Eine Operation in einer deutschen Klinik © Oliver Berg/dpa

Traudel Schmieding* ist eine lebensfrohe und umgängliche Frau. Die Rentnerin führt ihren eigenen Haushalt und zieht im Garten Bohnen und Gurken. Kommt der Sohn oder die Tochter am Sonntag zu Besuch, steht ein Schnitzel oder ein Braten auf dem Tisch. Sogar ihre Steuererklärung erledigt die 84-Jährige noch selbst.

Traudel Schmieding ist aggressiv und beschimpft das Pflegepersonal. Am Tag will die Patientin kaum etwas essen, nachts schlurft sie orientierungslos über die Flure. Oft hat sie Probleme, die Toilette zu finden. Als sie einmal einen Papierkorb mit dem Klo verwechselt, wird Traudel Schmieding verlegt. Ihrer Zimmernachbarin ist die verwirrte Frau nicht mehr zuzumuten.

Eine Frau, zwei Zustände. Zwischen ihnen liegt ein Gartenschlauch, ein Sturz, eine Hüftoperation – sowie ein zweiwöchiger Aufenthalt in einem Kreiskrankenhaus nahe Stuttgart. Von Tag zu Tag sei es ihrer Mutter schlechter gegangen, erzählt die Tochter. "Am Ende habe ich sie nicht mehr wiedererkannt, sie war ein anderer Mensch", sagt Sybille Schmieding*. Als die Stuttgarter Lehrerin den Ärzten berichtet, wie ihre Mutter noch kürzlich allein, ohne Hilfe klargekommen sei, wollen sie es nicht glauben. Die Patientin gehöre in ein Heim.

Rund anderthalb Jahre ist das jetzt her. Traudel Schmieding lebt nicht im Pflegeheim, sondern wieder in ihren eigenen vier Wänden. Mithilfe ihrer Kinder hat sie sich gefangen. Ihre frühere Verfassung hat die alte Dame aber nicht zurückerlangt. Der Klinikaufenthalt, sagt die Tochter, habe ihrer Mutter einen "Schlag versetzt".

Was ist in den 14 Tagen passiert? Wie kann es sein, dass ein Mensch von den Krankenschwestern als "total dement" beschrieben wird, dem zuvor höchstens mal ein Wort nicht einfiel, der nur etwas vergesslich war? Und wie lässt sich erklären, dass von allen über 65-jährigen am Hüftknochen Operierten im ersten Jahr nach der OP ein Viertel verstirbt und ein Drittel die Selbstständigkeit verliert?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

"Delir" lautet die Antwort auf alle drei Fragen. So nennen Fachleute den Zustand starker Verwirrung nach einer Operation. Die Patienten verlieren das Zeitgefühl und wissen oft nicht, wo sie sich befinden. Oft sind sie in einem Moment streitbar, dann wieder ruhig und verständnisvoll. Mal haben sie Wahnvorstellungen, mal sind sie klar. Ein Delir lässt sich nicht mit Medikamenten behandeln. Eine geeignete Vorsorge hingegen kann ein Delir verhindern. Dafür jedoch brauchen Ärzte einen anderen Blick auf ihre Patienten und Kliniken neue Behandlungskonzepte. Denn die Zahl betagter Patienten steigt (siehe Kasten).

Schon die Römer kannten das temporäre Aus-der-Spur-Sein (Delirium) nach schweren Verletzungen oder Krankheiten. Später nannte man den Zustand "Durchgangssyndrom". Weil er bei Menschen ohne Vorbelastung nur nach schweren Operationen auftritt und meist rasch wieder verschwindet, galt er lange als kaum besorgniserregend.

Doch bei chronischen Kranken und Patienten mit kognitiven Defiziten wirkt sich die Bewusstseinsstörung völlig anders aus. Ihr Hirn gerät während und nach der OP so sehr unter Stress, dass dessen Folgen lebenslang spürbar bleiben. "Ein Delir kann den Krankenhausaufenthalt zu einem traumatischen Ereignis werden lassen", sagt Christine Thomas, ärztliche Direktorin am Klinikum Stuttgart und eine der Ersten in Deutschland, die sich dem Thema gewidmet hat.