Kunsttempel in Frankreich: Château de Justiniac © Jeanette Corbeau

Der Sehnsuchtsort vieler freier Hamburger Künstler liegt in Berlin. Hier gibt es, was Hamburg zu selten zu bieten hat: bezahlbare Mieten, Geld für Kunstprojekte, das Gefühl, am richtigen Ort zu sein.

Von diesem Jahr an könnte sich das ändern, ein klein wenig zumindest. Von diesem Jahr an könnte der Sehnsuchtsort nicht in Berlin, sondern in Frankreich liegen, in Justiniac, einem kleinen Dorf am Fuße der Pyrenäen, 1600 Kilometer von Hamburg entfernt. Die Hügel dort sind sanft, die Bergbäche klar. Die Luft ist gut, noch besser ist der Wein. Für dieses alte Schloss mit schiefen Treppen und himmelblauen Fensterläden schreibt die Stadt Hamburg in diesem Jahr vier Stipendien aus, alle Künstler und Schriftsteller der Stadt können sich bewerben.

Soll man sich freuen über diesen magischen Ort, den die Stadt für ihre Kulturschaffenden gefunden hat? Soll man die Kulturbehörde beglückwünschen, dass sie hier, im Süden Frankreichs, Künstler fördert, obwohl sie zu Hause eine ganze Kunstszene vertrocknen lässt? Soll man einen Einzelfall beklatschen, obwohl die Gesamtsituation zum Heulen ist?

Man kann nicht anders, wenn man einmal auf der Terrasse des Château de Justiniac gesessen hat, die Sonne im Gesicht, die schneebedeckten Berge im Blick. Wenn man durch den Schlossgarten spaziert ist, vorbei an wildem Wein und schillernden Platanen. Wenn man im Salon gesessen, wenn man gehört hat, wie die Dielen knarzen und draußen die Hummeln summen. Hier, im Schloss Justiniac, ist es so ruhig und abgeschieden, dass man die Welt vergessen kann. Sogar die Hamburger Kulturpolitik.

Seit Jahren klagen Hamburgs freie Künstler, dass ihnen hier die Perspektive fehle. Egal ob Schriftsteller oder bildende Künstler, Schauspieler oder Regisseure – wer nicht an einem großen Haus beschäftigt ist oder so etabliert, dass er auf öffentliche Förderung verzichten kann, hat es in Hamburg schwer. Schwerer als anderswo.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Zwei Millionen Euro zahle die Stadt Hamburg in diesem Jahr für die freie Kulturszene, schätzt Barbara Schmidt-Rohr vom Hamburger Dachverband freie darstellende Künste. Der Sprecher der Kulturbehörde hält das für untertrieben. Wie viel die Stadt den freien Künstlern wirklich zahlt, kann er allerdings auch nicht sagen. In Berlin sind es etwa zehn Millionen – und wenn Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner seine Versprechungen wahr macht, soll der Betrag bis 2018 auf 20 Millionen ansteigen. Nicht nur Berlin hat mehr zu bieten für seine Künstler: München gibt für seine freien Theater etwa doppelt so viel Geld aus wie Hamburg.

Hamburg dagegen spart. Anfang Februar gab die Kulturbehörde bekannt, dass die Projektförderung für die darstellende Kunst nur noch 565.000 Euro betragen werde – etwa 60.000 Euro weniger als im Vorjahr. Dabei hatte Kultursenatorin Barbara Kisseler bei der letzten Verteilungsrunde erklärt, sie werde versuchen, "die Förderungen, insbesondere auch für die freie Szene, zu verbessern". Der Sprecher der Kulturbehörde sagt zwar, es werde noch nachgebessert. Der schlechte Ruf aber bleibt.

In Hamburg zu leben sei ein "Standortnachteil", schreibt der Dachverband freie darstellende Künste, die Fördermöglichkeiten seien "vollkommen unzureichend". Längst hätten die meisten Künstler die Stadt verlassen, "um in Berlin und ganz Europa ihre wohlverdienten Früchte zu ernten". Selbst dort, wo es in letzter Zeit keine großen Kürzungen gab, wandern Talente ab, in der bildenden Kunst zum Beispiel. "Die meisten jungen Leute gehen weg aus der Stadt", sagt eine Kuratorin, die anonym bleiben möchte. "Weil Hamburgs Szene nicht international genug ist und inhaltlich zu wenig interessant."

In anderen deutschen Städten werden freie Künstler sogar vor Hamburg gewarnt: Florian Malzacher, Leiter des renommierten Impulse-Festivals im Rheinland und Ruhrgebiet, findet: "Dass ausgerechnet Hamburg – eine Stadt aus der viele wichtige Künstler kommen, aber sie auch aus genau solche Gründen oft dann auch verlassen – derart fatale Zeichen setzt, ist mehr als ärgerlich."

Das Stipendium, das die Stadt Hamburg jetzt in Justiniac im Süden Frankreichs ausschreibt, wiegt die Versäumnisse nicht auf. Kann es gar nicht, so klein wie es ist. Aber es ist ein Zeichen, dass es gelingen kann, mit wenigen Mitteln Anreize zu schaffen: Zwei Autoren und zwei bildenden Künstlern will die Stadt im Juni und September je einen Monat lang die Miete im Schloss und einen Zuschuss von 1000 Euro zahlen.

Sie macht damit zu ihrer Sache, was fast schon Tradition hat. Seit einigen Jahren zieht es Hamburger Künstler nach Justiniac. Künstler mit Liebeskummer, Künstler mit Schreibblockaden, Künstler mit Texten, Liedern und Ideen im Kopf, die sie hier in der Sonne Südfrankreichs aufgeschrieben haben. Die Schlossherrin Jeannette Corbeau, Fotografin und gebürtige Hamburgerin, hat ihnen ein Zuhause gegeben. Der Hamburger Liedermacher Gisbert zu Knyphausen hat in Justiniac am Klavier gesessen, Tino Hanekamp, Autor und Mitgründer des Clubs Uebel & Gefährlich, hat hier an seinem zweiten Roman geschrieben. Die Autorin Nora Gantenbrink schrieb im Turmzimmer des Schlosses Kurzgeschichten, der Regisseur Jan-Ole Gerster (Oh Boy) arbeitete hier am Drehbuch für seinen neuen Film. Sie alle kamen als Freunde oder als Freunde von Freunden ins Schloss. Jetzt soll es ganz offiziell zum Sommerdomizil für Hamburgs Künstler werden.

Die Schriftsteller sollen in der Suite des Schlosses wohnen, mit Blick auf die Pyrenäen. Im Vorzimmer steht ein Klavier, an den Wänden hängen Gitarren und Lauten.

Die bildenden Künstler sollen im Schlossturm leben, mit eigener Bibliothek und einem Atelier, dessen Fenster nach Süden zeigen.

Draußen gibt es einen Kräutergarten und ein Labyrinth aus Buchsbaumhecken, es gibt Katzen und Ponys. Wer will, kann Holz hacken und Rosen verschneiden, kann über die Dörfer und Bauernmärkte der Ariège spazieren. Die Türen im Schloss sind aus Holz, manche schon 400 Jahre alt. Meist stehen sie offen. Wer will, macht sie zu und ist allein.

Justiniac ist leiser als Berlin und wärmer. Das Beste aber ist: Wer aufs Schloss geht, zieht nicht weg. Sondern kehrt nach Hamburg zurück.