Will einiges geraderücken: Kay Stöck, bis Ende Januar Schulleiter in Hamburg-Wilhelmsburg © Philipp Schmidt für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Herr Stöck, freuen Sie sich auf den Ruhestand?

Kay Stöck: Ehrlicherweise, ja. Ich werde die Schüler, meine Kollegen und den Trubel vermissen, aber zuletzt hat mich vieles genervt. Als Schulleiter ist man inzwischen so mit Verwaltungskram beschäftigt, dass für die Schule kaum Zeit bleibt.

ZEIT: Sie waren zehn Jahre lang Leiter der Stadtteilschule Stübenhofer Weg, im Schatten der Sozialbausiedlung Kirchdorf Süd in Wilhelmsburg. Ist das eine Brennpunktschule?

Stöck: Ach, dieser Begriff stigmatisiert nur. Die Schüler, die hier leben, sind unsere Schüler. Natürlich ist das hier nicht Blankenese. In vielen Familien wird zu Hause nicht Deutsch gesprochen, 60 Prozent leben von Hartz IV. Wir haben viele Schüler mit Erziehungsdefiziten, Verhaltensauffälligkeiten, Wissenslücken, Sprachproblemen. Die Kinder sind aber nicht dumm. Sie benötigen nur mehr Unterstützung als Kinder in wohlhabenderen Gegenden.

ZEIT: Es gibt besorgniserregende Zahlen: Mehr als zehn Prozent der Hamburger Fünftklässler können nicht ausreichend lesen und rechnen. In der neunten Klasse hat fast der gleiche Anteil immer noch immense Probleme in Deutsch und Mathe.

Stöck: Das stimmt leider. Bei uns geht nach der zehnten Klasse etwa ein Drittel der Schüler auf weiterführende Schulen, ein Drittel beginnt eine Ausbildung, aber ein Drittel landet in der Ausbildungsvorbereitung. Das klingt nett, heißt aber: Jeder dritte unserer Abgänger ist nicht auf einem Niveau, mit dem ihn ein Ausbildungsbetrieb oder eine weiterführende Schule nehmen würde.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Sie versagen also bei jedem dritten Schüler?

Stöck: Wenn Kinder am Ende der zehnten Klasse nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen können, haben wir versagt, ja. Es tut weh, das zu sagen. Wir machen offenbar für zwei Drittel unserer Schüler etwas richtig. Aber um das unterste Drittel müssen wir uns stärker kümmern. Das ist übrigens ein Problem der gesamten Bildungspolitik – das zeigen auch die gerade veröffentlichten Pisa-Auswertungen.

ZEIT: Die Stadtteilschulen in Hamburg wurden extra eingeführt, um die Zahl der Schulversager zu reduzieren. Sind die Stadtteilschulen gescheitert?

Stöck: Darüber streitet die Stadt jedes Jahr, wenn die Anmeldezahlen veröffentlicht werden. Auch dieses Jahr haben wieder mehr Eltern ihre Kinder an Gymnasien angemeldet – und weniger an Stadtteilschulen. Das Absurde daran ist: Die stärkeren Schüler haben an Stadtteilschulen gar keine Schwierigkeiten, die lernen laut den Leistungstests bei uns sogar deutlich mehr als auf manchem Gymnasium. Unser Problem sind die schwächsten Schüler. Die machen zwar inzwischen oft einen Abschluss – aber fragen Sie nicht, wie. Darüber redet keiner.

ZEIT: Warum erreichen Sie diese Schüler nicht?

Stöck: Die Frage quält mich, seitdem ich Schulleiter bin. Natürlich kann man leicht sagen, es liegt an den Elternhäusern. Einige Schüler machen von klein auf die Erfahrung, dass Anstrengung ein Fremdwort ist: Papi strengt sich nicht an, Mutti strengt sich nicht an, warum soll ich mich anstrengen? Wir als Mittelstandsmenschen können uns oft nur schwer vorstellen, wie es in manchen Familien aussieht.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Stöck: Schauen Sie sich mal an, wie Eltern mit ihren Kindern durch den Stadtteil laufen. In Eimsbüttel werden Sie sehen, wie die Eltern ihren Kindern dauernd etwas zeigen und erklären. Hier sehen Sie das nicht.

ZEIT: Hirnforscher sagen, je mehr Anregungen Kinder kriegen, desto lernfähiger werden sie.

Stöck: Genau. Vielen unserer Schüler fehlt das. Viele Kinder hier haben auch nie gelernt, mit Emotionen umzugehen. Und manchmal können es die Eltern selber nicht: Eine Kollegin hat erlebt, dass sich eine Mutter im Gespräch vor Wut auf den Boden geworfen hat. Eine Mutter!

ZEIT: Wie viele Schüler an Ihrer Schule sind verhaltensauffällig?

Stöck: Wir haben zurzeit 670 Schüler, davon machen uns etwa 20 richtig große Sorgen. Die halten sich an keinerlei Regeln. Die kleinste Kritik bringt sie zur Weißglut. Hinzu kommen ganz normale Störer, auch die stellen uns vor große Herausforderungen. Wir Pädagogen sind für viele unserer Schüler die ersten konstanten Bezugspersonen. Manchmal sogar Elternersatz. Aber es wäre zu einfach, zu sagen, das liegt nur an den Eltern. Auch die Schule macht viel falsch – im Kern arbeiten wir noch genauso wie vor 50 Jahren, das funktioniert einfach nicht für solche Kinder. Aber darüber wird geschwiegen – das ist eine fatale Entwicklung hier in Hamburg.

ZEIT: Fatal ist vor allem, dass Schulleiter und Lehrer nicht öffentlich über Probleme reden wollen.

Stöck: Weil alle Angst haben, dass darunter ihre Schule leidet. Wenn einer in der Presse über Schattenseiten spricht, heißt es nachher: Wenn ihr solche Probleme habt, könnt ihr denn überhaupt eure Schule empfehlen? Das nervt.