Rose Egger, die einmal Ronggruang Chapoomram hieß, dankt Buddha, bevor sie sich die Körper ihrer Kunden vornimmt

Es war insgesamt doch ein weiter Weg hierher, aber jetzt steht da Rose Egger, die einmal Ronggruang Chapoomram hieß, barfuß, auf dem Rücken eines nackten deutschen Mannes, seine helle Haut unter ihren braunen Füßen. "Du ganz gesund, ja", sagt Rose, und schaut auf ihn herab. "Du mach viel Sport?" Der Mann grunzt.

Ein Freitag, 11.15 Uhr in der Hamburger Innenstadt, ABC-Straße, Rose’s Thai Organic Spa. Der Deutsche, ein junger Mann Mitte 30, ist Kunde. Er zahlt. 75 Euro dafür, dass Rose auf ihm herumturnt: traditionelle Thai-Massage.

In jeder Hand hat Rose einen Gehstock aus thailändischem Ebenholz, die Stöcke zur Balance rechts und links auf dem Boden abgestützt, geht sie auf dem Kunden spazieren. Sie drückt ihre Zehen in die Muskulatur zwischen Rückgrat und Schulterblättern, die Haut des Kunden verfärbt sich rötlich, Rose lässt sich in einer fließenden Bewegung auf die Knie herab, legt die Krücken beiseite, schiebt dem Mann ihre Schienbeine in den Nacken. "Ausatmen", sagt Rose, der Kunde ringt um Luft. Im Hintergrund läuft Meditationsmusik.

Später wird Rose über ihn sagen, der sei eine Ausnahme gewesen, vergleichsweise fit, nur ein bisschen verspannt im Schulterbereich, aber das ist ja der Standard, Volkskrankheit, da zwackt es bei den meisten Deutschen, weil sie zu viel sitzen, weil die Deutschen, aber das würde Rose so direkt wahrscheinlich nie sagen, ihre Körper nicht achten. Eigentlich, sagt Rose, sei Thai-Massage eine Prävention, aber die Leute kommen immer erst in die ABC-Straße, wenn der Körper schon spackt, Migräne, Unbeweglichkeit, Ziehen aus dem Rücken bis in die Hände hinein, chronisch, Stress, der sich bis in die Knochen gefressen hat.

Bundesweit gibt es laut Schätzungen mindestens zweitausend Thai-Massage-Studios, Tendenz steigend. Eine neue Welt stiller Dienstleisterinnen, ebenso fremd wie unaufdringlich. Die Deutschen schleppen sich in diese Studios hinein und gehen gerader wieder hinaus. Aber wer sind die Frauen, denen sie ihre Körper anvertrauen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Muskulöse Unterarme bis in die Finger

Man muss in einen Hof hinein, rechts das indische Restaurant, links das Studio von Rose, der Name in ein großes Stück Holz über dem Eingang geschnitzt. Da ist zunächst ein mildes Parfum in der Luft, Zitronengras, das Rose als Räucherstäbchen abbrennt, als Öl in Stövchen erhitzt. Hinter dem Empfangstisch ein großes Bild von einem goldenen Buddha. Wenn man so will, verhält sich dieses Studio zum winterlich grauen Hamburg wie die lächelnde Gottheit zum gemarterten Christus am Kreuz, das sind doch zwei ziemlich verschiedene Zugänge zum Leben. Im Studio ist es sanft, draußen hart. "Do more of what makes you happy " steht über dem Buddha, und darunter steht Rose, eine kleine Frau, Mitte 40, zurückhaltend geschminkt, die schwarzen, glatten Haare zu einem straffen Dutt gebunden, in einer Gymnastikhose wie eine Turnerin, und im Grunde ist Rose das ja auch. 52 Kilo, eine schmale Gestalt, ihre Unterarme aber muskulös bis in die Finger. Rose arbeitet körperlich und arbeitet schwer. Sie faltet die Hände zum Gruß und lächelt.

Die Kunden sollen sich gut fühlen, willkommen, "soll Liebe fühlen", sagt Rose. Sie bittet, die Schuhe auszuziehen, führt in einen der drei Massageräume, wo die Kunden sich ausziehen und in einen flauschigen Bademantel wechseln, bevor sie sich für eine Viertelstunde in die winzige Infrarotsauna setzen, wo sie vielleicht der Musik lauschen oder etwas ratlos auf die Musterung der Glastüre starren, während Rose in der Küche fuhrwerkt, einen Lappen in Wasser und Minzöl tränkt, ihn in der Mikrowelle erhitzt, Stufe vier, ehe sie den Pandanus-Tee in eine Kanne füllt, das Ganze, Lappen und Tee, auf einem kleinen Tablett arrangiert und noch eine Plastikblume darauflegt, um sich damit vor den Kunden hinzuknien wie in einem Akt der Demut.

Zwei Leute arbeiten in Rose’s Thai Organic Spa, Rose selbst und ihre Assistentin Berly, eine Philippina, die Rose mit größter Rührung "mein rekte Hand" nennt, und Berly sagt über Rose: "So gute Menschen trifft man fast nie." 25 Kunden massieren die beiden pro Woche, macht etwa 100 Handtücher, die gewaschen und gebügelt werden müssen, 25 Bademäntel, 12,5 Liter Tee, etwa fünf Wannen Obstsalat, eineinviertel Liter Massageöl, Routine für Rose und Berly, die nebenher natürlich das Studio blitzeblank putzen und einkaufen und Bilanzen und Steuer machen und so weiter, aber von der ganzen Arbeit soll der Kunde nichts mitkriegen, der kriegt ein Lächeln und ein Gegenüber, das mildes Wohlwollen ausstrahlt, denn genau das wird bei Rose verkauft.