solcher Kraftmeierei. Russland ist nicht mehr die Sowjetunion, 25 Jahre lang war es Partner der Nato. Dahin müssen wir zurück, auch wenn Putin den Weg derzeit blockiert.

Obama, heißt es, hinterlasse im Mittleren Osten mit seiner militärischen Zurückhaltung ein "strategisches Vakuum", in das nun Putin hineinstoße. Viele Europäer machen Obama deshalb heftige Vorwürfe. Aber solange dieselben Europäer keine eigenen Truppen in Marsch setzen wollen, sollten sie die Diplomaten in Ruhe ihren Job machen lassen. Bei ihnen ist die Suche nach einem Frieden für Syrien – und die Ukraine – noch immer in den besten Händen. Und damit auch die Verhinderung eines neuen Kalten Krieges.

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