DIE ZEIT: Herr Fliegenschmidt, Ihre Firma produziert Toiletten aller Art. Nun haben Sie ein Klo für Flüchtlingsunterkünfte entwickelt. Wieso brauchen wir denn so etwas?

Peter Fliegenschmidt: Weil viele Flüchtlinge mit unseren Toiletten wenig anfangen können. Die meisten von ihnen kommen aus Gegenden, in denen man – Pardon, dass ich das sage – sein Geschäft nicht etwa sitzend verrichtet, sondern hockend. Das hat in den Flüchtlingsunterkünften zu Problemen geführt. Und wir glauben, die Probleme mit unserer Toilette lösen zu können. Denn darauf kann man sowohl sitzen als auch hocken. Neben der Klobrille befinden sich Trittflächen.

ZEIT: Der Schmutz in den Sanitärbereichen der Unterkünfte sei bisweilen unerträglich, heißt es. Was ist das Problem?

Fliegenschmidt: Viele Menschen, vor allem aus dem arabischen Raum, sind unsere westlichen Toiletten eben nicht gewohnt. Einige kennen vor allem Latrinen, also Löcher im Boden, über die man sich hockt. Sie säubern sich außerdem mit Wasser statt mit Klopapier, was übrigens der Großteil der Weltbevölkerung so macht.

ZEIT: Inzwischen gibt es Anleitungen zur korrekten Nutzung von Sanitäranlagen, extra für Flüchtlingsheime. Reicht das nicht?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 09 vom 18.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Fliegenschmidt: Niemand lässt sich gern sagen, wie er aufs Klo zu gehen hat. Ich war schon einige Male im Orient. Die Hotels dort stellen sich auf unsere Bedürfnisse ein, es gibt Sitztoiletten extra für westliche Gäste. Ich denke, wir könnten uns auch ein wenig auf andere einstellen. Und: Man sollte die Macht der Gewohnheit nicht unterschätzen. Warum hocken wir nicht? Warum benutzen wir Klopapier? Weil wir es gewohnt sind. Wasser zu gebrauchen wäre jedenfalls effektiver und hygienischer. Wir sollten auch nicht den Fehler machen, uns kulturell überlegen zu fühlen. Unsere Sitztoiletten sind nicht die fortschrittlichsten! Selbst in den Vereinigten Staaten entwickelt sich gerade der Trend, sich übers Klo zu hocken. Und zwar aus gesundheitlichen Gründen. Im Sitzen, heißt es, klemme man den Darm ab.

ZEIT: Werden wir bald alle hocken?

Fliegenschmidt: Das glaube ich nicht. Aber ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung wird den Trend mitmachen. Wir produzieren die neue Toilette also auch für den Weltmarkt.

ZEIT: Sobald es um Flüchtlingsthemen geht, wird im Grunde alles kontrovers diskutiert.

Fliegenschmidt: Ja, das merken wir auch bei unserer Toilette. Das ist ein sehr schwieriges Thema. Ich muss mich oft rechtfertigen. Schnell kommen Neiddebatten auf: Warum kümmert ihr euch so um die Geflüchteten? Wenn es immer gleich um politische Grundsatzfragen geht, wird es schwierig für einen Unternehmer. Ein Kollege von mir, der Toiletten aus Beton herstellt, hat kürzlich in einem Interview erklärt, dass seine Klos in Flüchtlingsunterkünften stehen. Tags darauf klebten Pegida-Aufkleber an seiner Tür. Normalerweise ist unsere Branche sehr auskunftsfreudig, jeder teilt öffentlich mit, wem er was geliefert hat. Aber aus Angst vor Protest verschweigen einige Unternehmer inzwischen, wenn sie Flüchtlingsheime beliefern. Interviews zu geben ist brisant.

ZEIT: Warum reden Sie mit uns?

Fliegenschmidt: Weil ich hoffe, dass Ihre Berichterstattung mäßigend wirkt.

ZEIT: Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee zu Ihrer neuen Toilette?

Fliegenschmidt: Es gibt die Idee schon lange. Sie glauben ja gar nicht, was zu Toiletten alles geforscht wird! Das Modell jedenfalls hat die Industrie-Designerin Sabine Schober 2012 gemeinsam mit der TU Hamburg-Harburg entworfen. Wir haben uns daran orientiert.

ZEIT: Verkauft sich die Toilette gut?

Fliegenschmidt: Sie ist gerade erst produktionsreif geworden. Bei der nächsten Messe stellen wir sie vor. Und künftig, denke ich, kann sie nicht nur in Flüchtlingsunterkünften, sondern auch anderswo nützlich sein. Meine Firma produziert ja mobile Toiletten, also Dixi-Klos. Die finden Sie bei Großveranstaltungen, von der Papstmesse bis zum Rockkonzert, genauso wie zum Beispiel auf Baustellen. Dort arbeiten überproportional viele Zuwanderer, die vielleicht auch lieber hocken. Außerdem stellen wir jetzt eine Art Hocker her, den man vor eine gewöhnliche Toilette stellen kann.

ZEIT: Am liebsten würden Sie außerdem aus Fäkalien Humus machen, haben Sie anderswo gesagt. Das klingt ein wenig sonderbar.

Fliegenschmidt: Warum denn? Es wäre sinnvoller, wenn wir unsere Fäkalien nicht ins Abwasser leiteten, sondern kompostierten. Zudem werden die Vorräte an Phosphaten auf der Erde höchstwahrscheinlich früher ausgehen als die Vorräte an Öl oder Gas. Wir brauchen anderes, natürliches Düngemittel. Daran wird weltweit geforscht. Kaum eine Uni beschäftigt sich nicht mit Toiletten. Bill Gates hat Millionen Dollar für die Toilettenforschung gespendet.

ZEIT: Es gibt eine Toilettenforschung?

Fliegenschmidt: Die Toilette ist nicht das Problem, aber das Abwasser. In den meisten Gebieten der Erde ist Wasserknappheit ein großes Problem. Deshalb denke ich, dass das Wasserklosett eine Fehlentwicklung in der Zivilisation war. Aber was einmal zum Alltag gehört, das gibt man so schnell nicht wieder her. Hier sind wir wieder bei der Macht der Gewohnheit. Ich werde mich demnächst mit Professoren dreier Universitäten treffen. Gemeinsam wollen wir besprechen, wie die Toilette der Zukunft funktionieren kann. Und die Frage, ob man darauf hockt oder sitzt, die wird uns irgendwann lächerlich erscheinen.

ZEIT: Wieso bauen Sie nur mobile Klos?

Fliegenschmidt: In den achtziger Jahren, als ich anfing, war das noch eine Nische. 1995 ging ich von Wiesbaden nach Coswig in Sachsen-Anhalt, denn der Osten bot damals Vorteile: Die Immobilien und das Land waren günstig, es gab qualifizierte Leute, die Arbeit suchten. Und es gab wenig Konkurrenz, denn in der DDR hatte es gar keine mobilen Toiletten gegeben.

ZEIT: Was ist der neue Trend in Ihrer Branche?

Fliegenschmidt: Es ist wie überall im Leben: Der Trend geht zum Luxus. Bei Veranstaltungen können wir das erleben. Da gibt es manchmal Plastik-Toiletten, für deren Benutzung man nichts zahlen muss. Und Toiletten-Container, deren Benutzung 50 Cent kostet. Die Schlange bei den Containern ist länger.