Standing Ovations im großen Haus? Sind für alle Beteiligten immer herrlich, kommen in Hamburgs Staatstheatern aber äußerst selten vor. Das Hamburger Kulturbürgertum lässt sich nicht so leicht von den Sitzen reißen.

Anfang Februar geschah es trotzdem: Karin Beier hatte Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung adaptiert. Allein auf weiter Bühne kämpfte sich Edgar Selge durch den grantig-obszönen Monolog des französischen Literaturprofessors François. Ein Kraftakt und eine Glanzleistung. Nahezu geschlossen erhob sich das Premierenpublikum im Schauspielhaus aus den roten Polstern und jubelte dem Hauptdarsteller zu. Als Selge dann auch in der Kantine von den Gästen der Premierenfeier frenetischen Applaus bekam, war man in Hamburger Feuilletonistenkreisen doch überrascht. "Das hat es seit zehn Jahren hier nicht gegeben", raunte ein Kollege, der keine Premiere im Schauspielhaus verpasst hat.

Unmittelbar nach der samstägigen Premiere setzte der Run auf die Karten ein, am Montag früh waren alle Karten bereits weg. Für alle Aufführungen bis April.

"Das war ein regelrechter Ansturm", sagt Pressesprecher Nils Wendtland. Zusatzvorstellungen wurden angesetzt, die auch gleich wieder ausverkauft waren. Im Grunde könnte das Schauspielhaus derzeit jeden Abend die Unterwerfung aufführen, an Wochenenden mit zusätzlicher Nachmittagsvorstellung. Alle anderen Schauspieler könnten Däumchen drehen. Geht aber natürlich nicht, sagt der Pressesprecher: "Wir haben ja ein reiches, vielseitiges Repertoire, das wollen wir auch zeigen."

Hamburg liebt also die Unterwerfung. Wie kann das sein? Weil für alle etwas dabei ist! Auf der Bühne gibt es kein postdramatisches Diskurstheater, in dem sich die Schauspieler an Plot-freien Textflächen abmühen, keinen fünfstündigen Regietheaterwahnsinn, der sich zusammensetzt aus Deleuze-, Shakespeare- und Rambo III -Fetzen. Wer endlich mal wieder einen kulinarischen Theaterabend mit großem Bühnenbild und einem Premiumschauspieler sehen will: Bitte sehr!

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Edgar Selge liefert ab – und zwar auf allerhöchstem Niveau. Zweieinhalb Stunden bangt und barmt und flucht und zetert und schwitzt und spottet er, turnt auf einem sich drehenden riesigen hohlen Kreuz herum und erzählt dabei, ja selbst das ist unterhaltsam, von Analsex mit jungen Studentinnen.

Edgar Selge ist famos. Der eigentliche Grund für den Ansturm könnte aber noch anders motiviert sein: Unterwerfung ist ein Text, den sich jeder, gleich welcher Gesinnung er ist, als Bestätigung für seine ganz persönliche Weltsicht auslegen kann.

Im Verlauf des Abends kommen sowohl AfD-Sympathisanten als auch ihre ärgsten Feinde (Gutmenschen) auf ihre Kosten. Erstere können sich an einer Anti-Utopie erfreuen, die ihre finstersten Überfremdungsfantasien aufs Allerschönste auspinselt: das Land in den Fängen der Muslime und Kameltreiber, die unsere Frauen in eine Schleiereulen-Existenz zwingen. Endlich spricht’s mal jemand aus!

Quatsch, entgegnet das linksliberale Stammpublikum, ihr habt wohl nicht gemerkt, dass der Houellebecq eure Ängste ganz böse-sarkastisch bloßstellt! Weil dieser François, dieser frauenfeindlich-misanthropische Wohlstandsasoziale sich nämlich nach Strich und Faden korrumpieren lässt und sich für ein bisschen Polygamie im Villenviertel dem islamistischen Regime an den Hals wirft.

Michel Houellebecqs "Unterwerfung" - Eine tragische Satire gegen Europa in seiner jetzigen Verfassung In seinem Zukunftsroman "Unterwerfung" erzählt Michel Houellebecq von einem islamischen Frankreich im Jahr 2022. Ist dieses vieldiskutierte Buch nach den schrecklichen Anschlägen von Paris eine Warnutopie?