Die Fakten kann man wissen. Unergründlich ist das Leid. Die Hölle von Verdun begann am 21. Februar 1916 um 7.15 Uhr mit neunstündigem Artillerie-Trommelfeuer aus 400 deutschen Batterien. Die Schlacht währte 300 Tage und ergab einen taktisch-moralischen Sieger. Frankreich verhinderte den deutschen Durchbruch nach Verdun und gen Paris. 162.000 Franzosen und 143.000 Deutsche verloren ihr Leben. Traditionell "gefallen" war die Minderheit. Die meisten wurden gesprengt, verhackstückt, zersuppt, pulverisiert.

Verdun war die erste "Materialschlacht" der Menschheitsgeschichte, ein kriegsmaschinelles Gemetzel zwecks Massenvernichtung. Der deutsche Oberbefehlshaber Erich von Falkenhayn behauptete später, er habe die "Blutpumpe" ansetzen wollen. Es gab ja mehr Deutsche als Franzosen. Unerforschlich bleibt auch die seelische Verrottung solcher Militärs.

Verdun lässt sich nicht leichtherzig besuchen. Die Stadt ist mit der Schlacht verschmolzen. Am Ufer der Maas schreit Rodins riesige Plastik La Défense. Grabenkämpfer zieren die Säulenkapitelle der Kathedrale Notre-Dame. An der Stadtmauer schließen fünf Streiter – Artillerist, Kavallerist, Infanterist, Kolonialsoldat und Landwehrmann – die Bresche des Vaterlands mit Leibern aus Fels. 73 Stufen über der Rue Mazel wacht, gestützt aufs Schwert, der Siegesrecke, flankiert von zwei Geschützen. Sie zielen auf jene Höhen, an denen der Aggressor zerbrach. Verduns Sieg ist Defensive. ON NE PASSE PAS! – Niemand kommt durch!

Das stimmte 1916 – nicht davor und nicht danach. Geschichte kennt keine endgültigen Zustände. Im Krieg von 1870/71 besetzten die Deutschen Verdun. Frankreich verlor Elsass-Lothringen, mithin seine Schutzlinie des rheinischen Westufers. In der Folge baute es landeinwärts massive Verteidigungsanlagen, auch den Gürtel aus Sperrforts und Panzerfesten vor Verdun, der im Grande Guerre widerstand. 1940 dann paradierte die Wehrmacht durch die Stadt. Marschall Pétain, der Triumphator von 1916, unterwarf sich Hitler als Vasallen-Premier zu Vichy.

Im Beinhaus von Douaumont liegen 130.000 Tote

Gedenken kennt nur endgültige Zustände. Es versteinert Geschichtsmomente. Gewaltige Opfermale erheben sich aus der geschundenen Landschaft rechts und links der Maas. 40 französische Soldatenfriedhöfe decken das Departement Meuse, 29 deutsche. Aus dem Schlachtfeld ragt wie ein titanischer Schwertgriff das Beinhaus von Douaumont. Es birgt die Knochen von 130.000 Toten. Davor liegen 16.142 identifizierte französische Soldaten. In Sichtweite befindet sich das Memorial du Verdun, Gedenkort und Museum. Seit 2013 war es geschlossen. Zum 100. Jahrestag der Schlacht öffnet es sich neu, mit einer generösen Botschaft: Frankreich opfert seinen Sieg dem Frieden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Wir dürfen schon vorher kommen. Lothringen im Februar. Wetter wie vor hundert Jahren, als Schlamm und Regen den deutschen Angriff Tag um Tag verschoben. Wir passieren das Denkmal für den Kriegsminister André Maginot, dann den verwundeten Löwen beim Fort de Souville. Fünf Kilometer nordöstlich von Verdun erscheint im Nebel ein Geschütz, dahinter ein Betonkubus mit gläserner Haube. Das Obergeschoss ist neu, der Direktor auch.

Thierry Hubscher ist Pariser, geboren 1952. Er sagt: Ich wurde zum Hass auf die Deutschen erzogen. Mein Großvater lag zweimal vor Verdun. Natürlich gab es auch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs.

Was bedeutet Verdun den Franzosen?

Den Inbegriff des Schreckens. Verdun – das fasst den Ersten Weltkrieg in ein Wort. Historiker sagen, die Schlacht sei unnötig gewesen. Aber sie hob die französische Moral. Frankreichs Truppen unterlagen einem Rotationsprinzip. Mehr als 70 Prozent der Soldaten wurden mindestens einmal für acht bis zehn Tage an diese Front geschickt. So betraf Verdun fast jede französische Familie.