Knapp zwei Jahre nachdem die Ukrainer ihren korrupten Präsidenten Viktor Janukowitsch davongejagt haben, überlebt die erste demokratisch gewählte Post-Maidan-Regierung ihre schwerste politische Krise: Sie bleibt im Amt. In Zeiten von Krieg, Beinahe-Bankrott und ausgesetzten IWF-Zahlungen klingt das nach einer beruhigenden Nachricht. Noch mehr Chaos, mehr Unberechenbarkeit und damit die nächste Katastrophe scheinen abgewendet. Und doch ist diese neue Stabilität eine Scheinstabilität.

Es gehe so nicht weiter mit dem Stillstand und den politischen Streitereien, sagte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko am Dienstag und forderte seinen Premier zum Rücktritt auf; die Regierung hätte das Vertrauen des Volkes verloren. Als träfe ihn, den Präsidenten, keine Schuld am Versagen der fast Gestürzten – immerhin ist seine Partei in der Regierungskoalition.

Nun stehen sich zwei Politiker gegenüber, die fortan auch offiziell Gegner sind, die weiterhin das Land regieren müssen. So mancher wird sich an die politische Blockade in den Jahren nach der Orangenen Revolution von 2004 erinnert fühlen, als der damalige Präsident und seine Premierministerin Julija Timoschenko an der Macht waren.

Da habt ihr es! Wir haben es immer gewusst!, werden jene unken, die von dem ukrainischen Scheitern schon überzeugt waren, bevor das Land überhaupt eine Chance hatte. Doch was die Regierung in weniger als anderthalb Jahren erreicht hat, bleibt erstaunlich. Die Zeiten, in denen an jeder Ecke ein Verkehrspolizist die Hand aufhielt, sind dank der Polizeireform vorbei. Die Steuern wurden reformiert. Öffentliche Ausschreibungen kann man jetzt online einsehen. Das klingt nicht nach viel, aber in einem Land, das vor zwei Jahren den Aufbruch gewagt hat und von einem Krieg zerrieben wird, ist es ein Anfang.

Zu verdanken ist dieser Anfang vor allem einzelnen Politikern. Mehrere Ausländer nahmen schnell die ukrainische Staatsbürgerschaft an, um Minister werden zu können. Vom alten System Unbefleckte werden dringend gebraucht. Die Polizeichefin: eine Georgierin. Die Finanzministerin: Kind ukrainischer Eltern, aber in Amerika aufgewachsen. Der Wirtschaftsminister: ein Litauer, der mit seinem kürzlichen Rücktritt die Regierungskrise erst ausgelöst hatte. Er gab auf, weil der Präsident zweifelhafte Wegbegleiter in wichtige Positionen brachte, die öffentliche Mittel zu kontrollieren versuchen. Das alles prangerte der Wirtschaftsminister offen an, als er sich entschied, aufzugeben.

Lesen Sie auch das Interview mit der ukrainischen Finanzministerin Natalija Jaresko im Wirtschaftsteil dieser Ausgabe.

Dieses Jahr wird womöglich entscheidend sein für die Ukraine: Jetzt wird sich zeigen, ob das Land die Reformen durchzieht oder scheitert. Ob die Parteifinanzierung transparent gemacht wird, monopolistische Strukturen aufgebrochen werden und der politische Einfluss der Oligarchen beschnitten wird. Das Misstrauensvotum, mit dem die ukrainischen Parlamentarier am Dienstag scheiterten, löst im besten Falle ein politisches Erwachen aus.

Dass Präsident Petro Poroschenko so tut, als habe er mit dem Vertrauensverlust nichts zu tun, ist allerdings entmutigend. Poroschenko, der unter dem gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch Wirtschaftsminister war, bevor er seine Liebe für die Freiheit und Reformen entdeckte, hat noch immer nicht sein mächtiges Unternehmen verkauft. Er weigert sich ebenfalls, seinen privaten TV-Sender abzustoßen. Es wäre Symbolpolitik, mag sein. Aber wer sich für Symbolik zu schade ist, wird wohl kaum mit mächtigen Geschäftsfreunden brechen, die in der Politik mitmischen.

Wut und Ungeduld angesichts der schamlosen Korruption trieben die Ukrainer damals auf die Straße. Jetzt ist die Wut wieder da. Das System löst sich nicht durch einen Aufstand auf, und der Kampf der Ukrainer hat, so gesehen, erst nach dem Maidan begonnen. Er findet jetzt statt – und zwar nicht nur im Osten der Ukraine, wo noch immer gekämpft wird, sondern auch in dem Regierungsgebäude in Kiew, von dem nur ein paar Minuten Fußweg entfernt im Februar 2014 Scharfschützen Demonstranten hinrichteten. Wer die Täter waren, ist bis heute noch ungeklärt – die Ermittlungen werden verschleppt.