Vor wenigen Minuten erst haben sich Schauspielerin und Journalist kennengelernt und irren seitdem im Nieselregen durch die Frankfurter Innenstadt. Das vereinbarte Restaurant hat geschlossen, Alternativen bieten sich nicht an, Nässe und Kälte fressen sich durch die Kleidung. Stephanie Eidt hat andere Sorgen. "Ich denke häufig darüber nach, dass viele Männer ihre Ehefrauen irgendwann für eine jüngere Begleiterin verlassen." – "Frauen unterwerfen sich noch immer der männlichen Sexualität." – "Beim Menschen machen sich Weibchen für Männchen attraktiv, bei den meisten Säugetieren ist es umgekehrt." Ein anklagendes Stakkato, untermalt von den Absätzen beigefarbener High Heels, die auf immer dunklerem Asphalt den Takt klappern. Meint sie das ernst?

Die Suche nach einer Antwort führt in die Vergangenheit. Am Vorabend stand sie auf der riesigen Bühne des Schauspiels Frankfurt, wenige Stunden nach unserem Gespräch wird sie dort wieder zu sehen sein. In Tennessee Williams Endstation Sehnsucht, das der Regisseur Kay Voges ungewohnt naturalistisch inszeniert hat, verkörpert sie eine Blanche DuBois, wie sie noch nicht zu sehen war. Obgleich sich die Bankenstadt als realer Hintergrund für tief ins Soll rutschende Lebensentwürfe anzubieten scheint: Susanne Lothar spielte hier 2004 die Rolle, definierte den Goldstandard. Bis Eidt kam. Voges hat einen Hybrid erschaffen, nicht mehr Theater und noch nicht Kino. In der Mitte der Guckkasten, links und rechts Leinwände für Nahaufnahmen, während der Aufführung wird gefilmt und geschnitten. Jede Regung, jedes Zucken, jede Träne ist zu erkennen. Und stets im Zentrum, wenn auch nicht immer im Blick: Stephanie Eidt als distinguiertes Südstaatengewächs und Sendbotin überkommener Zeiten. Eine Frau, die zischt und faucht und gurrt, männliche Jammerlappen niedermacht, Worte wie Krallen einsetzt, immer auf dem Sprung – ja, wohin? Aus sich heraus. Mal Salontussi, mal Geschundene, aber noch in der Niederlage, im Absturz schön und stolz und würdevoll. Der Verstand will die Figur verurteilen, das Herz fordert: Hebt diese Blanche auf ein Podest, widmet ihr ein Denkmal!

Man wird, in einer entmythologisierten Epoche, Zeuge eines Theatermysteriums, eines perfekten Moments. Am Schluss steht Eidt allein an der Rampe, das aufziehende Dunkel schluckt ihren schlanken Leib, und im Parkett herrscht erschrockene Stille. Dann Jubel.

Ja, sie spiele die Blanche gern, sagt sie nach der Vorstellung – obwohl sie nach jeder Aufführung eine halbe Nikotinvergiftung habe, weil sie selbst nicht mehr rauche, Blanche DuBois aber kein Suchtmittel auslasse. "Ich brauche Blanche, um Dinge mit mir selbst auszumachen. Ein Gespräch kann das nicht leisten." Aha. Jedoch, wie passt dieses intensive Spiel zu der Rolle, die sie danach annahm, die der moralinsauren Françoise aus Yasmina Rezas Komödie Bella Figura? Diese Aufführung an der Berliner Schaubühne, inszeniert vom Intendanten Thomas Ostermeier, will die privaten Katastrophen zweier Paare, die Tyrannei der Routine sezieren und kreist doch vor allem routiniert um sich selbst. Stephanie Eidt verteidigt Produktion, Stück, Regie. Aus ihr spricht nicht die Loyalität zur Schaubühne, deren Ensemble sie, nach langer Pause, wieder angehört, sondern Überzeugung. Oder besser: Erfahrung. "Ich bin auch gut darin, bella figura zu machen."

Ihre letzte Bemerkung klingt nach. Ein Dreivierteljahr und mehrere Begegnungen später wird deutlich: Es ist ein Satz, der viel erklärt. Sich nicht den Verhältnissen ergeben, die Contenance wahren: wie aufreibend das sein kann, hat sie früh erfahren. Eidt, 1966 in Limburg als Tochter eines Maschinenbauingenieurs und einer Sekretärin geboren, entstammt gesellschaftlichem Biedermeier. Ihr Vater war viel auf Reisen, die Mutter gab ihren Beruf auf und kümmerte sich um sie und die beiden älteren Geschwister. Hinter der Normalität gärte das Grauen. Großvater und Vater hatten im Zweiten Weltkrieg gekämpft, ihre Erlebnisse und Traumata waren allgegenwärtig, ohne ausgesprochen zu werden. Eidt suchte schnell eine andere Welt. Ein Deutschlehrer, selbst als Invalide aus dem Krieg zurückgekommen, erschloss ihr das Theater. Mit ihm probte sie Iphigenie auf Tauris und Ein Sommernachtstraum, konstruierte eine Wirklichkeit zweiter Ordnung, mit der sie leben konnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Schauspielerin wollte sie werden und nichts anderes. Die erste Bewerbung war erfolgreich, in Hamburg besuchte sie die Schauspielschule. Ein Diplom hat sie nicht; noch vor dem Ende der Ausbildung verpflichtete sie der Burgtheater-Intendant Claus Peymann. Jedoch, in Wien fühlte sie sich verloren, der anonyme Betrieb erdrückte sie. "Ich war in einem Raster gefangen. Eine renommierte Schule, das Erstengagement am Burgtheater, das sah auf den ersten Blick gut aus. Aber ich lief diesem Label hinterher." Sie erlebte, wie Gastregisseure ihre Protegés mitbrachten und wie das Ensemble verkümmerte, und so wechselte sie nach zwei Produktionen an das Staatstheater Wiesbaden. Wieder war es nur ein Intermezzo. Als sie öffentlich Kritik an der Theaterleitung geäußert hatte, es ging um Kürzungen an einem Dramentext, wurde ihr gekündigt. Sie ging nach Lübeck, weil dort die Regisseure Elias Perrig und Andreas von Studnitz arbeiteten. Und eine Atmosphäre schufen, von der sie noch heute schwärmt: "Lübeck war ein sehr geschützter Raum für Menschen, die sich ausprobieren wollen. Ich musste mich zum ersten Mal nicht mehr beweisen." Wien, Wiesbaden, Lübeck: Ein Abstieg? Nein. Je weiter sie sich von dem entfernte, was sich Karriere nennt, desto näher kam sie sich selbst.