Früher, als Maverick Shih noch ein kleiner Junge war und auf dem Hof hinter der Konzernzentrale Baseball spielte, war Acer ein zukunftsweisendes Unternehmen. Es baute, was die Leute haben wollten: PCs. So gut und so billig, dass Acer bald zum zweitgrößten Computerhersteller der Welt wurde. Zum Vorzeigeunternehmen von Taiwan.

Heute ist Acer abgehängt. Die Verkaufszahlen von PCs sind eingebrochen, die Kunden wollen Nachrichten nicht mehr vom Schreibtisch aus verschicken, sondern von unterwegs; sie wollen von überall auf Fotos und Musik zugreifen. Sie wollen keine Festnetzrechner, sondern Smartphones. Taiwans Computerriese droht, kaputt geschrumpft zu werden. Und er ist der Mann, der das verhindern soll: Maverick Shih.

Shih, 43 Jahre alt, groß, gut gekleidet und doch ein eher unauffälliger Mann, gilt bei Acer als Thronfolger, auch wenn er darüber nicht so gern redet. Er soll retten, was sein Vater, der Konzernchef Stan Shih, einst aufgebaut hat.

1976, da war Maverick Shih gerade mal drei Jahre alt, gründete der Vater das Unternehmen Acer und baute es zu einer internationalen Marke auf. Der Vater war ein taiwanischer Elektrotechniker aus ärmlichen Verhältnissen, das Geschäftemachen lernte er schon früh im Krämerladen seiner Mutter, wo er helfen musste, Eier zu verkaufen. Später studierte er und erfand in einer alten Garage seinen ersten Tischrechner. Acer war geboren.

Damals war der Computermarkt noch übersichtlich, mit einer Handvoll Unternehmen, die eine kleine Zahl von sehr großen und sehr teuren Maschinen produzierten. Acer krempelte diesen Markt um. Mit billigen Chips und supereffizienter Fertigung machte der Konzern den Computer massentauglich. Dank Acer kostete er bald nicht mehr 10.000 Dollar, sondern nur noch 1.000 Dollar. Der Acer-Rechner wurde zum Volkswagen der Computerbranche: ein guter, aber dennoch erschwinglicher Mittelklasserechner. Und Maverick Shihs Vater wurde zum Steve Jobs von Asien. Das Magazin Time wählte ihn unter die "Asian Heroes", die BusinessWeek unter die "25 Stars of Asia".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Und heute? Ist der Vater 71 Jahre alt. Der Sohn beerbt ihn in harten Zeiten. Maverick Shih ist 1,80 Meter groß, er überragt seinen Vater um einen Kopf. Er steht im Konferenzraum der Acer-Zentrale in Neu-Taipeh. Hier, im Tal des Keelung-Flusses im Norden der Insel, ballt sich die taiwanische IT-Industrie. Glastürme über Glastürme, rund 250.000 Unternehmen, viele davon Zulieferer. Keines ist im Ausland so bekannt wie Acer, der Firmenname steht oben an der Spitze des Büroturms in lateinischen Buchstaben geschrieben, zwischen all den anderen Türmen mit chinesischen Zeichen.

Die Möbel im Raum sind beige, an der Wand hängt ein Nachdruck von Monet. Shih blickt aus dem Fenster auf Hunderte Menschen, die gerade von der nahe gelegenen Xike-Station durch den Regen in die Glasturmwelt zur Arbeit strömen. "Ist das heiß", sagt er und dreht die Klimaanlage hoch. So heiß ist es gar nicht. Aber vielleicht ist Shihs Betriebstemperatur einfach ein bisschen höher als die gewöhnlicher Menschen. Er pendelt wöchentlich zwischen den USA und Taiwan, reist ständig um die Welt, an Weihnachten twitterte er vom Flughafen.