Zwischen den vielen Artikeln und Sendungen zu Flüchtlingen, die seit Monaten die Berichterstattung in den Medien beherrschen, blieb kürzlich eine Meldung fast unbeachtet: "Deutschland wächst auf 82 Millionen." Anfang 2015 lebten in Deutschland etwas mehr als 81 Millionen Menschen, inzwischen sind es 700.000 mehr. Schnell ist man dann bei Begriffen wie Flüchtling oder Einwanderungswelle, über mittel- und langfristige Perspektiven findet man jedoch so gut wie nichts. Dabei zeichnen sich gerade langfristige Trends ab, die bisherige Annahmen zur Bevölkerungsentwicklung auf den Kopf stellen. Die Konsequenzen sind gravierend und führen zu größeren Herausforderungen für unsere Gesellschaft als die deutsche Wiedervereinigung. Das gilt in organisatorischer und viel stärker noch in kultureller Hinsicht.

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, das Statistische Bundesamt und die Vereinten Nationen (UN) beschreiben eine andere Zukunft. Sie gehen davon aus, dass die Bevölkerung in Deutschland schrumpfen wird. Mal um drei Millionen in den kommenden 15 Jahren, mal um zehn Millionen bis 2050. Ich glaube nicht an diese Zahlen.

Ich erwarte, dass 2050 in Deutschland 93 Millionen Menschen leben werden. Vielleicht sogar noch mehr. Im Jahre 2014 hatten wir mehr als eine Million Zuwanderer und lagen damit weltweit – nur knapp hinter den USA – an zweiter Stelle. 2015 dürften es rund 1,5 Millionen gewesen sein.

Flüchtlingskrise - Sechs Monate "Wir schaffen das!“ Vor einem halben Jahr setzte die Bundesregierung die Drittstaatenregelung des Dublin III-Abkommens faktisch außer Kraft, mehrere Hunderttausend Flüchtlinge sind seitdem nach Deutschland gekommen. Eine Zwischenbilanz

Zuwanderer sind nicht nur Asylbewerber, sondern auch EU-Bürger und Einwanderer aus anderen Ländern. In den vergangenen Jahren kamen die meisten Zuwanderer aus Zentral- und Osteuropa sowie dem Westbalkan, nun kommen viele aus Krisenländern wie Syrien, Irak und Afghanistan.

Mittel- und längerfristig wird jedoch die große Welle aus Afrika kommen. Heute hat Afrika etwa eine Milliarde Einwohner, bis 2050 wird sich die Bevölkerung verdoppeln, prognostizieren die UN. Laut Umfragen wollen schon jetzt 40 Prozent der Afrikaner nach Europa – wie viele werden es 2050 sein?

Wegen dieser Prognosen bin ich überzeugt, dass sich die Zuwandererströme nicht generell aufhalten lassen, sie lassen sich allenfalls abmildern. Wir müssen damit leben, dass in den kommenden Jahrzehnten Millionen von Menschen nach Deutschland strömen werden. Kein Zaun, keine Mauer, keine Militäraktion wird das verhindern können. Natürlich sollten wir alles tun, um die Lebensbedingungen in Afrika zu verbessern und Frieden in Krisengebieten zu schaffen. Aber das wird nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Die "Völkerwanderung" wird trotzdem stattfinden.

Das Statistische Bundesamt geht in seiner Langzeitprognose von einer jährlichen Nettozuwanderung von 200.000 aus. Ich halte 800.000 für eine wesentlich realistischere Größenordnung. Bis 2050, also in 35 Jahren, kommen so gut 20 Millionen mehr zusammen als in den heutigen Prognosen. Es wären dann 93 Millionen.

Egal, ob es letztlich 93 Millionen sein werden, ob viel mehr oder etwas weniger, sicher ist, dass Deutschlands Bevölkerung wachsen wird. Unser Demografieproblem ist gelöst. Wir brauchen riesige Investitionen, um die zusätzlichen Menschen mit Wohnungen und Arbeitsplätzen zu versorgen. Solche Investitionen sind Wachstumstreiber par excellence – Deutschland erlebte das schon einmal während der Nachkriegszeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Wie sich Einkommen und Wohlstand entwickeln, hängt vor allem davon ab, ob wir es schaffen, die Ankommenden zu integrieren. Und wir müssen alles dafür tun, sie so auszubilden, dass sie einen produktiven Beitrag leisten können. Auch wenn das Milliarden Euro kostet. Vorbild können hier die USA sein, die beispielsweise Zuwanderer aus Asien sehr produktiv einbinden.

In den Osten Deutschlands und ins Ruhrgebiet werden mehr Menschen ziehen. Ein Schweizer Investor kauft schon jetzt in ostdeutschen Städten ganze Straßenzüge. Seine Begründung: "Deutschland ist im Hinblick auf Klima und Infrastruktur so attraktiv, dass es nicht unbesiedelt bleiben wird."

Wie sich die Entwicklung auf den Arbeitsmarkt auswirken wird, lässt sich nur schwer vorhersagen. Eine wachsende Bevölkerung bedeutet mehr Arbeitsplätze. Niedrig Qualifizierte werden durch die Zuwanderer unter Druck geraten. Wenn die Bildungsinitiativen Früchte tragen, wird der Talentmangel abgemildert.

Die Zuwanderung macht es möglich, die deutsche Wirtschaft weiter zu internationalisieren. In den vergangenen Jahrzehnten gab es beispielsweise keinen Mangel an Polnisch oder Russisch sprechenden Nachwuchskräften. Das hat uns in den Heimatmärkten dieser Zuwanderer sehr geholfen.

Wir sollten also nicht von der Flüchtlingsproblematik sprechen, sondern von einer Chance.