Waffengeschäft in Hamburg © Axel Heimken/dpa

Das deutsche Waffengesetz wird verschärft, hieß es nach dem Amoklauf eines Sportschützen 2009 in Winnenden. Verschärft? Die Tatwaffen der Sportschützenmassaker von Winnenden, Erfurt (2002) und Utøya (2011) – immerhin halbautomatische Pistolen – sind bis heute für deutsche Schützen legal verfügbar. Mehr als sechzig Menschen sind seit März 2009 mit Waffen von Sportschützen getötet worden. Fünfmal so viele wie in Winnenden.

Nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015 hat die EU-Kommission einen Vorschlag zur minimalen Verschärfung des europäischen Waffenrechts gemacht. Gewehre, die aussehen wie vollautomatische Kriegswaffen, sollen verboten werden. Halbautomatische Militärpistolen hingegen sollen für private Zwecke weiterhin erlaubt sein. Geplant ist eine zeitliche Beschränkung der waffenrechtlichen Erlaubnisse auf fünf Jahre. Zudem sollen Antragsteller vor der Erteilung der Waffenerlaubnis und auch regelmäßig danach medizinisch untersucht werden.

Diese Forderung zeuge "von einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber dem einzelnen Sportschützen", so der Deutsche Schützenbund in seinem Protestschreiben. Auch das Verbot "halbautomatischer Schusswaffen, die vollautomatischen ähnlich sehen", lehnt der DSB entschieden ab. Der private, legale Waffenbesitz berge "keinerlei Gefahr für die innere Sicherheit". Die EU-Pläne richteten sich gegen die "überdurchschnittlich rechtstreue Gruppe der legalen Waffenbesitzer", insbesondere die Sportschützen seien davon betroffen.

Überdurchschnittlich rechtstreu? In den drei führenden deutschen Zeitschriften für Legalwaffen-Besitzer lässt sich nachlesen, was Waffenlobbyisten von einem verschärften Waffenrecht und dem Gewaltmonopol des Staates halten. "So wehren Sie sich gegen die Pläne aus Brüssel!", heißt es auf der Titelseite von Visier (Heft 1/2016). Daneben das Großfoto eines Pump-Action-Gewehrs "auf AR-Basis". Unter der Überschrift "Wollt Ihr uns verarschen?" warnt Chefredakteur Matthias Recktenwald im Editorial vor dem Halbautomaten-Verbot und "weiteren drastischen Verschärfungen". Diese machten "einen Großteil des Marktes platt", schafften etliche Sportdisziplinen ab und schränkten diverse Grundrechte ein. In einem "Essay" formuliert der Chefredakteur "einige möglicherweise provokant klingende Thesen". Erstens: "Der Staat kann innere Sicherheit nicht gewährleisten." Daraus folgt zweitens: "Die Wehrhaftigkeit des Bürgers muss sich erhöhen." Also "Bürgerbewaffnung", denn die Bürger "müssen erkennen, dass sie den Schutz ihres Lebens nicht allein dem Staat überlassen können".

Angst - Ein Besuch im Waffenladen Pfefferspray und Schreckschusspistolen sind gefragt wie nie. Decken sich die Deutschen mit frei verkäuflichen Waffen ein?

Unter Punkt drei wird’s noch konkreter: "Gegebenenfalls müssen die Bürger die Rolle der Polizisten wahrnehmen", meint Chefredakteur Recktenwald und fordert "passende Regelungen für Waffentrage-Erlaubnisse", die so schnell wie möglich "unbescholtenen Bürgern Recht und Mittel zur Notwehr zugestehen". Daneben eine große Anzeige für ein halbautomatisches Gewehr, BD 38, einen Nachbau der berüchtigten Nazi-Maschinenpistole – für 3200 Euro.

Nach dem Grundschulmassaker in Newtown (26 getötete Kinder und Lehrer) hatte Visier-Chefredakteur Matthias Recktenwald 2012 klargestellt: "All das moralische Getue ist nun freilich nichts, was uns die Freude am Hobby nehmen sollte."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 18.2.2016.

Auch Caliber-Chef Stefan Perey fordert im Editorial (Heft 1/2016), "den legalen Waffenbesitz in der Zivilbevölkerung zu liberalisieren, weil der Staat ohnehin nicht mehr seine Sicherheitsaufgaben vollumfänglich erfüllen kann". Doch statt der "Erlaubnis zum verdeckten Tragen von Faustfeuerwaffen für Zivilisten" sei von ganz oben "die totale Entwaffnung geplant, damit wir gänzlich zu wehrlosen Opfern verkümmern".

Im Editorial des Deutschen Waffen-Journals (Heft 1/2016) ballert Chefredakteur Walter Schulz gegen "bizarre Verbote" kriegswaffenähnlicher Halbautomaten im Besitz von Sportschützen ("überaus rechtstreue Gruppe"). Die EU-Pläne seien perfide und diskriminierend. Ein paar Seiten weiter ein Testbericht über die "kleinkalibrige Spielart des weltberühmten Ostblock-Maschinenpistolen-Klassikers" Skorpion. Im Februar-Heft meint Herr Schulz, die EU-Kommission zeige "mit neuen Schikanen" wieder einmal ihre "antifreiheitliche Fratze". Und er ruft alle Waffenbesitzer auf, "sich der Bedrohung durch das europaweite Waffenverbot entgegenzustellen".

Im gleichen Heft fordert im Interview mit dem Chefredakteur die Vizevorsitzende der AfD, Beatrix von Storch, "eine Liberalisierung" des Waffenrechts: "Angela Merkel ist gerade dabei, unser Land nachhaltig zu destabilisieren. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt, das Waffenrecht zu verschärfen", meint die EU-Abgeordnete. Merke: Privatwaffenbesitzer stabilisieren das Land.

2012 hatte der Redakteur des Deutschen Waffen-Journals Timo Lechner einen möglichen Angriff auf die damalige Bundesvorsitzende der Grünen und Privatwaffengegnerin Claudia Roth mit den Worten kommentiert: "Wer so viel Gift versprüht, lebt eben gefährlich." (DWJ, Heft 5/2012)

In den USA fordern schwer bewaffnete Bürgermilizen die Bundesregierung heraus; in Österreich deckt man sich massenhaft mit Schrotflinten ein; auch die Deutschen bewaffnen sich zunehmend, und aus den Sprachrohren der deutschen Lobbyisten dröhnt es unverhohlen: An die Waffen!

Wenn wir hier nicht bald den Anfängen wehren, leben wir wirklich gefährlich.