Die Favela Vila Autodromo in Rio de Janeiro © Mario Tama/Getty Images

Eigenartiges kann passieren, wenn man sich in die Armutsviertel von Rio de Janeiro begibt. Man verliert die Gewissheit darüber, wer die Guten und die Bösen sind. Viele Favelas der Zwölfmillionenstadt werden von Drogenbanden kontrolliert, also blickt man in manchen Hauseingängen brutalen Killern ins Auge, die halbautomatische Waffen tragen. Auf den zweiten Blick sind sie dann ängstliche Teenager, denen niemand eine Chance auf ein ehrliches Leben gibt. Man begegnet Polizisten, die treu ihre Arbeit als Schutzmann verrichten, und anderen, die schon an Folterungen und öffentlichen Hinrichtungen beteiligt waren. Man begreift, was manche Bewohner der Armutsgebiete sagen: "Unter den Drogenbossen geht es uns meistens okay." Nicht schlechter jedenfalls als in den Händen des brasilianischen Staates, der die Armen immer wieder im Auftrag der Reichen an den Rand gedrängt hat.

Auf diese unübersichtliche Realität ist der Brite Misha Glenny gestoßen, ein Sachbuchautor mit Interesse an mafiösen Strukturen und Drogenhandel. Für sein neues Werk hat er einen Drogenboss über sein Leben ausgefragt: Antônio Francisco Bonfim Lopes, auch unter dem Pseudonym "Nem" bekannt, übersetzt: das Baby. Nem herrschte einmal über die Favela Rocinha, die einen Berg in der ansonsten vornehmen Südzone von Rio bedeckt. Seit 2011 sitzt er im Hochsicherheitsgefängnis, wo Glenny seine zehn Interviews mit ihm führte. Ein spannendes Buch ist daraus entstanden. Der routinierte Erzähler Glenny erweckt Nems Erinnerungen zum Leben, sie führen in atemlose Jagden durch Straßenschluchten, Eifersuchtsdramen und Favela-Partys.

Gleich zu Beginn stößt Glenny den Leser in die moralische Verwirrung, in der man hier so schnell steckt. Er beschreibt die Verzweiflung des jungen Familienvaters Antônio, der mit 23 Jahren Angestellter bei einem Zeitungsvertrieb war, als seine Tochter schwer erkrankte. Der brasilianische Staat würde nicht helfen, also stieg Antônio "auf den Berg", ins Hauptquartier des Drogenbosses "Lula". Er bekam einen Kredit für Medizin und musste ihn zurückzahlen, indem er für Lula Schmiere stand. Antônio Nems Bandenkarriere hatte begonnen. Der spätere Drogenboss reicht über den Autor Glenny eine Frage an die Leser weiter: Und was hätten Sie an meiner Stelle getan?

Es liegt an der Recherchemethode, dass die Schilderungen großteils aus Nems Perspektive erfolgen – das ist kaum zu vermeiden, aber als Leser muss man auf der Hut bleiben. Ausführlich erfährt man, wie schlimm Antônios Kindheit war, die Eltern Alkoholiker in einem Armutsviertel, er selber geschnitten von der wohlhabenderen Jugend der Stadt. Man liest, dass Nem als Bandenchef dufte war: Er untersagte offen getragene Waffen, ächtete Vergewaltiger, verteilte Essenskörbe an arme Leute, ganz der nette Drogenboss von nebenan. Nur nebenbei erfährt man von Nems Virilitätsbeweisen: von einer brutal zusammengeschlagenen Ehefrau, von Geliebten in Todesangst. Dabei hat Glenny sich eigentlich viel Mühe gegeben, seinem Interviewpartner nicht auf den Leim zu gehen: Er hat akribisch gegenrecherchiert, sich mit Weggefährten Nems getroffen, den Sicherheitschef der Stadt ausgefragt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Richtig unangenehm wird die einseitige Perspektive, wo der Autor nach den einfühlsamen Schilderungen Nems über dessen Gegner schreibt. Die Antidrogenpolizei "BOPE" zum Beispiel? Das sei "eine ruchlose paramilitärische Streitmacht", und Punkt. Vielleicht ist am Ende der Wunsch, die Welt in Gut und Böse zu unterteilen, mit dem Autor durchgegangen.

Misha Glenny: Der König der Favelas. Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption; aus dem Englischen von Dieter Fuchs; Tropen, Stuttgart, 2016; 410 S., 22,95 €