Am Ende des Gesprächs nennt er seine Bedingung für den Abdruck. Es gebe da noch einen Satz, der unbedingt vorkommen müsse. Der stehe eingerahmt im Zimmer seiner Frau Heike. "Lassen Sie sich ihn ruhig von ihr zeigen." Was kann jetzt noch kommen? Nach zwei Tagen Interview? Nach einem Jahrhundertbericht über Unfreiheit, Folter und Flucht aus der Colonia Dignidad: Die Sekte zwang ihn, ab 1961 in Chile ein hermetisch abgeriegeltes Lager mit aufzubauen, wo systematisch Menschen gequält wurden, auch er. Bis Wolfgang Kneese vom Opfer zur Gefahr für die Täter wurde: Dank ihm und seiner Frau wurde 2005 endlich der Lagerchef verhaftet. Kühl berichtet er heute davon, aber auch lachend und weinend. Nur jenen eingerahmten Satz spricht er nicht aus, vielleicht, weil der sentimental klingen könnte – wie aus dem Kinofilm Colonia Dignidad mit Daniel Brühl und Emma Watson. Er lautet: "Am Strand des Lebens findet man nur selten einen Edelstein wie dich, liebe Heike." Der Satz muss sein. Weil diese Fluchtgeschichte auch eine Liebesgeschichte ist.

DIE ZEIT: Herr Kneese, als Sie zwölf Jahre alt waren, schickte Ihre Mutter Sie in die Ferien in ein baptistisches Heim in dem kleinen Ort Heide bei Bonn. Später wurden Sie von dort nach Chile verschleppt. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie in eine gewalttätige Sekte geraten waren?

Wolfgang Kneese: Sofort. Am ersten Abend in Heide bestellte der Jugendpfleger Paul Schäfer mich in sein Zimmer und vergewaltigte mich – so wie er es jeden Abend mit mindestens einem Jungen tat. Bitte fragen Sie mich nicht nach Details. Einem indiskreten Chefredakteur habe ich Jahrzehnte später mal in einer Talkshow an den Kopf geworfen: Das Publikum ist intelligent genug, sich sexuellen Missbrauch vorzustellen. Ich entblöße mich nicht mehr.

ZEIT: Früher mussten Sie allerdings darüber reden. 1966 gingen Sie nach Ihrer Flucht direkt zur Presse und sagten auch bei der chilenischen Polizei aus. Haben Sie gar nicht gezögert?

Wolfgang Kneese: Nein. Ich nahm die Aussagen sehr bewusst auf mich. Denn es gab zu diesem Zeitpunkt niemanden auf der Welt, der Schäfers chilenisches Schreckensregime anklagen konnte. Also redete ich. Da war ich zwanzig Jahre alt. (langes Schweigen) Es war, als ob man meine Seele über ein Nagelbrett zieht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

ZEIT: Warum ist vor Ihnen eigentlich niemand aus dem Lager in Chile geflohen?

Wolfgang Kneese: Weil die meisten dem Sektenchef Paul Schäfer hörig waren. Sie wollten glauben, was er predigte: Anstand, Mildtätigkeit, Güte, Fleiß. Sie schufteten von früh bis spät, verzichteten auf jede Freude, weil sie das für gottgefällig hielten – und mehrten so die Macht eines kleinen Männerzirkels. Wer dem entfliehen wollte, riskierte sein Leben. Denn die Kolonie befand sich irgendwo in den Vor-Anden, wir mussten den Urwald roden und uns anfangs von wilden Kaninchen ernähren, der nächste größere Ort Parral war kilometerweit entfernt. Zu meiner Zeit gab es zwar noch keinen Stacheldrahtzaun, aber wir gossen Pfeiler für die Fundamente. Die Bewacher hatten schon Autos, Waffen, scharf abgerichtete Dobermänner und Schäferhunde. Wir bauten quasi unser eigenes Gefängnis.

ZEIT: Sie versuchten dreimal zu fliehen, schafften es sogar bis in die Hauptstadt Santiago, aber wurden gewaltsam zurückgebracht. Warum gelang Ihnen am Ende die Flucht?

Wolfgang Kneese: Weil ich nichts mehr zu verlieren hatte. Ich wusste, dass ich im Lager nicht mehr lange überleben würde. Zur Strafe für die ersten zwei Fluchtversuche wurde ich ja fast totgeprügelt. Einmal bekam ich mein Hemd kaum noch vom Körper, weil es vom vielen Blut ganz mit der Haut verklebt war. Außerdem wurde ich isoliert, hatte ein Jahr Redeverbot und durfte meine bewachte Zelle nur zum Arbeiten verlassen.

ZEIT: Hielten Sie sich an das Redeverbot?

Wolfgang Kneese: Ja, denn nach einer Woche funktioniert die Stimme sowieso nicht mehr richtig. Einmal sagte ich "Guten Tag", da gab es wieder Schläge mit dem Riemen. Außerdem musste ich Tabletten schlucken, die machten müde und schwindlig, dass sich der Fußboden wellte. Meine Konzentrationsfähigkeit war enorm reduziert, der Wille geschwächt. Man fühlte sich unfähig, einen Eimer Wasser umzuschubsen, aber wurde aufs Gerüst geschickt oder an eine Kreissäge mit mannshohen Sägeblättern. Ich habe dann eine Methode entwickelt, die Tabletten im Mund zu behalten und unauffällig auszuspucken. Als das aufflog, bekam ich Spritzen. Irgendwann hörte ich, wie meine Bewacher spekulierten, dass ich nicht mehr lange durchhalte. Das war der Auslöser zur dritten Flucht.